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27.08.2015

14:33 Uhr

Flüchtlingswelle

Bahnhöfe in Budapest werden zu Flüchtlingslagern

Immer mehr Flüchtlinge strömen in Ungarn ein. Doch die Regierung ignoriert sie schlichtweg. An den Bahnhöfen in Budapest spielen sich daher skurrile Szenen ab. Neben Pendlern gehen die Flüchtlinge ihrem Alltag nach.

Weil sie nicht wissen wohin, übernachten zahlreiche Flüchtlinge an Budapester Bahnhöfen. Reuters

Flüchtlinge in Ungarn

Weil sie nicht wissen wohin, übernachten zahlreiche Flüchtlinge an Budapester Bahnhöfen.

BudapestIn Europas Flüchtlingskrise ist Ungarn einer der Transitstaaten auf der gefährlichen Balkanroute. Die Bahnhöfe in der Hauptstadt Budapest haben sich zum Teil in provisorische Lager verwandelt. Großfamilien aus Syrien oder Afghanistan ruhen sich auf ausgebreiteten Betttüchern von ihrer gefährlichen Reise aus, die durch das östliche EU-Land weiterführen soll bis nach Deutschland oder Schweden. Babygeschrei ist allgegenwärtig.

„Es erscheint unwirklich“, sagt Csaba Havasi, ein Budapester Pendler, als er an der östlichen Station Keleti an hunderten Flüchtlingen vorbeiläuft. Kleider hängen zum Trocknen an Treppengeländern. Die Gestrandeten rufen lautstark nach Wasser, medizinischer Hilfe. Die Organisation Migration Aid, die sich über Sozialnetzwerke organisiert, hilft wo sie kann.

Manchmal verteilen die Ehrenamtlichen Clown-Kostüme oder Kreide, damit die Kinder aufs Straßenpflaster malen können. „Verzweifelte Babys zu sehen das bricht mir das Herz“, sagt Judit Moser, eine 60-Jährige, während sie Windeln und Spielzeug ablädt. „Als Oma kann ich mir nicht vorstellen, wie verzweifelt die Eltern sein müssen, um so eine lange Reise zu unternehmen. Wir müssen ihnen helfen.“

Die Interessen der EU-Staaten in der Flüchtlingsfrage

Was wollen die betroffenen Länder?

In Italien, Malta und Griechenland kommen die meisten Bootsflüchtlinge an. Diese Mittelmeeranrainer fühlen sich von den europäischen Partnern im Stich gelassen und fordern mehr EU-Geld und mehr Patrouillen im Mittelmeer. Außerdem verlangen sie, dass Flüchtlinge auf alle EU-Staaten verteilt werden - dass es also eine gerechte und faire Lastenteilung auf Basis von Quoten gibt. Dafür müsste die „Dublin-Verordnung“ geändert werden. Sie legt fest, dass dasjenige EU-Land für Asylanträge zuständig ist, über das der Flüchtling erstmals in die EU eingereist ist. Das heißt: Migranten müssen im Ankunftsland Asyl beantragen und dort auch bleiben. Die Auffanglager auf Sizilien, aber auch in Griechenland sind mittlerweile völlig überfüllt.

Welche Interessen haben die Nordstaaten?

Nordeuropäische Staaten wie Deutschland oder Schweden sind die Zielländer vieler Flüchtlinge, die sich dort ein Leben in Sicherheit und Wohlstand erhoffen. Nach Angaben der Europäischen Statistikbehörde Eurostat suchte 2014 jeder dritte der 626 000 Asylbewerber in der EU Asyl in Deutschland - das war der Spitzenplatz. Im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße bewarben sich die meisten Asylsuchenden in Schweden. Beide Länder verzeichneten bei den Asylanträgen Zuwächse von 50 bis 60 Prozent. Deutschland und Schweden werfen Italien vor, es mit der Einhaltung der Dublin-Regeln nicht allzu genau zu nehmen und Flüchtlinge ohne Registrierung in andere Staaten weiterreisen zu lassen, wo sie dann Asyl beantragen.

Wie steht Osteuropa zu dem Flüchtlingsproblem?

„Den osteuropäischen Ländern ist die ganze Sache sowieso egal“, kritisiert ein EU-Diplomat. Denn sie seien keine begehrten Zielländer. Nur wenige Migranten, die häufig aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa kämen, wollten etwa in Lettland oder Kroatien leben. 2014 standen in der Statistik der Asylbewerber in der EU die baltischen Staaten, Kroatien und die Slowakei ganz am Ende und nahmen die wenigsten Menschen auf. „Die Osteuropäer wollen vor allem eines: Dass sie nicht zahlen müssen“, meint der Diplomat.

Wie könnte die Verteilung von Bootsflüchtlingen ablaufen?

Über Quoten. Kriterien dafür könnten die Einwohnerzahl und die Wirtschaftskraft eines Landes sein. Das hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bereits im vergangenen Oktober vorgeschlagen. Diese andere Lastenteilung in der EU würde Italien, aber ebenso Deutschland helfen.

Wer ist gegen eine geregelte Verteilung von Bootsflüchtlingen?

Nach Angaben von EU-Diplomaten bislang Großbritannien, Tschechien und die baltischen Staaten. Auch Portugal und Spanien äußerten sich eher zurückhaltend zu solchen Plänen. Als unklar gilt die Position von Ländern wie Polen, Rumänien und Slowenien. „Wir sind der Ansicht, dass eine solche Entscheidung über das Zeigen von Solidarität in der Kompetenz der einzelnen EU-Staaten bleiben sollte“, sagte der tschechische Ministerpräsident Bohuslav Sobotka.

Was will die EU in ihrer Flüchtlingspolitik ändern?

Die Seenotrettung soll besser werden. Die Mittel für die EU-Mission „Triton“ im Mittelmeer sollen auf knapp sechs Millionen Euro verdoppelt werden. Die Staaten wollen zudem den Aktionsradius der EU-Grenzschutzagentur Frontex erweitern und konsequenter gegen kriminelle Schleuser vorgehen. Es gibt auch die Idee, Auffanglager für Flüchtlinge in Nordafrika einzurichten, etwa unter dem Dach der Vereinten Nationen. Dort könnte entschieden werden, wer legal nach Europa kommen darf und wer in seine Heimat zurückkehren muss. Pläne zur Zerstörung von Menschenschmuggler-Schiffen sollen am Donnerstag eines der Topthemen beim EU-Sondergipfel zu den Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer werden.

Die Stadtverwaltung hat ein paar Duschen und Toiletten bereitgestellt und einige Bahnhofsabschnitte zu „Transitzonen“ erklärt. „Etwas Hilfe ist besser als gar keine“, sagt ein freiwilliger Helfer, der seinen Namen nicht nennen will. Allerdings reiche das Angebot der Stadt bei weitem nicht. Die Regierung des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Victor Orban tue aber überhaupt nichts – außer die Flüchtlinge zu schikanieren.

Seit dem Zweiten Weltkrieg waren in Europa nicht so viele Flüchtlinge unterwegs wie in diesem Sommer. Sie kommen aus Afrika, Asien oder dem Mittleren Osten zuerst in Italien oder in Griechenland an. Von Griechenland begeben sich die meisten auf die sogenannte westliche Balkanroute: Durch Mazedonien, Serbien und Ungarn und von dort in weiter westlich gelegene EU-Länder. Alleine am Mittwoch wurden mehr als 3200 Neuankömmlinge gezählt, die es über die serbische Grenze geschafft hatten, bevor diese ab Montag mit einer Barriere und Stacheldraht dichtgemacht wird.

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