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02.09.2015

07:09 Uhr

Flüchtlingspolitik

„Europa ist in der Gefahr, seinen Anstand zu verlieren“

Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab: Heute rollen wieder Züge aus Ungarn nach München. Innerhalb Deutschlands und der EU ist eine Diskussion um die Verteilung der Kosten entbrannt. Vizekanzler Gabriel schlägt Alarm.

Budapest hält Flüchtlinge zurück

Ungarn lässt Flüchtlinge nicht mehr nach Deutschland

Budapest hält Flüchtlinge zurück: Ungarn lässt Flüchtlinge nicht mehr nach Deutschland

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MünchenDiese Nacht ist es ruhig geblieben: Am Münchner Hauptbahnhof kamen keine weiteren Flüchtlinge angekommen. Der letzte Zug sei gegen 1 Uhr eingetroffen, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. Unter den Passagieren seien keine Flüchtlinge gewesen. Der Flüchtlingsstrom reißt dennoch nicht ab. Ab dem frühen Morgen sollen wieder Züge aus Ungarn anrollen.

Die Umgebung des Budapester Bahnhofs Keleti wird mehr und mehr zum Flüchtlingslager. Rund um das für sie gesperrte Gebäude in der ungarischen Hauptstadt harrten am Mittwochmorgen rund 3000 Flüchtlinge aus. Viele schliefen vor dem von der Polizei bewachten Haupteingang. Freiwillige versorgten sie mit Nahrung und Kleidung und boten medizinische Hilfe an. Sie waren jedoch nicht auf eine so große Zahl von Migranten vorbereitet. Die Polizei teilte mit, sie werde mittlerweile von Bürgerpatrouillen unterstützt.

Am Dienstag hatten sich etwa 2100 Flüchtlinge aus Ungarn auf den Weg nach München gemacht. Dort wurden sie registriert und mit Bussen in Erstaufnahmeeinrichtungen gebracht. Die Züge aus Ungarn lösten in der bayerischen Landeshauptstadt eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Hunderte Spender brachten Lebensmittel, Kleidung, Zahnbürsten, Windeln und andere Geschenke für die Asylbewerber zum Hauptbahnhof.

Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Jobsuche im gelobten Land

Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Premium Jobsuche im gelobten Land

Wirtschaft wie Politik betonen, die Flüchtlingswelle sei eine Chance für den Arbeitsmarkt. Doch der Versuch, Flüchtlinge und Firmen zusammenzubringen, scheitert oft – an mangelnder Rechtssicherheit und Behördenwirrwarr.

Angesichts von immer mehr Flüchtlingen dringen die Länder auf eine stärkere finanzielle Beteiligung des Bundes. Die Kommunen sollten künftig vom Bund die Kosten für die Aufnahme der Menschen weitgehend erstattet bekommen, forderte der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke (SPD). „In der Erstaufnahme haben wir in Brandenburg monatlich circa 1200 Euro Kosten pro Flüchtling“, sagte er der „Rheinischen Post“. „Das sollte auch die Grundlage für die Berechnung sein, was der Bund künftig pauschal pro Flüchtling den Kommunen überweisen sollte.“

Der Innenausschuss des Bundestages berät am Mittwoch in einer Sondersitzung über den Umgang mit der rasant wachsenden Zahl an Flüchtlingen in Deutschland. Der Bund rechnet 2015 mit rund 800.000 Asylbewerbern. Das wären viermal so viele wie im vergangenen Jahr. Sozialministerin Andrea Nahles rechnet mit Mehrkosten in Milliardenhöhe für die Integration der Flüchtlinge. Für Lebensunterhalt, Spracherwerb und Qualifizierung von Flüchtlingen hält Nahles im kommenden Jahr 1,8 bis 3,3 Milliarden Euro zusätzlich für nötig. Diese Kosten würden auf rund 7 Milliarden Euro im Jahr 2019 steigen, sagte die SPD-Politikerin in Berlin.

Wie Menschen in Deutschland Flüchtlingen helfen

Einwohner

Marxloh hat 19.000 Einwohner und ist ein junger und bunter Ortsteil. Das Durchschnittsalter beträgt 37,2 Jahre, jeder vierte Marxloher ist unter 18 Jahren. Der Ausländeranteil liegt bei 45 Prozent. Angehörige von 92 Nationalitäten leben dort.

Fahrräder

Zwei junge Ingenieure gründeten 2012 in Karlsruhe das Projekt „Bikes without Borders“. Flüchtlinge können neben der Erstaufnahmestelle gebrauchte Fahrräder bekommen, die gespendet und von Ehrenamtlichen repariert wurden. Bis vor einigen Monaten wurden die Räder verliehen; inzwischen werden sie für zehn Euro verkauft und müssen nicht mehr zurückgebracht werden. „Die Nachfrage hat enorm zugenommen“, sagte am Dienstag Mitinitiator Tobias Fleiter.

Fußballverein

Gerade erst hat Deutschlands erste reine Flüchtlingsmannschaft „Welcome United 03“ in Potsdam den Liga-Spielbetrieb aufgenommen. Der Verein SV Babelsberg 03 hat das Team als dritte Herrenmannschaft angemeldet.

Garten

In Berlin legen Helfer zusammen mit Flüchtlingen bewegliche Hochbeete an - sie nennen das „mobile Seelengärten“. „Wir verstehen den Garten als Gegenpol zu den schrecklichen Erfahrungen, die viele Flüchtlinge gemacht haben“, erläuterte Traumatherapeutin Tina Diest, die die Gartenprojekte begleitet, vor rund zwei Wochen.

Hilfe beim Einkauf

Die Freiwilligenagentur in Halle verzeichnet seit Mai einen enormen Anstieg an Angeboten, um Flüchtlingen im Alltag zu helfen. „Wir haben alle Hände voll zu tun“, sagte eine Sprecherin. Die Angebote: Sprache lernen, Begleitung beim Einkaufen („Warum braucht man einen Chip am Einkaufswagen?“), Arzt- und Behördenbesuche, Umzug samt Installation von Waschmaschinen.

Internet

Nach Recherchen des Blogs „Netzpolitik.org“ stellen nur etwa 15 Prozent der Flüchtlingsunterkünfte Internetzugänge. Die Daten seien nicht vollständig, heißt es, viele Behörden hätten keinen umfassenden Überblick. Initiativen wie „Freifunk Dortmund“ oder „Refugees Online“ nehmen die Sache in die Hand. Sie bringen Flüchtlinge ins Netz, damit sie etwa ihre Familie sprechen können.

Online Challenge

Fernsehköchin Sarah Wiener verteilte bei der „Welcome Challenge“ Essen an Flüchtlinge. Die Aktion funktioniert ähnlich wie die „Ice Bucket Challenge“: Im Internet veröffentlicht man Bilder und nominiert weitere Kandidaten, die mitmachen sollen.

Patenschaften

Flüchtlingsfamilien haben im rheinland-pfälzischen Jugenheim einen Paten. Eine Initiative mit dem Motto „Willkommen im Dorf“ kümmert sich um 40 Flüchtlinge, die in einem umgebauten Pfarrhaus leben. Ehrenamtlich Paten gibt es auch andernorts.

Sporttraining

Amateurboxerin Lina Schönfeld trainiert in Braunschweig Flüchtlinge. Einmal pro Woche kommen junge Männer aus den umliegenden Unterkünften, um beim Boxen zu schwitzen. „Tendenziell wird die Gruppe immer größer“, sagt die 28-Jährige. Die Teilnehmer zählen auf Deutsch und erhalten kleine Anweisungen.

Theater

Syrische Flüchtlinge stehen im hessischen Biedenkopf auf einer Bühne. Noch bis Anfang September wird dort ein Stück über einen legendären Postraub gezeigt. Die fünf Flüchtlinge hoffen, so ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen. Und sind stolz auf das Vertrauen, das die Regisseurin in sie setzt, wie einer von ihnen berichtet.

Umweltbelastung

Ob Feinstaub-Belastung, Verkehr oder Straßenlärm: Duisburg-Marxloh zählt zu den Stadtvierteln mit der höchsten Umweltbelastung. Ein großer Teil der Gebäude ist auch sanierungsbedürftig.

WG-Börse für Flüchtlinge

Die Berliner Initiative „Flüchtlinge Willkommen“ vermittelt WG-Zimmer an Flüchtlinge. Schon 80 Mal hat das bundesweit geklappt, heißt es auf der Homepage. Finanziert werden die Zimmer über Spenden oder mit staatlichem Geld.

Wissenschaft

Frankfurter Studentinnen wollen Flüchtlingen mit akademischem Hintergrund Orientierung im Wissenschaftsbetrieb geben. Mit ihrer Organisation Academic Experience Worldwide vermitteln sie dazu unter anderem Tandempartner. Sie wollen dem Klischee vom „armen, ungebildeten Flüchtling“ entgegenwirken, sagen die Initiatorinnen.

Zuhause

Die Familie des Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt (CDU) nahm zwei Flüchtlinge aus Eritrea bei sich auf. Der ehemalige Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) wirbt dafür, sich stärker für Flüchtlinge zu engagieren. Drohungen wurden für ihn trauriger Alltag. „Täglich bekomme ich E-Mails mit Beleidigungen. Manchmal sind sogar Morddrohungen darunter“, erzählte der Politiker Anfang August.

Zuwanderung

Viele Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien kommen nach Marxloh. Seit Ende 2012 hat sich ihr Anteil in der Bevölkerung fast verdreifacht (Stand 31.12.2014: 3000). Knapp die Hälfte der im vergangenen Jahr nach Marxloh gezogenen Bulgaren und Rumänen waren Kinder und Jugendliche (46 Prozent).

SPD-Chef Sigmar Gabriel kritisierte die Zurückhaltung vieler EU-Länder bei der Aufnahme von Flüchtlingen. „Es kann nicht sein, dass Deutschland, Österreich und Schweden einen Großteil dieser Menschen aufnehmen“, sagte er der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Gerade die Osteuropäer profitierten besonders von offenen Grenzen.

Die Gefahr für die EU sei größer als die während der Griechenland-Krise. „Die Aufgabe offener Grenzen wäre ein gigantischer Rückschritt in der europäischen Geschichte. Bei Griechenland besteht die Gefahr, Geld zu verlieren. Europa ist aber nun in der Gefahr, seinen Anstand zu verlieren“, sagte Gabriel.

Was Bürger für Flüchtlinge tun können

Wie erfahre ich, wo Hilfe benötigt wird?

Ein paar Telefonanrufe helfen in der Regel weiter: Die örtlichen Kirchengemeinden, das Rote Kreuz, Caritas oder Diakonisches Werk wissen normalerweise, wo es in der Nähe Flüchtlingsunterkünfte gibt und wer gerade Helfer sucht. Ansprechpartner auf der Verwaltungsebene ist meist das Ordnungsamt, da meist hier die Bereiche Asyl und Migration angesiedelt sind. In jedem Bundesland gibt es zudem einen Flüchtlingsrat, der Kontakte vermitteln und weiterhelfen kann.

Wie kann ich mich tatkräftig engagieren?

Neu ankommende Flüchtlinge sind auf zupackende Unterstützung angewiesen: Helfer können Flüchtlinge mit dem neuen Wohnumfeld vertraut machen, sie zu Behörden und zum Arzt begleiten, Deutschunterricht geben, Hausaufgabenbetreuung anbieten und Kontakte zu Sportvereinen und Freizeiteinrichtungen herstellen. Manche Flüchtlingseinrichtungen vermitteln "Patenschaften", um den Flüchtlingen feste Ansprechpartner für Alltagsfragen anzubieten. Sprachliche und berufliche Vorkenntnisse sind bei Helfern oft nicht so wichtig – was zählt, ist die Einsatzbereitschaft.

Werden Sachspenden benötigt?

Oftmals ja – wobei immer gilt: Zunächst direkt bei der Flüchtlingsunterkunft nachfragen, was gerade gebraucht wird. Nachfrage besteht oft nach Spielzeug, Kleidung, Hygiene- und Gesundheitsartikeln, Bustickets, Telefonkarten, Sanitäranlagen oder Möbeln. Auch Handwerkerleistungen sind gefragt.

Machen Geldspenden Sinn?

Viele Flüchtlingshilfe-Organisationen sind auf private Spenden angewiesen. Auf internationaler Ebene gibt es etwa das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, in Deutschland gibt es Vereinigungen wie Pro Asyl und auf kommunaler Ebene gibt es eine Vielzahl von Projekten. Die Spenden können steuerlich als Sonderausgaben abgesetzt werden, wenn die Empfänger als gemeinnützig anerkannt sind. Flüchtlingshelfer regen an, etwa bei Jubiläumsfeiern oder Geburtstagen auf das Beschenktwerden zu verzichten und Gäste um Spenden für Flüchtlinge zu bitten.

Kann ich Flüchtlinge bei mir daheim aufnehmen?

In manchen Bundesländern ist das bereits erlaubt, in anderen nicht. Ansprechpartner vor Ort ist in der Regel das Ordnungsamt, an das entsprechende Angebote für Privatunterkünfte zu richten sind. Hilfe bei der Vermittlung leistet die private Internetseite www.fluechtlinge-willkommen.de. Flüchtlingshelfer berichten, dass die Behörden nicht immer auf solche Angebote reagieren - möglicherweise aus Überlastung oder aus logistischen Gründen, weil es für die Verwaltung einfacher ist, Flüchtlinge zentral an einem Ort unterzubringen. In solchen Fällen raten Flüchtlingshelfer: Nicht aufgeben, immer wieder nachfragen.

Wie kann ich Verständnis für Flüchtlinge wecken?

Der Schulunterricht ist ein guter Ort, auf die gegenwärtige Lage einzugehen. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bietet umfassendes deutschsprachiges Unterrichtsmaterial und vermittelt Schulbesuche von Flüchtlingen. Ganz allgemein raten Flüchtlingshelfer: Treten Sie beherzt ein gegen fremdenfeindliche Sprüche in ihrer Umgebung, suchen Sie Kontakt mit Flüchtlingen.

Das Flüchtlingsdrama am Budapester Ostbahnhof geht unterdessen weiter. Neben dem Bahnhof und in der angrenzenden Unterführung kampierten am Dienstagabend laut Augenzeugen mehrere tausend Flüchtlinge, die offensichtlich hauptsächlich aus dem arabischen Raum kamen. Sie hoffen auf die Weiterreise Richtung Deutschland.

Kommentare (285)

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Dirk Meyer

02.09.2015, 07:57 Uhr

Dieses Gequatsche ist nicht mehr zum Aushalten. Ja, was hat den Herr Sigmar Gabriel erwartet? Macht die Grenzen dicht! Man muss sich nur an das Dublin Abkommen halten. Also alle (!) Asylbewerber in den sicheren Drittstaat zurückschicken. Ohne wenn und aber! Mit den Asylbewerbern habe ich auch kein Mitleid. Jeder weiß, dass er in dem Land gem. Dublin Abkommen seinen Asylantrag zu stellen hat, welches er zuerst betritt. Dann kann auch eine faire Verteilung sichergestellt werden. Ach ja, im übrigen halte ich Europa für gescheitert. Der EGOISMUS der Nationalstaaten beweist es. Nicht nur beim Euro, auch beim Thema Flüchtlinge ist man zerstritten. Nur in einem ist man sich einig. Deutschland zahlt alles!

Herr Otto Berger

02.09.2015, 08:08 Uhr

Bei realistischer Betrachtung wird man nach Erreichung der Belastungsgrenzen zur Flüchtlingsaufnahme leider feststellen müssen, dass man wegen der Masse der Flüchtlinge nur noch diejenigen aufnehmen kann, die wirtschaftlich benötigt werden und integrierbar sind, a l l e anderen nicht und das wird dazu führen, dass die EU-Grenzen militärisch gesichert werden.
Das ist zwar ein Szenario, dass heute noch undenkbar ist ----- aber es wird so kommen !!

Herr Tor Mei

02.09.2015, 08:15 Uhr

Was soll man von einem Bäcker halten, der keine Rezepte kennt? Oder einem Lehrer ohne Lehrplan? Hier haben wir einen Politiker (der Doppelpack), der geltendes Recht nicht kennt.

Ja, ich weiß, mit Verträgen nimmt es unsere Bundesregierung nicht so ernst, weder Gesetze wie das Grundgesetz (Meinungsfreiheit) oder Verträge (Mastrich, Dublin), aber man sollte zumindest so tun, als ob man sie kennen würde.

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