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08.07.2014

15:11 Uhr

Forderung nach mehr Zentrifugen

Iran provoziert im Atomstreit mit Aufrüstungsplänen

Wie viele Zentrifugen benötigt der Iran für zivile Atomkraftnutzung? In dieser Frage sind sich Iran und dem Rest der Welt uneins. Nun verärgert das religiöse Oberhaupt des Landes die internationale Gemeinschaft.

Er geht auf Konfrontationskurs zur sogenannten Gruppe der Sechs: Ayatollah Ali Chamenei, das geistliche Oberhaupt Irans. dpa

Er geht auf Konfrontationskurs zur sogenannten Gruppe der Sechs: Ayatollah Ali Chamenei, das geistliche Oberhaupt Irans.

TeheranIm Atomstreit mit dem Westen will der Iran die Anreicherung von Uran beschleunigen und geht damit wieder auf Konfrontationskurs. Die Zahl der Zentrifugen müsse verzehnfacht werden, sagte das geistliche Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei in einer am Montagabend im Internet veröffentlichten Mitteilung. Das Ziel müsse nicht sofort erreicht werden. Letztendlich führe aber kein Weg daran vorbei, sagte Chamenei, der in Atomfragen der Islamischen Republik das letzte Wort hat. Derzeit hat der Iran mehr als 19.000 Zentrifugen, davon sind etwa 10.000 in Betrieb. „Unsere Experten sagen, dass wir 190.000 Zentrifugen benötigen“, erklärte Chamenei. Der Westen fordert dagegen eine Verringerung der Bestände, damit der Iran nicht die Fähigkeit zum Bau einer Atombombe erlangt.

Die Möglichkeiten zur Uran-Anreicherung gehören zu den Hauptstreitpunkten in den Atomverhandlungen zwischen dem Iran und der sogenannten Sechsergruppe. Ein iranischer Diplomat hatte kürzlich erklärt, sein Land strebe 50.000 Zentrifugen an und werde davon auch nicht abrücken. Dagegen hält der Westen für zivile Zwecke einige Tausend Geräte für ausreichend.

Die Unterhändler von Iran, USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland und China haben sich zum Ziel gesetzt, bis Ende nächster Woche eine Einigung zu erzielen. Allerdings hat der Iran angesichts des schwierigen Verlaufs der Verhandlungen in Wien schon eine Verlängerung der Frist um bis zu sechs Monaten ins Gespräch gebracht. Ein westlicher Diplomat sagte nach Chameneis Äußerungen: „Wir sind noch weit entfernt von einer Einigung.“ Nach Einschätzung des US-Nuklearexperte Mark Fitzpatrick macht die Erklärung des geistlichen Oberhaupts deutlich, dass die iranischen Unterhändler nur wenig Spielraum in den Kernfragen zum Atomprogramm haben.

Wo der Iran Uran anreichert

Natans

Seit 2007 wird in der unterirdischen Anlage südöstlich von Teheran schwach angereichertes Uran (bis fünf Prozent) produziert. Das Material wird in Atomkraftwerken zur Stromgewinnung eingesetzt. Bis August 2013 hatte der Iran 9704 Kilo angehäuft – deutlich mehr, als das Land auch später für sein einziges AKW in Buschehr bräuchte. Zudem installierte Teheran dort eine neue Generation von Zentrifugen, die deutlich schneller mehr anreichern können. Laut IAEA sind bisher rund 1000 neue Zentrifugen einsatzbereit, aber noch nicht in Betrieb.

Fordo

Im Jahr 2009 gab Teheran die Existenz der lange geheim gehaltenen Anreicherungsanlage südlich von Teheran zu. Die Fabrik wurde in einem Tunnelsystem auf einem früheren Militärgelände nahe Ghom gebaut. Hier wird auf bis zu 20 Prozent angereichertes Uran produziert.

Parchin

Bisher verweigerte der Iran Inspekteuren den erneuten Zugang zu der Militäranlage südöstlich von Teheran. Die IAEA geht davon aus, dass dort im Jahr 2000 ein Reaktorbehälter installiert wurde. In Parchin wurden möglicherweise Tests mit Atomsprengköpfen simuliert. Der Iran dementiert das. Seit die IAEA Anfang 2012 Zugang forderte, wurden Gebäude abgerissen, Material weggebracht und der Boden umgegraben.

Buschehr

Im August 2010 wurde in der Stadt am Persischen Golf Irans erstes AKW mit Brennstäben aus Russland eröffnet. Nach Verzögerungen ging der Leichtwasserreaktor rund ein Jahr später in Betrieb.

Isafahan

Im Zentrum der iranischen Atomforschung steht die Anlage zur Produktion von Kernbrennstäben. Auch das in Zentrifugen zur Urananreicherung benötigte Hexafluoridgas wird dort hergestellt.

Arak

Im Westen Irans soll seit 2006 eine Anlage zur Herstellung von schwerem Wasser in Betrieb sein, der dazugehörige Schwerwasserreaktor ist noch im Bau. In Schwerwasserreaktoren fällt Plutonium an, das für die Waffenproduktion verwendet werden kann. Damit könnte sich der Iran einen zweiten Weg für die Produktion einer Bombe eröffnen.

Der Iran steht seit Jahren im Verdacht, nach Atomwaffen zu streben. Die Regierung in Teheran weist dies zurück. Die Zentrifugen sind dabei nicht der einzige Stolperstein auf dem Weg zu einem Abkommen. Ein anderes Problem sind Irans Raketen, die Sprengköpfe über eine große Distanz transportieren können. Die USA wollen sie in den Atomvertrag einbeziehen, der Iran lehnt dies ab. Andere Streitpunkte sind die Laufzeit des geplanten Abkommens, der Zeitplan für die Einstellung der Sanktionen gegen den Iran und die Zukunft eines iranischen Forschungsreaktors, der Plutonium produzieren kann.

Der Iran hatte sich im November mit den sechs Ländern auf eine vorläufige Vereinbarung verständigt und sein Atomprogramm eingeschränkt. Im Gegenzug wurden Sanktionen etwas gelockert. Damit sollte Zeit für weitere Verhandlungen gewonnen werden, um bis zum 20. Juli eine umfassende Einigung zu erzielen. Sollten die Gespräche scheitern, stiege die Gefahr eines israelischen Luftangriffes auf iranische Atomanlagen und eines Konflikts in der gesamten Region.

Von

rtr

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