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23.02.2016

10:30 Uhr

Flüchtlingslager bei Calais

Vergessen im Dreck – mitten in Europa

VonThomas Hanke

Wer keine Chance mehr auf den Weg ins gelobte England sieht, strandet in der Schlammwüste von Grande-Synthe. Die Flüchtlinge haben den „Dschungel“ von Calais eingetauscht gegen eine neue Wildnis. Ein Besuch in dem Lager.

Seit Jahren hausten auf dem Gelände, auf dem einmal eine ökologisch vorbildliche Neubausiedlung entstehen soll, rund 100 Migranten mitten im Schlamm. dpa

Flüchtlinge in Grande-Synthe

Seit Jahren hausten auf dem Gelände, auf dem einmal eine ökologisch vorbildliche Neubausiedlung entstehen soll, rund 100 Migranten mitten im Schlamm.

DunkerqueBis zum Knöchel, manchmal bis zur Wade reicht der Schlamm. Jeder im Flüchtlingslager von Grande-Synthe zwischen Dunkerque und Calais trägt dicke Arbeitsschuhe oder Gummistiefel. Denn seit Wochen hat der Regen den Boden zwischen den wild durcheinanderstehenden Zelten aufweichen lassen. Hierhin sind die Menschen ausgewichen, die keine Chance mehr sehen, von Calais aus durch den Kanaltunnel oder auf einem Lastwagen ins gelobte England zu kommen. Sie haben den „Dschungel“ von Calais eingetauscht gegen eine neue Wildnis, die Schlammwüste von Grande-Synthe.

Vor einem Zelt kurz hinter dem Eingang steht Mohammed Hassan. Wie die meisten hier ist er Kurde aus dem Irak. Seit drei Monaten lebt er im Lager. „Ich will weg, es gibt fast jede Nacht Schüsse, das ist eine Mafia-Hochburg.“ Er träumt von der Insel, wie alle, die sich bis zur Kanalküste durchgeschlagen haben: „In England better life“, fasst er seinen Traum in vier Worten zusammen. Einer der Punkte, von denen aus die Flüchtlinge nach England zu kommen versuchen, ist eine Tankstelle in rund 500 Meter Entfernung. Dort halten die großen Sattelzüge, die anschließend im drei Kilometer entfernten Hafen auf die Fähren rollen.

Thomas Hanke

Der Autor

Thomas Hanke ist Handelsblatt-Korrespondent in Paris.

„Very hard, very hard“, Mohammed schüttelt den Kopf, als ich ihn nach den Chancen frage, aus eigener Kraft auf einen der Lkw zu kommen und sich in der Ladung zu verstecken. Die niedrigen Temperaturen machen es nicht einfacher: „Lorry very cold“. Die Fahrer und auch die Polizei versuchten, die langen Sattelschlepper abzusichern, damit kein Flüchtling aufspringen und die Plane zerschneiden kann. Mohammed hat deshalb eine andere Variante probiert: 500 Pfund habe er einem Schlepper gezahlt, damit der ihn auf einen Lkw bringe. Manche Fahrer arbeiten angeblich mit den professionellen Fluchthelfern zusammen. Mohammeds Investition war vergeblich: Das Geld ist weg, er selber aber noch immer im Lager. Woran genau es gescheitert ist, sagt er nicht. Ob es noch einen zweiten Versuch geben wird, weiß er nicht.

Seine Familie ist schon seit neun Monaten im Morast von Grande-Synthe, er ist später nachgekommen. Im Irak habe er es nicht mehr ausgehalten, weil es „täglich Explosionen“ gegeben habe. Warum will er unbedingt nach England, riskiert dafür nicht nur sein Geld, sondern auch die eigene Gesundheit und die seiner Familie? In Frankreich sei es zu schwer, Arbeit zu finden, er habe aber Angehörige, die seit acht Jahren in England lebten und denen es gut gehe. Die Zustände im Lager seien unerträglich, „die Kinder sind krank“, klagt er. Der Kurde will nicht undankbar erscheinen: Er betont, die Helfer leisteten sehr viel für die Flüchtlinge, „aber den Kindern geht es trotzdem schlecht.“

Man begegnet im Camp vielen Kindern, die einen so leeren Blick und so müden Gang haben, als wären sie alte Männer. Sie haben Spielzeug, aber das interessiert sie weniger als die Runden der Männer, die um offene Lagerfeuer sitzen und als die Verkaufsstände, an denen Tabak, Zigarettenpapier und Feuerzeuge angeboten werden. An die drängen sie sich heran.

Kommentare (48)

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Account gelöscht!

23.02.2016, 10:55 Uhr

Das ist doch erst der Anfang....um so mehr illegale Einwanderer dem Ruf der Mutti Merkel hören um so mehr illegale Einwanderer, die ja nichts anderes sind als unzufriedene Menschen, machen sich auf den Weg ins Wohlstandspropagierende EU-Deutschland...in dieser EU-Deutschen Merkelwelt, wo Wein und Honig in Form von Sozialleistungen fließen.
Merkel und die gesamte Bundesregierung hat somit diese "Dschungel" und "Ghettos" zu Verantwortung...die auch nach der Pleite des Deutschen Sozialsystem = sozialen Frieden in Deutschland immer mehr entstehen werden.

Herr Marc Otto

23.02.2016, 11:03 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Frau Annette Bollmohr

23.02.2016, 11:06 Uhr

Sie nerven.

Die Lösung liegt nicht darin, die Opfer zu bekämpfen (seien Sie froh, dass Sie nicht an deren Stelle sitzen), sondern die Politik, die sie dazu motiviert, ihre Heimat überhaupt erst zu verlassen!!!

Ja, damit meine ich durchaus auch die deutsche Politik. Und nein, NICHT die angeblichen "Anreize", herzukommen!!!

So toll ist es bei uns nämlich auch nicht, dass man ohne Not seine eigene, vertraute Heimat verlässt und sich so eine Flucht antut!!

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