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04.10.2013

12:46 Uhr

Flüchtlingstragödie

Albtraum-Insel Lampedusa

VonKatharina Kort

Lampedusa ist wieder Schauplatz einer Flüchtlingstragödie. Seit den 90er Jahren kommen tausende Migranten dorthin. Unsere Autorin hat die Insel besucht und war beeindruckt davon, wie solidarisch die Menschen dort waren.

Nach Katastrophe auf Flüchtlingsboot:

In Italien stehen die Flaggen auf Halbmast

Nach Katastrophe auf Flüchtlingsboot:: In Italien stehen die Flaggen auf Halbmast

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Lampedusa111 Tote, 155 Überlebende, rund 250 werden noch vermisst. Das ist die bisherige Bilanz des Flüchtlingsdramas auf Lampedusa, bei dem ein überfülltes Schiff mit 500 Immigranten aus Afrika Feuer gefangen hat und kenterte. Die Leichen reihen sich auf der Insel entlang der Straßen auf. Taucher beschreiben Szenen wie aus einem Horrorfilm von den toten Körpern unter Wasser im Laderaum. Ihre Arbeit wurde am Freitag unterbrochen wegen des stürmischen Meeres.

Die Soldaten und Helfer versuchen zu retten, wer noch zu retten ist. Wieder einmal waren es einfache Fischerboote, die den Afrikanern als erste zu Hilfe eilten, nachdem nach Zeugenaussagen drei Schiffe tatenlos vorbeigefahren sind.

Lampedusa – die Flüchtlingsinsel

Geographie

Die kleine italienische Mittelmeerinsel Lampedusa südlich von Sizilien ist wegen ihrer Nähe zu Afrika seit Jahren für Bootsflüchtlinge das Tor nach Europa. Die Küste Tunesiens ist nur 130 Kilometer entfernt. Mit etwa 20 Quadratkilometern ist Lampedusa die größte der Pelagischen Inseln. Das Eiland hat etwa 5000 Einwohner.

Flüchtlinge

Immer wieder wagen Migranten aus Nordafrika die gefährliche Überfahrt nach Europa. Ihre Boote sind oft kaum seetüchtig, viele Menschen sind schon ertrunken. Zwischen Juli 2008 und Juli 2009 erreichten mehr als 20 000 Einwanderer aus Nordafrika Lampedusa. Dann ließ die rigide Abschiebepolitik der damaligen Regierung von Silvio Berlusconi die Zahlen stark zurückgehen.

Arabischer Frühling

Nach dem Beginn der Umwälzungen in den arabischen Ländern schwoll der Flüchtlingsstrom 2011 erneut drastisch an. Zehntausende landeten auf Lampedusa. Die Lage eskalierte, als zeitweise bis zu 6000 Immigranten unter unerträglichen Bedingungen auf der Insel festsaßen.

Aufnahmezentrum

Das offene Durchgangslager - es gibt kein geschlossenes Aufnahmezentrum mehr - hat nach Angaben des italienischen Flüchtlingsrates CIR knapp 400 Bettstellen. Manchmal sind dort aber mehr als 1000 Menschen. Vor zwei Jahren hatte ein Feuer einen Teil des Zentrums zerstört, der nur teilweise wiederaufgebaut wurde.

Verschärfung

Nach einem Rückgang 2012 strandeten in der ersten Jahreshälfte 2013 nach offiziellen Zahlen 3648 Menschen auf Lampedusa - mehr als dreimal so viele wie im gleichen Vorjahreszeitraum. In den vergangenen Wochen verschärfte sich die Lage weiter.

„Nach den Toten will ein großer Teil der Öffentlichkeit, nicht nur auf nationaler Ebene, dass etwas geschieht“ sagt Giusi Nicolini, die zierliche Bürgermeisterin der Insel. „Wir hatten schon nach dem Besuch von Papst Bergoglio etwas erwartet, aber es ist nichts passiert“.  

Erst im Juli war der Papst Franziskus auf die Mittelmeerinsel gereist, um seine Solidarität auszudrücken und zu sagen: Es reicht. Aber das jüngste Drama zeigt, dass die Menschenschlepper nicht aufzuhalten sind und mit immer größeren Schiffen den Andrang bedienen und alimentieren. Der Papst hat diesmal nur ein Wort für die Bilder aus Lampedusa: „Vergogna!“ – Schande.

Die Bürgermeisterin Nicolini gibt zu bedenken, dass die Toten diesmal nur sichtbar sind, weil das Schiff in Küstennähe gekentert ist und „wir deshalb die Toten sehen“. Oft sterben sie weiter draußen und die Welt schaut weg.

Kommentare (10)

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Rechner

04.10.2013, 13:41 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

04.10.2013, 14:26 Uhr

Auf diesem Terrain kann man als erklärter Gegner des Gutmenschentums immer nur verlieren, dennoch der Versuch einer Stellungnahme.

Zuerst müssten einmal dringende Fragen beantwortet werden.
Wie sehr kann Europa/Deutschland sich für Belange Afrikas, zu den eigenen Problemen, in die Pflicht nehmen lassen?! Kommt nach den menschenfreundlichen Medizin- und akuten Hungerbekämpfungsprogrammen, und der damit extrem zunehmenden Bevölkerung Afrikas, nun auch eine erleichterte Migrationspolitik Europas für Afrikaner und sollten die migrationswilligen Afrikaner aus “menschlichen“ Gründen dann per sicherem Bootstaxi vom afrikanischen Strand aufgelesen werden oder sollte Europa im Mittelmeer eine riesige Rettungsarmada an Schiffen stationieren, um in einer Sisyphusarbeit die Geretteten bzw. Aufgegriffenen zurück nach Afrika zu schicken?!
Wird man diese Entscheidungen vom Brüsseler Polit-Apparat den europäischen Bevölkerungen aufoktroyieren oder in Europa basisdemokratisch entscheiden lassen?!

Würde das basisdemokratisch entschieden würde ich jede Entscheidung akzeptieren und nur für mich persönlich eventuell Konsequenzen daraus ziehen. Würde aber der Status Quo von “oben“ verändert, ohne den Mehrheitswillen in der Sache zu berücksichtigen, würde ich das als persönliche Kriegserklärung der EU- und Eurokratie verstehen und ganz sicher meine Konsequenzen daraus ziehen. Ich hoffe das Gewinnstrebende und feudale “Gutmenschentum“ treibt die Dinge nicht auf die Spitze der Multkulti-Perversion, es könnte sonst ganz sicher eng und elendiger in Europa werden!

Novaris

04.10.2013, 14:28 Uhr

"Die meisten der Flüchtlinge der aktuellen Tragödie stammen aus Eritrea. Sie fliehen vor einem brutalen Regime, das seit zwei Jahrzehnten von dem gleichen Mann geführt wird.
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Die UNO schaut somit seit 2 Jahrzehnten dem Treiben eines brutalen Regimes in Eritrea tatenlos zu.
Das Problem muss in Eritrea und anderswo an der Wurzel "behandelt" werden.
Eine gründliche "Wurzelbehandlung" könnte etwa so aussehen :

1. Die UNO setzt unfähige Regierungen ab und entwickelt ein Land unter UN-Regie.
Allerdings sind unfähige und korrupte Regierungen von einigen Industrieländern mitunter erwünscht, um billig an Rohstoffe zu kommen. Ob da der Weltsicherheitsrat ein griffiges UN-Mandat immer verabschieden wird ?
2. Wer brutal handelt verletzt in der Regel auch Menschenrechte und für diese Delinquenten wurde der Internationale Strafgerichtshof geschaffen.

Im übrigen soll die Bevölkerung Afrikas bis zum Jahr 2050 noch um ca. 1.4 Milliarden Menschen wachsen, die sich dann allerdings nicht mehr den unsicheren Weg nach Europa übers Meer sondern über Land nehmen werden.

Deshalb nochmals die Mahnung an die Regierungen : Packt endlich die Probleme in den Problemländern an, damit die Menschen in ihrer angestammten Heimat eine Zukunft finden können und in Europa eine soziale Katastrophe verhindert wird.

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