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20.02.2016

14:05 Uhr

Flüchtlingskrise

Allein in einem fremden Land

Ripon ist 17. Er hat sich allein durchgekämpft über drei Kontinente. Jetzt sitzt er in einem italienischen Bergdorf. Ein Besuch bei einem Flüchtlingsjungen, dessen Weg typisch ist für viele Kinderschicksale in Europa.

Der 17-Jährige Ripon sitzt in Cerro al Volturno in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf seinem Bett. dpa

Ripon aus Bangladesch

Der 17-Jährige Ripon sitzt in Cerro al Volturno in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf seinem Bett.

Cerro al VolturnoUnruhig spielt er mit den Gummiarmbändern an seinem Handgelenk, kippelt mit dem Stuhl vor und zurück. Es fällt dem 17-Jährigen sichtlich schwer, seine Geschichte zu erzählen. Als Ripon vor mehr als eineinhalb Jahren in Bangladesch aufbrach, hatte er ein klares Ziel: Schnell Geld verdienen, sagt er. Jetzt sitzt er in einer Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge in Cerro al Volturno, einem Bergdorf in Italien. Er bekommt dort zehn Euro Taschengeld in der Woche.

Draußen ist es nebelig. Nur ab und zu scheint die Sonne durch das graue Einerlei zwischen schneebedeckten Anhöhen. Drinnen, in dem blau gestrichenen Haus, das früher eine Pension war, ist es kalt. Die acht Jungen, die hier leben, tragen Jacken.

Sie sind zwischen 13 und 17 Jahre alt. Die meisten kommen aus Afrika. Ob Ripon hier bleiben will? Wer weiß. Für viele junge Flüchtlinge, die sich ohne Familie durchschlagen, ist Italien nur ein Sprungbrett. Nicht wenige wollen weiter nach Norden.

Asylsuchende in Deutschland

Asylanträge

Die beim Bamf eingegangenen Asylgesuche bilden die einzige gesicherte Zahl. Im Gesamtjahr 2015 waren das 476.649 und damit rund 273.800 oder 135 Prozent mehr als 2014. Die bisherige Rekordzahl liegt 23 Jahre zurück: Unter anderem als Folge der Balkan-Kriege gab es 1992 438.200 Asylanträge.
Hauptherkunftsländer der Antragsteller waren 2015 Syrien (162.510), Albanien (54.762), Kosovo (37.095), Afghanistan (31.902) und Irak (31.379). Nimmt man noch Serbien (26.945) und Mazedonien (14.131) hinzu, kamen rund 133.000 Asylanträge aus vier der sechs Westbalkan-Länder, die 2014 und 2015 zu sicheren Herkunftsländern erklärt wurden.

Easy-Zahlen

Eingereist sind 2015 weitaus mehr Flüchtlinge und Asylbewerber. Das zeigt die Datenbasis zur Erstverteilung von Asylsuchenden (Easy), in der Schutzsuchende registriert werden, um nach einem festgelegten Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt zu werden. Dort wurden laut Innenministerium 2015 rund 1,092 Millionen Zugänge registriert. Darunter waren rund 428.500 Syrer (rund 40 Prozent). Während die Neuzugänge bis November jeden Monat deutlich stiegen, gingen sie im Dezember zurück auf 127.300 nach 206.100 im Vormonat.
Die Easy-Zahl übersteigt die Asylanträge, weil viele Asylsuchende schon vor dem Asylantrag von den Ländern an die Kommunen weitergeleitet werden, da die Kapazitäten der Erstaufnahmeeinrichtungen erschöpft sind. Der formale Asylantrag kann sich daher um Wochen verzögern. Eine unbekannte Zahl der bei Easy Registrierten nutzt Deutschland auch nur als Durchgangsstation etwa auf der Reise nach Skandinavien.

Entschiedene Asylanträge

Das Bundesamt für Migration entscheidet zwar über mehr Anträge als im vorigen Jahr. Doch mit dem raschen Zustrom der Flüchtlinge hält es nicht Schritt. Laut Bilanz für 2015 wurden 282.726 Entscheidungen getroffen, mehr als doppelt so viele wie 2014. Davon erhielten 48,5 Prozent den Flüchtlingsstatus laut Genfer Konvention zuerkannt und dürfen damit in Deutschland bleiben. Davon wiederum wurden 2029 (0,7 Prozent aller Entscheidungen) als Asylberechtigte nach Artikel 16a des Grundgesetzes anerkannt. Von den entschiedenen syrischen Anträgen wurden 95,8 Prozent als Flüchtlinge anerkannt. Für Albaner, Kosovaren und Serben lag die Quote bei null Prozent.

Nicht entschiedene Anträge

Die Zahl der noch nicht entschiedenen Anträge stieg bis Ende 2015 auf 364.664. Hinzu kommt eine nicht bezifferbare Zahl von Flüchtlingen, die bereits registriert sind, deren Asylantrag aber noch nicht erfasst wurde. Der Antragsrückstau ist eines der größten Probleme. Das Bamf hat daher für 2016 4000 weitere Stellen bewilligt bekommen, wodurch die Mitarbeiterzahl auf etwa 7300 steigt. Bamf-Chef Frank-Jürgen Weise, der auch Chef der Bundesagentur für Arbeit ist, zeigte sich am Dienstag zuversichtlich, dass die 4000 neuen Beschäftigten „im besten Fall bis Mitte des Jahres qualifiziert im Einsatz“ seien.

Verfahrensdauer

Als ersten Erfolg werten das Bamf und das Innenministerium, dass sich die Verfahrensdauer für Syrer verkürzt hat. Sie stieg nach Angaben des Innenministeriums von 3,5 Monaten (Januar 2015) zunächst auf 4,3 Monate (Juni), sank bis Dezember aber auf 2,5 Monate. Für Antragssteller, die seit Jahresbeginn 2016 eingereist sind, könnte es wieder länger dauern: Für sie gilt wieder die Einzelfallprüfung mit persönlicher Anhörung durch den sogenannten Entscheider.

Vor neun Monaten kam Ripon in Italien an. Seit einer Woche lebt er in der neuen Unterkunft in der Provinz Molise. Der schmächtige Junge lacht viel, wenn er spricht. Oft sieht es aus, als versuche er Unsicherheiten zu überspielen. Beim Thema Familie verdüstert sich sein Gesicht: „Familie großes Problem.“

Vor drei Jahren sei der Vater gestorben, erzählt er in brüchigem Italienisch. Als sein älterer Bruder heiratete, sei er plötzlich Familienoberhaupt gewesen - und habe für die anderen sorgen müssen. Kontrollieren lässt sich seine Geschichte, wie bei so vielen anderen Migranten, kaum.

In dem Bergdorf beginnt für die Jugendlichen ein neues Leben. dpa

Flüchtlingskind

In dem Bergdorf beginnt für die Jugendlichen ein neues Leben.

In Bangladesch, so berichtet Ripon, ließ sich keine gut bezahlte Arbeit finden. In Libyen will er sechs Monate gejobbt haben. Doch Kriminelle hätten ihn betrogen um seinen Lohn. Dann sei er gezwungen worden, auf ein Boot nach Italien zu steigen.

Für Ripon heißt Europa jetzt: Er soll nicht mehr arbeiten. Er wurde registriert. Er soll zur Schule gehen, Italienisch lernen. „Alle sagen, sie brauchen Geld, um es ihrer Familie zu schicken“, berichtet die Koordinatorin der Unterkunft, Antonella Di Lollo. „Sie kommen hier an und haben den Traum, in Europa reich zu werden.“

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