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24.10.2016

08:23 Uhr

Flüchtlingslager in Calais

Die Räumung des „Dschungels“ hat begonnen

Die Räumung des Flüchtlingslagers in Calais ist am Montagmorgen angelaufen. Kurz zuvor kam es im sogenannten „Dschungel“ wieder zu Krawallen. Die Polizei feuerte mit Tränengas auf die Migranten.

Flüchtlingslager in Calais

„Das ist die einzige Chance, die Flüchtlinge haben“

Flüchtlingslager in Calais: Französische Behörden: „Das ist die einzige Chance, die Flüchtlinge haben“

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CalaisIm nordfranzösischen Calais ist die Registrierung der Migranten aus dem wilden Flüchtlingscamp angelaufen. „Das ist ein wichtiger Tag. Der Staat macht eine beträchtliche Anstrengung“, sagte der Sprecher des Pariser Innenministeriums Pierre-Henri Brandet. Vor dem Registrierzentrum in der Nähe des „Dschungel“ genannten Camps warteten mehrere hundert Menschen.

Sie sollen dort befragt werden, bevor sie auf ganz Frankreich verteilt werden. Ein Asylverfahren findet dort noch nicht statt. Den Menschen sollen zwei Regionen vorgegeben werden, zwischen denen sie wählen können. Ausgenommen sind der Großraum Paris und Korsika.

In der Nacht war es dem Sprecher zufolge zu einigen Zusammenstößen gekommen. Polizisten feuerten Tränengasgranaten an einer Umgehungsstraße des Hafens und im Lager ab, wo sie dutzenden Steine werfenden Flüchtlingen gegenüber standen. Eine der Tränengasgranaten landete in einem Müllcontainer, der dadurch in Brand geriet.

Katastrophale Zustände in Calais: Die Franzosen verlieren allmählich die Geduld

Katastrophale Zustände in Calais

Die Franzosen verlieren allmählich die Geduld

Empörte Anwohner fordern eine Schließung des ausufernden Flüchtlingslagers in Calais. Die französische Regierung gerät sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl gewaltig unter Druck.

Bereits in der Nacht zum Sonntag hatte es Zusammenstöße zwischen Flüchtlingen und Polizisten gegeben. Schon seit Monaten gibt es rund um das Flüchtlingslager Auseinandersetzungen, etwa wenn Flüchtlinge im Hafen von Calais versuchen, Lastwagen zu stoppen, um als blinde Passagiere Großbritannien zu gelangen.

Man setze darauf, dass sich die Menschen freiwillig melden, sagte Brandet. „Keiner wird gezwungen, sich in einen Bus zu setzen.“ Seit langem arbeiteten die Behörden mit Hilfsorganisationen zusammen, um die Menschen davon zu überzeugen, das Lager zu verlassen. Es sei nicht geplant, die Zelt- und Hüttensiedlung, in der zuletzt etwa 6500 Menschen illegal lebten, noch am Montag einzureißen.

Behörden: 7500 Aufnahmeplätze stehen zur Verfügung

Von Behördenseite wurde zuvot eingeräumt, dass die Auflösung der Hütten- und Zeltstadt vor den Toren von Calais risikoreich ist. „Es wird am Montag sehr viele Menschen geben. Die Flüchtlinge denken, dass es nicht genug Platz gibt“, sagte die Präfektin des Départements Pas-de-Calais, Fabienne Buccio. Der Eindruck sei jedoch nicht richtig, denn 7500 Aufnahmeplätze stünden zur Verfügung.

Buccio sagte, die Flüchtlinge seien rechtzeitig informiert worden. Sie setzt darauf, dass sich die Menschen freiwillig in einer neu eingerichteten Halle bei der Einwanderungsbehörde melden. Sie könnten dann zwischen zwei Regionen in Frankreich wählen. „Wir werden diese Menschen aufnehmen“, sagte sie. Sie berichtete aber auch von beunruhigten Flüchtlingen: Diese hätten Unbekannte im Lager gesehen, die versucht hätten, Bewohner zu „beeinflussen“. Die Bewohner hätten um Schutz gebeten.

Die französischen Behörden wollten das Lager schon seit geraumer Zeit auflösen. Hilfsorganisationen versuchten dies mit juristischen Mitteln zu verhindern, doch ein Verwaltungsgericht gab am Dienstag grünes Licht für die Räumung. Betroffen sind Schätzungen zufolge 6000 bis 8000 Bewohner. Fast 200 minderjährige Flüchtlinge wurden vor der Räumung nach Großbritannien gebracht.

Positionen der Länder in der Flüchtlingskrise

Österreich

Die Zeit der Willkommenskultur ist vorbei. Verschärfungen der Asylgesetze sind geplant. Eine Verordnung zur Zurückweisung von Asylbewerbern direkt an der Grenze könnte kommen, sollte eine Obergrenze von 37.500 Flüchtlingen in diesem Jahr überschritten werden. Bis Ende August waren über 26.400 Menschen zum Asylverfahren zugelassen.

Deutschland

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat nach den Wochen der Öffnung vor einem Jahr längst einen Kurswechsel vollzogen. Verschärfte Asylgesetze, leichtere Abschiebungen, vor allem aber das Abkommen der EU mit der Türkei sollen den Flüchtlingszuzug bremsen. Nur das Wort „Obergrenze“, das die CSU von ihr fordert, wird sie nicht formulieren. Auf europäischer Ebene weiß Merkel, dass die feste Quote zur Verteilung von Flüchtlingen gescheitert ist. Schwerpunkt ist jetzt die Sicherung der Außengrenzen.

Griechenland

Seit Inkrafttreten des Flüchtlingspakts der EU mit der Türkei kommen nur noch wenige Flüchtlinge illegal von der Türkei nach Griechenland. Doch die Angst, dass der Pakt nicht standhält und der Zustrom wieder anschwillt, ist groß. Außerdem kritisiert die linke Regierung in Athen, dass die anderen EU-Länder trotz der vereinbarten Umsiedlung von rund 30 000 Flüchtlingen bisher nur wenige Tausend Menschen übernommen haben.

Ungarn

Der rechts-konservative Ministerpräsident Viktor Orban praktiziert schon seit dem Herbst 2015 eine Politik der Abschottung. An Ungarns Grenzen zu Serbien und Kroatien stehen stacheldrahtbewehrte Zäune. Budapest lehnt auch EU-Quoten zur faireren Verteilung von Asylbewerbern ab. Am 2. Oktober will Orban diese Ablehnungshaltung durch eine Volksabstimmung bestätigen lassen.

Rumänien

Das Land vertritt eine ähnliche Position wie Ungarn, nur in gemäßigterem Ton. Eine Verteilung der Flüchtlinge per Quote lehnt es ab, obwohl es bisher kaum betroffen war.

Slowenien

Die Regierung hat wiederholt vor einem neuen Ansturm gewarnt und will auf keinen Fall erneut Migranten nach Österreich durchschleusen. Das Land hat bereits einen Zaun zu Kroatien.

Serbien

Kritischer wird die Lage in Serbien, wo geschätzte 5000 Migranten festsitzen. Trotz gemeinsamer Militär- und Polizeipatrouillen kommen immer neue Flüchtlinge.

Mazedonien

In Mazedonien spielt nach fast zweijähriger tiefer politischer Krise und den bevorstehenden vorzeitigen Parlamentswahlen im Dezember das Flüchtlingsthema keine große Rolle. Der Grenzzaun zu Griechenland hält größere Menschenmengen ab.

Kroatien

Bisher hat sich Kroatien ausschließlich als Transitland verstanden, deshalb steht die Problematik nicht auf der Tagesordnung.

Albanien

Sehr wenig von der Krise betroffen ist auch Albanien. Deshalb ist die Situation der Flüchtlinge kaum ein Thema.

Bulgarien

Die Aufnahmezentren sind laut Regierungsangaben voll. Bulgarien versteht sich als Transitland und will es auch bleiben. Seit Jahresbeginn wurden gut 13.000 Flüchtlinge registriert, über die Hälfte ist weiter gezogen.

Christian Salomé, Chef der Hilfsorganisation „Auberge des migrants“, sagte, etwa 2000 Flüchtlinge wollten nicht den von der französischen Regierung vorgesehenen Weg gehen. „Einige werden sich in der Umgebung von Calais verstecken. Es droht dort eine Verfolgungsjagd“, sagte Salomé der Zeitung „Journal de Dimanche“.

Er sei zwar für die Schließung des „Dschungels“, doch für Neuankommende müsse es weiter eine Aufnahmeeinrichtung in der Hafenstadt am Ärmelkanal geben, forderte Salomé in der Zeitung „Nord Littoral“.

Die britische Ärztin Lynne Jones sagte der Deutschen Presse-Agentur, erst in der Nacht sei eine fünfköpfige Familie aus Syrien angekommen. Auf die Frage, ob sie die Auflösung begrüße, sagte sie: „Ich bin für eine gute Lösung für die Migranten.“ Dazu müsse unter anderem Großbritannien mehr tun.

Kommentare (5)

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Herr Hans Mayer

24.10.2016, 12:20 Uhr

Ein Unding, in einem Staat überhaupt solch eine Erpressung von "Wirtschaftsreisenden" zuzulassen, und es zeigt die Angst der Regierenden vor den Wahlen und Frau LePen.
Jetzt will man mal zeigen, dass man hart durchgreifen kann.

Herr Wolfgang Trantow

24.10.2016, 12:26 Uhr

Die Lösung des Flüchtlingsproblem aus meiner Sicht ist einfach: Alle Flüchtlinge, meist faule, kriminelle(Islam = Tötet Andersgläubige, nicht gewillt mit Nachbarn in Frieden leben) Sozialschmarotzer sofort in die Herkunftsländer zurückführen. Dort müssen Sie min. 5 Jahre Ihr Land zwangsweise, es sind ja Experten, aufbauen und der Welt geht es besser.

Herr Grutte Pier

24.10.2016, 12:32 Uhr

auf der zum Thema gehörenden Bilderstrecke das Übliche:

zu sehen sind ausnahmslos junge Männer.

Wo sind die schutzbedürftigen Frauen und Kinder, über die im Zusammenhang mit der "Flüchtlingskrise" immer herzergreifend berichtet wird?

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