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01.07.2016

14:00 Uhr

Flüchtlingskrise

S.O.S. im Mittelmeer

VonRegina Krieger

Die Flüchtlingskrise ist so gut wie aus den Schlagzeilen verschwunden. Doch täglich kommen weiterhin Tausende übers Mittelmeer nach Europa. Denn eins hat die Politik nicht bedacht: die neue Route.

Flüchtlingskrise

Zehn Tote auf gerettetem Schlauchboot

Flüchtlingskrise: Zehn Tote auf gerettetem Schlauchboot

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Rom1.288 Menschen an einem Tag waren es Mitte der Woche. Männer, Frauen, Kinder. Sie wurden bei sechs Einsätzen aus dem Mittelmeer gerettet und nach Europa gebracht. Europa, das ist für die Flüchtlinge aus den Subsahara-Ländern erst einmal Italien: Lampedusa, Sizilien, Kalabrien, Apulien. Doch sie wollen weiter, nach Deutschland oder Frankreich. Die Flüchtlingskrise ist nach dem Brexit aus den Schlagzeilen verschwunden, die Aufmerksamkeit nach der Schließung der Balkanroute im März abgeflacht, die EU hat sich auf den September vertagt. Doch der Strom der Menschen reißt nicht ab, die sich für viel Geld von den Schleppern unter Todesgefahr nach Norden bringen lassen.

Bei dieser Aktion war wie immer die italienische Küstenwache beteiligt, dazu zwei Schiffe der Kriegsmarine und zwei Handelsschiffe, die sich in der Nähe befanden. Die „Guardia Costiera“ koordiniert alle Rettungseinsätze im Mittelmeer in ihrer Einsatzzentrale in Rom, dort kommen die Hilferufe von den Satellitentelefonen an, die die Menschen auf den kaum seetauglichen Schlauchbooten haben – je eins pro Boot. Je schöner das Wetter, umso mehr Menschen kommen über das Meer.

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Und sie kommen nach der Schließung der Balkanroute nicht nur aus Libyen, sondern seit kurzem auch aus Ägypten. In den vergangenen vier Tagen waren es insgesamt 13.000 Flüchtlinge, wie das Innenministerium in Rom mitteilt. Seit Jahresbeginn sind 65.000 Migranten in Italien angekommen – nicht mehr als im vergangenen Jahr –, aber genug, um die italienischen Behörden vor große Probleme zu stellen. Die Auffanglager sind überfüllt, das Personal kommt kaum nach mit der Registrierung. Denn nur wer seine Fingerabdrücke gibt, hat Anspruch auf ein Asylverfahren, wenn er aus einem Bürgerkriegsland kommt. Die anderen müssen zurück.

Was treibt Flüchtlinge nach Europa?

Syrien

Die Syrer stellen die größte Gruppe; 2014 kamen nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 66 700. Millionen Syrer sind auf der Flucht vor einem extrem brutal ausgetragenen Religions- und Bürgerkrieg; viele sind Flüchtlinge im eigenen Land oder gingen in die Türkei und den Libanon.

Eritrea

Das Land am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Präsident Isaias Afwerki regiert seit 1993 mit eiserner Faust. Oppositionelle werden ermordet oder inhaftiert. Viele junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Laut Frontex nahmen 2014 rund 34 300 Menschen aus Eritrea das Risiko einer Überfahrt auf sich.

Afghanistan

Nach vielen Jahren Bürgerkriegs liegen Infrastruktur und Wirtschaft des Vielvölkerstaats am Boden. Industrie gibt es kaum. Dafür floriert der Drogenhandel und die Taliban sind unbesiegt. Viele Afghanen sehen daher keine Zukunft in ihrer Heimat.

Mali

Die 16 Millionen Einwohner des armen Wüstenstaates kämpfen um das tägliche Überleben. Nach einem Militärputsch hatten Islamisten 2012 den Norden erobert und waren erst von einer internationalen Truppe zurückgeworfen worden. Die Sicherheitslage bleibt prekär und die Korruption hemmt die Entwicklung.

Nigeria

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in Teilen des Nordostens einen Gottesstaat ausgerufen. Ihre Angriffe kosteten Tausende das Leben. 1,5 Millionen Menschen flohen vor der Miliz in andere Landesteile oder ins Ausland. Mehr als die Hälfte der Einwohner des potenziell reichen Landes lebt in extremer Armut.

„Die Situation ist derzeit kontrollierbar, jedoch müssen wir uns nach wie vor auf große Flüchtlingsströme auch aus Afrika einstellen und gewappnet sein“, sagt der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) dem Handelsblatt in Rom nach einem Gespräch mit Franco Gabrielli, der seit April Polizeichef und für die öffentliche Sicherheit verantwortlich ist. Italien komme derzeit seinen Verpflichtungen zur Aufnahme und Durchführung der Asylverfahren nach, wie im Dublin-Abkommen vereinbart, so Herrmann. Aber: „Primäres Ziel muss es sein, alle EU-Außengrenzen dauerhaft wieder zu sichern und zu kontrollieren.“

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