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30.09.2015

08:24 Uhr

Flüchtlingskrise

Menschenschmuggel – Einträglicher als Drogenhandel

VonGertrud Hussla

Jede Woche schnappt die deutsche Polizei Dutzende Schleuser auf den Autobahnen. Doch an die Hintermänner kommen die Behörden nur schwer heran. Denn das Flüchtlingsdrama ist ein Milliardengeschäft.

Nach dem Flüchtlingsdrama in Österreich hat die Polizei in Bayern die Fahndung nach Schleuserbanden verstärkt. dpa

Fahndung nach Schleuserbanden

Nach dem Flüchtlingsdrama in Österreich hat die Polizei in Bayern die Fahndung nach Schleuserbanden verstärkt.

PassauEs ist eine barocke Bilderbuchstadt an der Grenze zu Österreich. Rund 5000 Amerikaner, Engländer oder Japaner besuchen täglich das historische Passau um sich an seinen dicken Gemäuern, reich verzierter Kirchen und der idyllischen Flusslandschaft zu erfreuen. Von einem ähnlich großen Strom von Besuchern aus ganz anderen Ländern bekommen die meisten von ihnen nichts mit: Tausende erschöpfte Menschen aus Syrien, Kosovo oder Afghanistan landen derzeit Tag für Tag am Zusammenfluss von Donau und Inn.

Hunderte Polizisten nehmen diese Ankömmlinge im hinteren Teil des Bahnhofs in Empfang, oder greifen sie an Brücken und auf der Autobahn auf, erfassen ihre Daten und stecken sie in Busse. Es sind Flüchtlinge. Sie haben oft mehr für ihre Reise bezahlt, als die Gäste der eleganten Kreuzfahrtschiffe am Kai der Donau.

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download.

Die Menschen aus Vorderasien oder Afrika haben sich internationalen Banden anvertraut, nur um nach Deutschland zu kommen. Im Internet, an Basaren und Häfen wurden sie gelockt. Für die Bosse der Schlepperbanden ist es ein Milliardengeschäft mit Zentren in Istanbul, Rom, Budapest oder Tripolis. Für ihre Kunden ist es die teuerste und gefährlichste Reise ihres Lebens. Ein Trip voller Strapazen, Ausgang ungewiss.

Ankunft eines neuen Zugs voller Flüchtlinge aus Salzburg: Der Syrier Ahmad Harba aus der Nähe von Aleppo hat 3.500 Dollar für seine Reise bezahlt. Waqar Ahmad, ebenfalls aus Syrien, hat seinen Schleusern vorab 5.000 Dollar gegeben. Dazu kamen noch einmal 1.000 Euro für das Boot von der Türkei nach Griechenland. Es war ein Ruderboot. Er musste die gefährliche Strecke selber rudern, zweieinhalb Stunden lang.

Übersetzer Mohamed Daod aus dem Irak wiederum hat seriös auftretenden Werbern 13.000 Dollar gegeben, für den Flug von der Türkei nach Europa und ein Visum. „Es gab weder Flug noch Visum“, sagt er. Er und viele andere mussten drei Tage und drei Nächte marschieren, durch steiles Gebirge, ohne jede Betreuung. Die Syrerin Aysha Aliga musste für sich Mann und Tochter 3000 Dollar für eine Mittelmeer-Fahrt in Motorboot bezahlen. Es war sieben Meter lang, 38 Erwachsene und 18 Kinder waren darin.

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

Jeder hier hat eine solche Geschichte. Alle haben sie ihr letztes Geld zusammengekratzt. „Mit dem Menschenschmuggel wird rund um Europa heute mehr verdient als im Drogengeschäft“, sagt Ermittler und Polizeisprecher Stephan Wittenzellner von der Bundespolizei in München.

Kommentare (122)

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Account gelöscht!

30.09.2015, 08:40 Uhr

Es ist doch Schwachsinn hier von Menchenschmuggel zu sprechen. Es ist auch Schwachsinn die Schleusser als krimminell zu bezeichen.....
....wenn die Kanzlerin ganz offiziell die gesamte Menschheit, die mit ihren Leben unzufrieden ist, nach Deutschland eingeladen hat. Jeder der auf der Flucht ist in der Welt, der ist laut der Willkommenskanzlerin auch in Deutschland herzlich willkommen. Und JEDER, wirklich JEDER in Afrika, Nahen oder Mittleren Osten in Asien wird einen Grund haben von seinen Armutsleben flüchtten zu wollen. Somit ist die Kanzlerin doch die Größte Schlepperin mit ihrer Grün-Sozialistisch geprägten Multi-Kulti Willkommenskultur.
Die Kanzlerin Merkel hat so zu sagen aus der Schleppermafia eine anerkannte Dienstleistungsbranche im Sinne der Willkommenskultur und jeder ist Willkommen gemacht. Ganz nach dem Geschmack der Grünen Multi-Kulti Politik.

Herr Rudi Rastlos

30.09.2015, 08:43 Uhr

Deutschland schafft sich ab,...leider.
In Politik ( Merkel & Co. ), Industrie ( VW & Co. ), sowie Gesellschaft ( Gauck & Co. ),
bestimmt Gier, Dummheit und fehlende Leitlinien die Bundesrepublik.
Der Islam und unser Grundgesetz sind eben nicht beliebig kombinierbar.
Zu viele Menschen als Einwanderer sind eben nicht gut für unser Zusammenleben.
Gier und Profitsucht sind eben nicht soziale Marktwirtschaft.
Wir sollten Neuwahlen ausschreiben - und Deutschland auch Ethisch reformieren.

Account gelöscht!

30.09.2015, 08:46 Uhr

Sehr geehrter Herr Hoffmann,

nicht vergessen sollte man in diesem Zusammenhang die Bundesmarine, die im Mittelmeer kreuzt. Wenn sie Menschen auf dem Weg ins vermeintlich gelobte Land Deutschland aus Seenot rettet, bringt sie sie nicht etwa zurück nach Afrika, sondern bringt sie sicher und gut versorgt nach Italien. Die Bundesmarine ist einer der größten Schleuserbetriebe der Gegenwart. Allerdings nimmt sie keine Gebühren, sondern stellt ihren Service gratis zur Verfügung.

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