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11.11.2015

19:46 Uhr

Flüchtlingskrise

Belastungsprobe für eine Freundschaft

VonAnja Stehle

Der Migrationsstrom fordert die deutsch-französische Politik heraus. Auf einer Handelsblatt-Tagung sprechen Experten beider Länder über die gewaltige Herausforderung. Dabei zeigen sich große Differenzen.

Medef-Vizechefin Boissard (2. von li.), BDI-Chef Grillo (Mi.) und der französische Staatssekretär Fekl (re.): Die  Experten aus Industrie und Politik diskutierten mit Handelsblatt-Chefredakteur Jakobs (li.) über die Flüchtlingskrise.

Handelsblatt-Tagung in Berlin

Medef-Vizechefin Boissard (2. von li.), BDI-Chef Grillo (Mi.) und der französische Staatssekretär Fekl (re.): Die Experten aus Industrie und Politik diskutierten mit Handelsblatt-Chefredakteur Jakobs (li.) über die Flüchtlingskrise.

BerlinIn Krisen zeigt sich die Belastbarkeit einer Freundschaft. Auch das deutsch-französische Doppel, lange Zeit die Großkraft eines zusammenwachsenden Europas, steht angesichts des Flüchtlingsproblems vor einer Belastungsprobe. Was bleibt von den Plänen zur Konvergenz?

Darauf gibt es keine einfachen Antworten, wie bei der Diskussion der Experten aus Industrie und Politik auf dem zweiten deutsch-französischen Business Forum der französischen Finanzzeitung „Les Echos“ und des Handelsblatts am Dienstag in Berlin klar wurde.

Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), sieht zur Lösung des Flüchtlingsproblems die Firmen in der Pflicht; sie könnten Ausbildungsplätze für Migranten oder Unterkünfte bereitstellen.

In Deutschland – mit Fachkräftemangel und der immer älter werdenden Gesellschaft – seien die Migranten als Chance zu begreifen: „Im Jahr 2020 fehlen uns fünf Millionen Arbeitskräfte. Die Flüchtlinge können dazu beitragen, unser demografisches Problem zu lösen.“ Trotzdem, mahnt er, sei nun vor allem die Politik gefragt. Und in Richtung der Freunde in Paris appelliert er: „Wir müssen jetzt beweisen, dass Europa funktioniert, das ist der Lackmustest.“

Nur schwer findet Europa zu effektiven Lösungen. Und Frankreich will maximal 60 000 Flüchtlinge nehmen, nach Deutschland aber kommt 2015 womöglich eine Million.
Matthias Fekl, Staatssekretär in Frankreichs Ministerium für Außenhandel, Tourismusförderung und Auslandsfranzosen, will die oft geäußerte Kritik nicht gelten lassen, wonach es keinen Schulterschluss zwischen Paris und Berlin in Sachen „refugees“ gebe.

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Eine überforderte Politik, eine Kanzlerin in Not und ein eskalierender Streit zwischen EU-Staaten: Der Umgang mit der Krise entscheidet über das politische und ökonomische Schicksal Deutschlands. Berechnungen und Szenarien zweier Top-Ökonomen.

Die Partnerländer hätten bereits auf EU-Ebene gemeinsame Forderungen formuliert, zum Beispiel die Einrichtung von Hotspots an Europas Außengrenzen. Außerdem habe man sich europaweit auf Quoten verständigt.

Doch können die alten Freunde nicht verbergen, dass es auch große Unterschiede in der Frage gibt, wie man mit den vielen Migranten am besten umgehen soll. Während Deutschland die Grenzen öffnet, zeigen sich die Franzosen weniger aufnahmebereit und betonen stattdessen ihr militärisches Engagement.

Flüchtlingsströme und der Bürgerkrieg in Syrien sind für Frankreich zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die Republik geht im Irak und in Syrien gegen IS-Terrormilizen vor. „Damit engagieren wir uns dort, von wo die Flüchtlingswelle ausgeht“, sagt Fekl. Frankreich bleibe jedoch im Kampf gegen den Terror oft alleine.

Man habe „keine Lektionen und keine Ermahnungen nötig“, sagt der französische Handelsminister, der in Frankfurt aufgewachsen ist und perfekt Deutsch spricht. Frankreich sei schlicht in einer anderen Lage als Deutschland. Aber: Die meisten Franzosen hätten viel Respekt für Angela Merkel und ihre Ansage: „Wir schaffen das.“ Die Kanzlerin habe auf die Leistungsfähigkeit der EU vertraut, sagt BDI-Chef Grillo, da dürfe sie nicht enttäuscht werden.

Frankreich ist bisher Transitland für die Migranten: Die meisten Flüchtlinge wollen nicht bleiben, sondern weiterreisen, zum Beispiel nach England. Das liege vor allem an der vergleichsweise hohen Arbeitslosigkeit, beobachtet Sophie Boissard, Vizechefin von Medef, dem französischen Partnerverband des BDI. In Deutschland würden sie schneller Arbeit finden.

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