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26.08.2015

11:28 Uhr

Flüchtlingsstrom nach Deutschland

Der große Traum von „Gjermani“

VonHans-Peter Siebenhaar

Im Kosovo gilt Deutschland als Traumziel. Ob legal oder illegal – viele suchen ihren Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft. Schuld daran sind auch RTL II und „Die Geissens“ – wie ein Besuch in Pristina zeigt.

Für Menschen vom Balkan ist Deutschland das Traumziel – sie versuchen die Flucht auf allen möglichen Wegen. Und landen erst einmal in Unterkünften wie diesen. dpa

Flüchtlinge

Für Menschen vom Balkan ist Deutschland das Traumziel – sie versuchen die Flucht auf allen möglichen Wegen. Und landen erst einmal in Unterkünften wie diesen.

PristinaDie „Schatzi“-Zeit im Kosovo, dem jüngsten Staat Europa, geht allmählich zu Ende. „Schatzi“ nennen die Kosovaren ihre ausgewanderten Landsleute in einer Mischung aus Neid und Verehrung. Im Sommer kehren viele Migranten in die Heimat zurück – meist in Autos der Mittel- oder Oberklasse deutscher Herkunft. Mercedes, Audi, BMW sind die Statussymbole der offenbar erfolgreiche Migranten. In der „Schatzi“-Zeit werden die Legenden vom fernen paradiesischen Deutschland gestrickt.

„Gjermani“ ist in den Köpfen der ehemaligen Flüchtlinge und der potenziellen Flüchtlinge allgegenwärtig. Das Bild der Migranten ist nicht nur durch die oft märchenhaften Erzählungen der bereits Geflohenen bestimmt, sondern vor allem durch das deutsche Fernsehen. RTL, Sat 1, RTL II, ARD und ZDF sind nicht nur in der Hauptstadt Pristina, sondern auch auf dem Land zu empfangen. Die Vorabendserien und Spielfilme von schönen, reichen Menschen in opulenten Häusern und Reisen zu den schönsten Orten der Welt prägen das Image. Die Geissens, deren Millionärs-Doku RTL II ausstrahlt, kennen hier fast alle. Traumschiff Deutschland.

Welche Regeln bei der Zuwanderung gelten

Die Zahl der Zuwanderer steigt

Im Jahr 2013 kamen 1,23 Millionen Menschen nach Deutschland, wie aus dem neuesten Migrationsbericht der Bundesregierung hervorgeht. Das ist ein deutliches Plus gegenüber 2012, wo die Zahl bei 1,08 Millionen lag. Die Gründe, warum Menschen nach Deutschland kommen, sind unterschiedlich. Entsprechend vielfältig sind die gesetzlichen Grundlagen, die der Zuwanderung zugrunde liegen.

EU-Freizügigkeit

Jeder Bürger eines EU-Landes hat ungeachtet seines Wohnortes und seiner Staatsbürgerschaft das Recht, sich in einem anderen EU-Staat niederzulassen, um dort einer Beschäftigung nachzugehen. Ausnahmeregelungen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänen und Bulgaren in Deutschland sind Ende 2013 ausgelaufen. Doch schon zuvor konnten die Menschen aus diesen Ländern nach Deutschland kommen: Die Bundesregierung registriert für 2013 139.000 Zuwanderer mit rumänischer Staatsangehörigkeit und 61.000 mit bulgarischer Staatsangehörigkeit. Zugleich kamen 190.000 Polen in die Bundesrepublik.

Erwerbstätigkeit

Von 2012 auf 2013 ging die Zahl der Erteilungen von Aufenthaltserlaubnissen wegen Erwerbstätigkeit zwar um 13 Prozent auf 33.648 zurück. Allerdings ist dieser Rückgang überwiegend auf den Beitritt Kroatiens zur EU am 1. Juli 2013 zurückzuführen. Arbeitnehmer von dort brauchen seither keinen entsprechenden Aufenthaltstitel mehr. Hauptherkunftsländer waren insbesondere Indien, die Vereinigten Staaten, Bosnien-Herzegowina und China.

Familiennachzug

Wer eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland besitzt, kann in der Regel seinen ausländischen Ehepartner, eingetragenen Lebenspartner oder Kinder nachziehen lassen. Die Familienangehörigen erhalten dafür eine Aufenthaltserlaubnis zum Nachzug. Dafür wurden im Jahr 2013 44.000 Visa erteilt.

Ausländische Studenten

Im Vergleich zum Vorjahr konnte eine Zunahme um acht Prozent auf 86.170 ausländische Studenten festgestellt werden. Damit wurde im Jahr 2013 die bislang höchste Zahl ausländischer Studienanfänger verzeichnet.

Spätaussiedler

Nach einem kontinuierlichen Rückgang von 2001 bis 2012 konnte im Jahr 2013 auch bei der Zuwanderung von Spätaussiedlern und ihrer Familienangehörigen ein leichter Wiederanstieg registriert werden. So stieg die Zahl der Zugänge im Rahmen des Spätaussiedlerzuzugs um ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr auf 2.427 Personen.

Bundesbürger

Im Jahr 2013 wurden 140.000 Fortzüge von Deutschen registriert. Die Zahl der zurückkehrenden Deutschen stieg leicht auf 118.000 Zuzüge, so dass der Wanderungsverlust im Jahr 2013 etwas höher ausfiel als im Vorjahr. Studien belegten, dass viele Personen mit und ohne Migrationshintergrund nicht dauerhaft im Ausland bleiben, heißt es im Migrationsbericht. Hauptzielland deutscher Abwanderer ist seit 2004 die Schweiz.

Asylrecht I

Wer in seinem Heimatland politisch verfolgt wird, genießt Asyl. Mit Blick auf die steigende Bewerberzahlen sind im vergangenen Jahr in Einzelbereichen Einschränkungen beschlossen worden. So wurden die drei westlichen Balkanstaaten Serbien, Mazedonien als sichere Herkunftsstaaten eingestuft. Dadurch können Asylanträge von Menschen aus diesen Ländern schneller abgelehnt werden.

Asylrecht II

Zugleich gab es Erleichterungen für die Asylbewerber: Die bisherige Residenzpflicht wurde weitgehend abgeschafft, das Arbeitsverbot wurde gelockert. Dem Migrationsbericht zufolge steigt die Zahl der Asylbewerber seit 2007: Die Zahl der Erstanträge lag 2013 demnach bei knapp 110.000.

Die deutschen Serien und Heile-Welt-Filme werden nicht synchronisiert. So ist es kein Wunder, dass viele Kosovaren über ihren Medienkonsum durchaus Deutsch verstehen und auch ein wenig sprechen. Das ist ein großer Vorteil, wenn es illegal nach Westen geht.

Im Kosovo sind es längst nicht mehr die Armen der Armen, die sich auf der illegalen Route über Serbien, Ungarn nach Deutschland und Österreich auf den Weg machen. Es ist die Mittelschicht, die auf gepackten Koffern mit all ihren Illusionen sitzt. Die Diaspora in Deutschland ist groß und sie hilft bei dem Weg über das Nachbarland Serbien in Richtung Westen.

„Gefühlt hat man den Eindruck, dass jede Familie ein Mitglied in Deutschland, Österreich und in der Schweiz hat“, sagt eine Diplomatin, die seit Jahren in Pristina arbeitet. Gut eine viertel Million Kosovaren leben nach Schätzungen bereits in Deutschland.

Den Traum von „Gjermani“ prägen auch jene Kosovaren, die von Deutschland aus als erfolgreiche Unternehmer zurückgekehrt sind. Der Software-Entwickler Mentor Sahiti ist einer dieser Rückkehrer mit kreativem Geist, die das Armenhaus Europas so dringend braucht. Von seinem Büro in einem modernen Gebäude mit anthrazitfarbenen Fenstern in einer besseren Gegend von Pristina am Berghang, nur 15 Gehminuten vom Parlament, hat der 39-Jährige einen schönen Blick über die Hauptstadt.

„Ich bin hier aufgewachsen. Ich kenne jede Ecke der Stadt. Und ich weiß, dass sie auch hässlich ist, die Straßen nicht den europäischen Standards entsprechen“, bekennt der Chef der IT-Firma Adaptivit. Und trotzdem war es für ihn nach seinem Informatik-Studium in Bonn und nach ersten Berufserfahrungen bei der Internetfirma Allesklar.com klar, dass er im Frühjahr 2008 kurz nach der Gründung des Kosovo-Staates in seine Heimat zurückkehrte.

Kommentare (74)

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Herr Vitto Queri

26.08.2015, 11:51 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr C. Falk

26.08.2015, 11:56 Uhr

Vor noch nicht langer Zeit war der grosse Traum der Kosovaren ein eigener selbstständiger Staat. Den haben sie jetzt, nebenbei samt einem der grössten amerikanischen Stützpunkte in Europa, wovon so gut wie nie die Rede ist. Aber das nur nebenbei.

Anstatt diesen Staat aufzubauen ist der Traum des kosovarischen Mittelstandes inzwischen ein anderer Staat, der sie wie glauben Einwanderer großzügig alimentiert und versorgt.

Die deutschen "Gutmenschen" befördern diesen Traum und sind doch nichts anderes als nützliche Idioten der Schlepperindustrie (Gabor Steingart) und der hiesigen Asylprofiteure z.B. der Besitzter von Schrottimmobilien, die das Geschaft ihres Lebens wittern, indem die Mieten der Kosovaren und anderer Witschafts"flüchtlinge" vom deutschen Steuerzahler finanziert werden.

Herr Vitto Queri

26.08.2015, 12:02 Uhr

>> Warum die Kosovaren aus ihrem Land fliehen
Seit das Kosovo befreit wurde, flossen mehr als zwei Milliarden EU-Hilfsgelder dorthin. Doch vor Ort hat sich wenig verbessert, die Bewohner fliehen nach Deutschland – obwohl sie nicht bleiben dürfen.

Silke Mülherr Silke MülherrBiografie und alle Artikel des AutorsTwitter
DIE WELT | 2015-08-09
Die Monate Juli und August haben im Kosovo einen besonderen Namen. "Schatzi-Monate" wird diese Zeit genannt.
Im Sommer kehren jene Kosovaren in ihre Heimat zurück, die sonst im Ausland leben. Die Männer, und es sind vor allem Männer, kommen mit schweren Autos aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz und rollen die Straßen Pristinas auf und ab. Aus den offenen Fenstern beugen sie sich zu den Frauen heraus und rufen: "Hallo, Schatzi!" Die Show verfehlt ihre Wirkung nicht: Im armen Kosovo ist man beeindruckt vom Reichtum derjenigen, die weggingen und es geschafft haben.
Der Reiz, es diesen Männern gleichzutun, ist groß. Denn die Bedingungen vor Ort sind elend.
Fast jeder Zweite ist arbeitslos, von den jungen Leuten sind sogar 70 Prozent ohne Job. Die Braunkohle- und Zinkminen, einst Rückgrat der kosovarischen Wirtschaft zu Titos Zeiten, rosten heute vor sich hin.

Die Normalisierung des Verhältnisses zu Serbien tritt auf der Stelle – und ohne Fortschritte auf diesem Feld wird es nicht vorangehen mit einer Annäherung an die Europäische Union.
1999 gab es noch Hoffnung. Als der Westen, darunter auch die Bundeswehr, die serbische Armee aus dem Kosovo vertrieb, sollte sich der kleine Landstrich mit den zwei Millionen Einwohnern in ein Erfolgsmodell verwandeln. Rund zwei Milliarden Euro EU-Aufbauhilfen sind seitdem geflossen, weitere 650 Millionen sollen bis 2020 folgen. Hilfsorganisationen haben Schulen, Straßen und Häuser gebaut. Doch die Erfolgsbilanz nach 16 Jahren Aufbauarbeit ist deprimierend. >>

Fortsetzung folgt .

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