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25.10.2016

15:50 Uhr

Forschungscluster Paris-Saclay

Frankreich zwischen Ambition und Größenwahn

VonThomas Hanke

Südlich von Paris will die französische Regierung ein Forschungscluster von Weltklasse aus dem Boden stampfen. Das soll eines Tages mit dem Silicon Valley gleichziehen. Geniestreich oder Wahnsinn? Die Wette ist offen.

Auf dem Campus sind bereits 90.000 Quadratmeter an Labors, Hörsälen und Wohnheimen gebaut worden, 390.000 sind im Bau oder geplant. EPA Paris-Saclay

Große Pläne

Auf dem Campus sind bereits 90.000 Quadratmeter an Labors, Hörsälen und Wohnheimen gebaut worden, 390.000 sind im Bau oder geplant.

ParisFrankreich fasziniert und verwirrt immer wieder durch seine Versuche, „par ordre du mufti“ Projekte von globaler Bedeutung zu verwirklichen. Unter De Gaulle wollte es eine weltweite Norm für das Farbfernsehen etablieren und scheiterte damit gründlich. Die Absicht, trotz eines amerikanischen Boykotts einen eigenen Nuklearsektor aufzubauen, gelang: Frankreich hat die Bombe und den größten Park von Atommeilern weltweit. Für eine führende Rolle in der Elektronikindustrie dagegen hat der französische Staat zwar seit den 70er-Jahren Milliarden Euro aufgewendet, doch die Resultate sind bestenfalls gemischt.

Wie wird man in ein paar Jahren die Idee einordnen, mit „Paris-Saclay“ eines der bedeutendsten globalen Wissenschafts- und Technikcluster aus dem Boden zu stampfen: Top oder Flop, Genie oder Wahnsinn?

Auf dem Plateau von Saclay, rund 20 Kilometer südwestlich von Paris entfernt, entsteht eine Ansammlung von staatlichen und privaten Forschungseinrichtungen, Eliteschulen, Universitäten und Wohnvierteln. Wieder greift das Land nach den Sternen: Frankreich will mit Paris-Saclay in die Weltspitze der Forschungs- und Technologiecluster aufsteigen und gleiche Augenhöhe mit dem Silicon Valley erreichen. Schon heute habe man 50.000 Arbeitsplätze in der Hochtechnologie erreicht, die Universität Paris-Saclay zähle 10.000 Forscher, rechnet Philippe Van de Maele vor, der die Öffentliche Planungsbehörde (EPA) Paris-Saclay leitet. Doch dabei wird vieles aufaddiert, was noch keine räumliche oder funktionale Einheit bildet.

Frankreich

Bruttoinlandsprodukt

Nach Daten des IMF betrug das französische BIP im vergangenen Jahr rund 2,42 Billionen US-Dollar. Im europäischen Vergleich steht das Land damit an dritter Stelle hinter Spitzenreiter Deutschland und Großbritannien. Was zunächst positiv klingt, erscheint mit Blick in die frühe Vergangenheit gar nicht mehr allzu rosig. Nur ein Jahr zuvor hatte das Bruttoinlandsprodukt noch fast 400 Milliarden US-Dollar mehr auf dem Konto – und stand damit auch vor dem Vereinigten Königreich. Vom Allzeithoch aus dem Jahr 2008 (2,94 Billionen US-Dollar) ist Frankreich ein gutes Stück entfernt.

Einwohnerzahl

Im „französischen Mutterland“ lebten zu Beginn des zurückliegenden Jahres 64.204.247 Menschen. Nimmt man die Überseedépartements Guadeloupe, Martinique, Französisch-Guayana, Réunion und Mayotte hinzu, kommt die französische Republik auf über 66,3 Millionen Einwohner. Einer Prognose von Eurostat zufolge wird das zweitbevölkerungsreichste Land Europas bis 2050 sehr nah an die künftigen Zahlen aus Deutschland herankommen – knapp über 74 Millionen Menschen sollen beide Staaten dann jeweils beherbergen.

Bevölkerungsdichte

Mit rund 550 km² ist Frankreich auch ohne die dazugehörigen Überseeinseln und -gebiete bereits das flächenmäßig größte Land in Europa. Dementsprechend viel Platz steht den zahlreichen Franzosen zur Verfügung, was sich auf die Bevölkerungsdichte auswirkt. Mit 117 Einwohnern pro Quadratkilometer befindet sich die Republik so nah am EU-weiten Durchschnitt (116,3) wie kein anderes europäisches Land.

Staatsoberhaupt

Mit der Annahme einer neuen Verfassung im Oktober 1958 wurde in Frankreich die sogenannte „Fünfte Republik“ eingeführt. Beginnend mit Charles de Gaulle standen seither sieben Präsidenten an der Spitze des Staates. Seit Mitte 2012 hat François Hollande das höchste Amt inne, der nach der erfolgreichen Wahl den bis dahin amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy vorzeitig ablöste.

Nationalhymne

Die „Marseillaise“ ist seit 1795 die offizielle französische Nationalhymne. Drei Jahre zuvor wurde sie von Claude Joseph Rouget de Lisle verfasst – allerdings als Kriegserklärung an Österreich. Unter dem Titel „Chant de guerre pour l’armée du Rhin“ („Kriegslied für die Rheinarmee“) war sie dem Oberbefehlshaber und Gouverneur von Straßburg, Nikolaus von Luckner, gewidmet und ertönt bis heute in dessen Geburtsort, Cham in der Oberpflaz, täglich als Glockenspiel auf dem Marktplatz. Das Lied wurde beim Einzug in Paris von Soldaten aus Marseille gesungen, wodurch der bekannte Titel zustande kam.

Das Problem mit den Rechten

Der Name der rechtsradikalen Partei Front National tauchte in der jüngsten Vergangenheit häufig in den Medien auf. Dabei konnte die Partei rund um deren Vorsitzende Marine Le Pen bereits in den 1980er Jahren erste Erfolge verbuchen – und das aus denselben Gründen wie heute. Der wirtschaftliche Pessimismus innerhalb des Landes brachte dem FN zweimal in Folge mindestens einen Sitz in der Nationalversammlung. Aus der Europawahl 2014 ging der FN mit 24,86% der Stimmen als Sieger unter den französischen Parteien hervor. Bei der Präsidentenwahl im nächsten Jahr werden Le Pen gute Ergebnisse prognostiziert – wenngleich es nicht ganz für das Amt reichen solle.

Französische Revolution

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ist nicht nur der Wahlspruch der Republik Haiti sowie der heutigen Französischen Republik, sondern auch das Motto der Französischen Revolution, die ab 1789 grundlegende Werte und Ideen der Aufklärung propagierte und umsetzte. Sie hatte signifikante gesellschaftspolitische Veränderungen auf dem ganzen Kontinent zur Folge. Die heutige französische Verfassung verweist auf die zu jener Zeit entstandene „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ und enthält sonst keinen eigenen Grundrechtekatalog.

Der französische Zentralismus ist legendär. Er macht solche kühnen Projekte möglich. Doch Behörden, Institutionen und Kommunen halten die Befehle von oben manchmal beharrlich auf, bis sie zu Staub zerfallen. Bereits 1965 fasste die Regierung den Beschluss, auf dem Plateau von Saclay eine „Stadt der Wissenschaften“ mit 500.000 Einwohnern zu bauen. Ein pharaonisches Projekt, aus dem nichts wurde.

Schon im 17. Jahrhundert spielte Saclay eine Rolle bei einem anderen tollkühnen Vorhaben: der Idee des Sonnenkönigs Ludwig XIV., ausgerechnet in der trockenen Ebene von Versailles ein Prunkschloss mit Dutzenden von Teichen und Springbrunnen zu errichten. Die feuchte Hochebene von Saclay wurde zur Ader gelassen, um das Schloss und die Wasserspiele von Versailles zu speisen, die heute Millionen von Touristen begeistern. Der Erfolg dieses von einem absolutistischen Monarchen vorangetriebenen Entschlusses prägt die französische Psyche wohl noch jetzt.

Die ersten Versuche von Technik und Wissenschaft auf dem Plateau sind mit der Luftfahrt verbunden. Von den acht Flugplätzen, die es hier gab, ist heute noch einer übrig. Anfang des 20. Jahrhunderts siedelten sich mehrere Pioniere der Luftfahrt an, darunter Louis Blériot. Doch später konzentrierte sich die Industrie in Toulouse.

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Die politischen Entscheider Frankreichs schaffen es allerdings, einige der besten Köpfe nach Saclay zu holen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkten das neue Kommissariat für Atomenergie (CEA) und das Institut für hohe wissenschaftliche Forschung (IHES) als Magneten. General De Gaulle und seine Mitarbeiter sahen die Nuklearforschung als Schlüssel für die wirtschaftliche und militärische Unabhängigkeit Frankreichs an. Das CEA war ihr Instrument.

Zum ersten Direktor des Kommissariats in Saclay wurde Frédéric Joliot-Curie berufen, der mit seiner Frau Irène 1935 den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte. Gerade die Forschung über Radioaktivität war damals hoch politisiert: Joliot-Curie war weit links engagiert und hatte sich am kommunistischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung beteiligt, übrigens auch sehr handfest: Sein „Joliot-Curie-Cocktail“ setzte einige Panzer der Wehrmacht außer Gefecht.

Kommentare (12)

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Frau Pia Paff

25.10.2016, 16:30 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette  

Frau Annette Bollmohr

25.10.2016, 16:42 Uhr

@Frau Pia Paff, 25.10.2016, 16:30 Uhr

"Die Franzmänner können nix."

Blödsinn. Wie jede Pauschalisierung.

Novi Prinz

25.10.2016, 16:45 Uhr

Wenn Regierungen großes planen , wird es auch etwas Großes !
Mindestens ein großes Desaster !

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