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22.08.2014

17:29 Uhr

Folgen des Weltkrieges

Der neue Osten

Als Spielball der europäischen Mächte wurde Polen als eigenständiger Staat ausgelöscht. Der Erste Weltkrieg war für das Land auch eine Chance, seine Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Nur ein Beispiel für den neuen Osten.

Die polnische Flagge: Heute selbstverständlich, doch Polen musste lange für die Unabhängigkeit kämpfen. dpa

Die polnische Flagge: Heute selbstverständlich, doch Polen musste lange für die Unabhängigkeit kämpfen.

Prag, Budapest, BelgradFür viele Polen war der Erste Weltkrieg buchstäblich ein Bruderkrieg - denn die Polen kämpften sowohl im deutschen und im österreichischen als auch im russischen Militär. Seit dem späten 18. Jahrhundert war Polen von der europäischen Landkarte verschwunden, aufgeteilt zwischen Preußen, Österreich und Russland. Der spätere Staatsgründer Jozef Pilsudski gehörte zu denjenigen, die 1914 den Krieg der Teilungsmächte auch als Chance für seine nach staatlicher Unabhängigkeit strebenden Landsleute sahen.

Früher oder später, so die Überlegung, werde der Krieg die Teilungsmächte in den Ruin treiben – und genau das sah Pilsudski als Chance für Polen.

Während sein politischer Widersacher, der Nationaldemokrat Roman Dmowski, darauf setzte, dass Russland nach einer Niederlage der Entente-Mächte einem polnischen Staat auf dem Territorium des österreichischen und preußischen Teilungsgebiets zustimmen würde, setzten Pilsudski und seine Anhänger auf die Unterstützung Österreich-Ungarns. In dem Vielvölkerstaat hatte es, anders als im russischen oder preußischen Teilungsgebiet keine Versuche gegeben, den Polen ihre nationale Identität zu nehmen und sie entweder zu germanisieren oder zu russifizieren.

Was aus den deutschen Kolonien wurde

Große Welt, kleiner Anteil

Das Deutsche Reich besaß vor dem Ersten Weltkrieg Kolonien in Afrika, China und im Pazifik. Die früheren "Schutzgebiete" und ihre Entwicklung in Stichpunkten:

Deutsch-Ostafrika

Heute Tansania, Burundi und Ruanda: deutsche Kolonie seit 1885; mit 995 000 Quadratkilometern größtes deutsches «Schutzgebiet»; Kämpfe von 1914 bis 1918 gegen Briten und Belgier; 1920 Mandat des Völkerbunds und nach 1945 der UN für Ruanda-Urundi an Belgien und für das übrige Gebiet (Tanganjika) an Großbritannien; 1961 Unabhängigkeit von Tanganjika, 1964 zusammen mit Sansibar Gründung Tansanias; Burundi und Ruanda seit 1962 unabhängig.

Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia)

Deutsche Kolonie seit 1884; im August 1915 von der Südafrikanischen Union als Mitglied des britischen Empires erobert; 1920 Mandatsgebiet des Völkerbundes und nach 1945 UN-Treuhandgebiet unter Südafrikas Verwaltung; seit 1990 unabhängig. Ein Teil der (weißen) Bevölkerung ist deutschstämmig und spricht bis heute Deutsch als Muttersprache.

Kamerun

Deutsche Kolonie seit 1884; Anfang 1916 von britischen, französischen und belgischen Truppen erobert, von Großbritannien und Frankreich in Interessensphären aufgeteilt; 1920 Mandatsgebiet des Völkerbunds unter britischer und französischer Verwaltung; nach 1945 als UN-Treuhandmandat; seit 1960 Französisch-Kamerun als Ost-Kamerun unabhängig, 1961 mit dem Süden Britisch-Kameruns verschmolzen, während sich der Norden Britisch-Kameruns Ghana anschloss.

Togo

Deutsche Kolonie seit 1884; im August 1914 von Briten und Franzosen erobert; 1920 unter Aufsicht des Völkerbundes gestellt, von Briten und Franzosen geteilt und getrennt verwaltet; nach 1945 UN-Treuhandgebiet; 1956 Britisch-Togoland an Ghana angegliedert, französischer Teil seit 1960 unabhängige Republik Togo.

Deutsch-Neuginea

Heute nördlicher Teil Papua-Neuguineas (austral. Kontinent): deutsche Kolonie seit 1884/85; umfasste die Admiralitätsinseln, den Bismarck-Archipel, die Inseln Bougainville und Buka sowie das Kaiser-Wilhelm-Land; im September 1914 Eroberung durch Australien; seit 1920 australische Verwaltung des Völkerbundmandats und nach 1945 des UN-Treuhandgebiets; 1975 Unabhängigkeit Papua-Neuguineas.

Marshall-Inseln

Deutsche Kolonie seit 1884/85. Die Inselgruppe in der Südsee nördlich des Äquators fiel im Oktober 1914 an Japan, das 1920 Mandatsmacht wurde; nach dem Zweiten Weltkrieg Verwaltung des UN-Treuhandgebiets durch die USA; 1986 Unabhängigkeit.

Nauru

Deutsche Kolonie seit 1888; 1914 von Australien eingenommen; 1920 britisches Mandatsgebiet unter australischer Verwaltung; nach 1945 UN-Treuhandgebiet; seit 1968 unabhängig.

Kiautschou

Nordostchina: Deutsche Kolonie seit 1897/98, gepachtet von China; 1914 Einnahme der Hauptstadt Tsingtau durch Japan; nach Kriegsende japanische Verwaltung; 1922 Übergabe an China.

Samoa-Inseln

Heute Samoa (Pazifik): deutsche Kolonie seit 1899, von Spanien erworben; umfasste Teile der Inselgruppe mit den Hauptinseln Upolu und Sawaii; im August 1914 von Neuseeland besetzt, das 1920 die Verwaltung des Völkerbundmandats und nach 1945 des UN-Treuhandgebiets erhielt; seit 1962 unabhängig.

Karolinen, Palau und Marianien

(Westpazifik): Deutsche Kolonie seit 1899, von Spanien gekauft; im Oktober 1914 von Japan eingenommen, das 1920 vom Völkerbund die Mandatsmacht erhielt; nach 1945 als UN-Treuhandgebiet unter US-Verwaltung. Die Karolinen sind seit 1990 unabhängig, gehören zu den Föderierten Staaten von Mikronesien und zu Palau. Die Nördlichen Marianen (seit 1978) und Palau (1994) haben jeweils den Status eines mit den USA assoziierten Staates.

Pilsudski befehligte eine der insgesamt drei Brigaden der „Polnischen Legionen“ als unabhängige Formation innerhalb der österreichischen Armee. Ähnlich hatten bereits unter Napoleon polnische Legionen unter dem Motto „Für eure und unsere Freiheit“ unter fremder Fahne für die Wiederherstellung ihres Landes gekämpft.

Das Regentschaftskönigreich Polen, das von November 1916 an auf dem Territorium des einstigen russischen Teilungsgebiets bestand, schien ein erster Schritt zu sein – doch einen Eid der Treue auf den deutschen Kaiser wollte Pilsudksi nicht leisten. Im Juli 1917 wurde er von den deutschen Militärbehörden verhaftet und in der Festung Magdeburg interniert.

USA bestärkten ein unabhängiges Polen

Die polnische Unabhängigkeitsbewegung sah sich auch durch US-Präsident Woodrow Wilson bestärkt, der sich im Januar 1917 im US-Senat für ein unabhängiges Polen ausgesprochen hatte. Der polnische Komponist und Pianist Ignacy Paderewski nutzte seine Popularität, um sich bei den westlichen Alliierten für eine volle staatliche Unabhängigkeit Polens einzusetzen. Die „polnische Frage“ wurde zunehmend eine internationale.

Im August 1917 entstand in Paris das Polnische Nationalkomitee mit Dmowski und Paderewski an der Spitze, das von Großbritannien, Frankreich, Italien und den USA als Vertreter der polnischen Nation anerkannt wurde.

Während Österreich zu Zugeständnissen an die polnische Nationalbewegung bereit war, lehnte Kaiser Wilhelm II. dies bis zuletzt ab. Doch als im Oktober 1918 der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden im Reichstag erklärte, Deutschland werde das Wilson-Programm – und damit die Forderung nach einem unabhängigen polnischen Staat – annehmen, ging plötzlich alles ganz schnell.

Am 10. November kehrte der aus Festungshaft entlassene Pilsudski zurück nach Warschau, einen Tag später übergab ihm der Regentschaftsrat die Staatsgewalt. Nach mehr als 120 Jahren Teilung war Polen wieder ein unabhängiger Staat – ein Staat, dessen genaue Grenzen zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau fest standen und der vor der Aufgabe stand, wieder eine Einheit zu werden.

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