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26.09.2016

10:22 Uhr

Flüchtlingslager in Frankreich

Das Ende des Dschungels

VonThomas Hanke

Zelte, Hütten und Container am Ärmelkanal, mitten in Europa: Nun soll der Dschungel von Calais endgültig geräumt werden. Dort kämpft der Chef der französischen Flüchtlingsbehörde um das Vertrauen der Geflüchteten.

Calais in Nordfrankreich

Hollande spricht Klartext: Flüchtlingslager soll bis zum Winter geschlossen sein

Calais in Nordfrankreich: Hollande spricht Klartext: Flüchtlingslager soll bis zum Winter geschlossen sein

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Calais36 Augenpaare fixieren den hochgewachsenen Franzosen mit Anzug und Krawatte, der aus Paris in die einfache Holzhütte gekommen ist. Sie steht mitten im „Dschungel“ von Calais, dem Lager aus Zelten, Hütten und Containern am Ärmelkanal, zwischen Autobahn und Industriegebiet. Gerammelt voll ist der niedrige Bau. Drei Dutzend Sudanesen hören hoch konzentriert Pascal Brice zu, dem Mann, der über ihr Schicksal entscheidet. „Calais is over. Sie haben hier keine Perspektive mehr“, versucht er jeden Zweifel auszuräumen. Die Regierung will das Lager räumen.

Brice leitet die französische Flüchtlingsbehörde OFPRA. In den nächsten Wochen hat er das 10.000-Mann-Problem zu lösen: Mitte oder Ende Oktober soll der Dschungel gerodet werden. Aber möglichst ohne Gewalt, ohne empörende Bilder von Polizisten, die mit Tränengas und Schlagstöcken gegen traumatisierte Menschen vorgehen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind. Und vor allem: Ohne dass Tausende in die völlige Illegalität untertauchen. Ein Ding der Unmöglichkeit? „Ich bin optimistisch“, versichert Brice. Er will die Flüchtlinge auf seine Seite ziehen. Genau wie die NGOs, die seit Jahren in Calais arbeiten. Aber Regierung und NGOs waren in der Vergangenheit meist Gegner.

Positionen der Länder in der Flüchtlingskrise

Österreich

Die Zeit der Willkommenskultur ist vorbei. Verschärfungen der Asylgesetze sind geplant. Eine Verordnung zur Zurückweisung von Asylbewerbern direkt an der Grenze könnte kommen, sollte eine Obergrenze von 37.500 Flüchtlingen in diesem Jahr überschritten werden. Bis Ende August waren über 26.400 Menschen zum Asylverfahren zugelassen.

Deutschland

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat nach den Wochen der Öffnung vor einem Jahr längst einen Kurswechsel vollzogen. Verschärfte Asylgesetze, leichtere Abschiebungen, vor allem aber das Abkommen der EU mit der Türkei sollen den Flüchtlingszuzug bremsen. Nur das Wort „Obergrenze“, das die CSU von ihr fordert, wird sie nicht formulieren. Auf europäischer Ebene weiß Merkel, dass die feste Quote zur Verteilung von Flüchtlingen gescheitert ist. Schwerpunkt ist jetzt die Sicherung der Außengrenzen.

Griechenland

Seit Inkrafttreten des Flüchtlingspakts der EU mit der Türkei kommen nur noch wenige Flüchtlinge illegal von der Türkei nach Griechenland. Doch die Angst, dass der Pakt nicht standhält und der Zustrom wieder anschwillt, ist groß. Außerdem kritisiert die linke Regierung in Athen, dass die anderen EU-Länder trotz der vereinbarten Umsiedlung von rund 30 000 Flüchtlingen bisher nur wenige Tausend Menschen übernommen haben.

Ungarn

Der rechts-konservative Ministerpräsident Viktor Orban praktiziert schon seit dem Herbst 2015 eine Politik der Abschottung. An Ungarns Grenzen zu Serbien und Kroatien stehen stacheldrahtbewehrte Zäune. Budapest lehnt auch EU-Quoten zur faireren Verteilung von Asylbewerbern ab. Am 2. Oktober will Orban diese Ablehnungshaltung durch eine Volksabstimmung bestätigen lassen.

Rumänien

Das Land vertritt eine ähnliche Position wie Ungarn, nur in gemäßigterem Ton. Eine Verteilung der Flüchtlinge per Quote lehnt es ab, obwohl es bisher kaum betroffen war.

Slowenien

Die Regierung hat wiederholt vor einem neuen Ansturm gewarnt und will auf keinen Fall erneut Migranten nach Österreich durchschleusen. Das Land hat bereits einen Zaun zu Kroatien.

Serbien

Kritischer wird die Lage in Serbien, wo geschätzte 5000 Migranten festsitzen. Trotz gemeinsamer Militär- und Polizeipatrouillen kommen immer neue Flüchtlinge.

Mazedonien

In Mazedonien spielt nach fast zweijähriger tiefer politischer Krise und den bevorstehenden vorzeitigen Parlamentswahlen im Dezember das Flüchtlingsthema keine große Rolle. Der Grenzzaun zu Griechenland hält größere Menschenmengen ab.

Kroatien

Bisher hat sich Kroatien ausschließlich als Transitland verstanden, deshalb steht die Problematik nicht auf der Tagesordnung.

Albanien

Sehr wenig von der Krise betroffen ist auch Albanien. Deshalb ist die Situation der Flüchtlinge kaum ein Thema.

Bulgarien

Die Aufnahmezentren sind laut Regierungsangaben voll. Bulgarien versteht sich als Transitland und will es auch bleiben. Seit Jahresbeginn wurden gut 13.000 Flüchtlinge registriert, über die Hälfte ist weiter gezogen.

Brice redet mit den 36 Sudanesen auf Augenhöhe: „Ich danke Ihnen, dass Sie zu diesem Treffen gekommen sind.“ Er wisse, was die Flüchtlinge durchgemacht haben, „vor allem in Libyen. Für die Strapazen, die Sie auf sich genommen haben, habe ich großen Respekt.“ Frankreich wolle sie schützen, deshalb sollten sie die illegale Einreise nach England vergessen und in Frankreich Asyl beantragen. Brice will etwas erreichen, was in unserem Nachbarland alles andere als populär ist: Eine möglichst große Zahl der Dschungelbewohner soll in Frankreich bleiben und in eine staatliche Unterkunft übersiedeln. Dass das Lager keine Zukunft hat, bekräftigte auch Präsident Hollande hat bei einem Besuch in Calais am Montagmorgen. Die Regierung werde „diesen Weg zu Ende gehen“, sagte Holland. „Die Grenze ist komplett dicht“.

Der Präsident besucht das Lager nicht. Es ist die Aufgabe von Pascal Brice, das Vertrauen von Menschen zu gewinnen, die gelernt haben, permanent auf der Hut zu sein – und niemandem mehr zu vertrauen. Bestimmt nicht einem Vertreter des Staates, der sie vielleicht in einen Flieger setzt und nach Italien zurückschickt. Die Sudanesen in der Hütte reagieren sehr unterschiedlich. Viele Augen drücken aus, dass sie Brice glauben wollen. Der Dschungel hat sie zermürbt, eine Überfahrt nach England ist praktisch nur noch mit Hilfe von Schleppern möglich, die viele Tausend Euro verlangen. Mehrere Männer schreiben Wort für Wort mit, was der syrische Übersetzer – ein seit kurzem anerkannter Flüchtling – dolmetscht. Anderen sieht man ihre Zweifel an, und einige wenige scheinen zu denken: Du kannst mir viel erzählen!

Der Chef der Flüchtlingsbehörde (links) im Gespräch mit Helferin Maya Konforti und zwei afghanischen Flüchtlingen. Thomas Hanke

Pascal Brice im Dschungel

Der Chef der Flüchtlingsbehörde (links) im Gespräch mit Helferin Maya Konforti und zwei afghanischen Flüchtlingen.

Jeder, der für Brice‘ Vorschlag offen ist, will seinen persönlichen Fall vortragen. Dafür fehlt die Zeit. Doch der Chef gibt seinen Mitarbeitern detaillierte Anweisungen, sich zu kümmern. Jeder Sudanese, Afghane oder Eritreer, der bereit ist, in einen der täglich zu den Erstaufnahme-Einrichtungen verkehrenden Busse zu steigen, ist ein Erfolg für ihn und eine Niederlage für die Schlepper.

Pascal Brice leitet seit Ende 2012 das „Französische Amt für Flüchtlinge und Staatenlose“, OFPRA. Der 50-jährige Diplomat wäre um ein Haar außenpolitischer Berater von Präsident François Hollande geworden, den er in der Wahlkampagne unterstützte. Doch dann wurde nichts aus dem prestigeträchtigen Job in den vergoldeten Räumen des Elysée-Palastes. Brice, der viel Erfahrung in Europa und mit dem deutsch-französischen Verhältnis hat, beriet erst den Finanzminister. Dann bat ihn sein alter Freund Manuel Valls, der inzwischen Premier ist, einen Job völlig ohne Blattgold anzutreten: die Leitung des OFPRA.

„Die Schließung des Lagers von Calais gehörte 2012 nicht zu meinem Briefing“, sagt Brice im Gespräch und lacht bitter: „Damals fürchteten viele, die Zahl der in Calais Gestrandeten könne auf 1500 anwachsen, heute sind es mindestens 9000.“ Andere sprechen von 10.000 oder mehr.

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