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20.06.2017

12:24 Uhr

Fragen und Antworten zur Flüchtlingskrise

Jede Minute gibt es 20 Vertriebene mehr

Seit die Balkanroute geschlossen ist und die Türkei Flüchtlinge aufhält, schaffen es nur noch relativ wenige, sich bis in die EU durchzuschlagen. Problem gelöst? Mitnichten. Und jede Minute gibt es 20 Vertriebene mehr.

Flüchtlinge kommen weiter über Land und Wasser nach Europa. dpa

Balkanroute

Flüchtlinge kommen weiter über Land und Wasser nach Europa.

Genf/Berlin/BrüsselDie Flüchtlingskrise scheint weit weg: keine Bilder mehr von Menschenschlangen an der bayerischen Grenze, von überfüllten Asylunterkünften, Verzweifelten an geschlossenen Grenzübergängen, keine Sondersendungen mehr über chaotische Zustände in Deutschland und Europa. Ist die Krise damit vorbei? Keineswegs. Weltweit werden jede Minute 20 Menschen in die Flucht getrieben. Der Weltflüchtlingsbericht zeichnet ein düsteres Bild.

65,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene weltweit, wo sind die Menschen alle?
Die Türkei beherbergte 2016 weltweit die meisten Flüchtlinge, 2,9 Millionen. Der Libanon hat gemessen an der eigenen Bevölkerung den meisten Menschen Zuflucht geboten. In dem Land am Mittelmeer, halb so groß wie Sachsen-Anhalt, war jeder sechste Bewohner Flüchtling. Pakistan beherbergte 1,4 Millionen Geflüchtete, Iran und Uganda je fast eine Million, Äthiopien fast 800.000, Jordanien fast 700.000. 84 Prozent der Vertriebenen sind in Entwicklungsländern. „Dies ist keine Krise der reichen Welt, sondern eine Krise der Entwicklungsländer“, betont der Chef des UN-Flüchtlingswerks (UNHCR), Filippo Grandi. Für Deutschland nennt das UNHCR 669.500 Flüchtlinge, Platz 8.

Wo ist die Not am größten?
Die meisten Flüchtlinge stammen nach wie vor aus Syrien, 5,5 Millionen. Im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat gewinnt die Regierung zwar Oberhand, aber mit den untereinander rivalisierenden Oppositionskämpfern ist keine Annäherung in Sicht. Die zweitgrößte Gruppe kommt aus Afghanistan (2,5 Millionen). Am rasantesten verschärfte sich die Krise aber in Südsudan. 2016 waren schon zwölf Prozent der zwölf Millionen Einwohner des jungen Landes vor den ethnisch verfeindeten Bürgerkriegsparteien auf der Flucht, inzwischen sind es schon 17 Prozent. Die selbst bitterarmen Nachbarländer können den Ansturm kaum bewältigen.

Gegen Flüchtlinge wird aus der rechten Ecke immer mit Bildern gewaltbereiter junger Männer Stimmung gemacht. Stimmt das überhaupt?
Nein. Die Hälfte der Flüchtlinge, 51 Prozent, sind unter 18. Gerade Familien nehmen größte Gefahren in Kauf, um ihre Kleinen vor Krieg, Gefechten, Gewalt und Verfolgung zu retten. Zudem sind 75.000 Kinder sogar ohne Eltern unterwegs, teils, weil sie auf der Flucht getrennt wurden oder weil die Eltern, wenn sie Menschenschmuggler bezahlten, nur Geld für die Kinder hatten.

Kinder würden besonders leicht Opfer von Entführungen, sexuellem Missbrauch oder sogar Organhandel, so die SOS-Kinderdörfer. „Viele von ihnen leiden unter enormem Stress: Sie haben Kriege oder Hunger erlebt, schlimme Erfahrungen auf der Flucht gemacht und müssen nun ohne Familie in einer neuen Kultur klarkommen“, sagt Orso Muneghina, Leiter des Nothilfe-Programms der SOS-Kinderdörfer in Italien.

Wie hat die EU nach dem Andrang 2015 reagiert?

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Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR schlägt Alarm: Niemals zuvor waren so viele Menschen auf der Flucht. Syrien bleibt die schlimmste Krise. UN-Generalsekretär António Guterres appelliert an die Regierungen zu helfen.

„Wir sollten niemals erlauben, dass sich das Chaos von 2015 in Europa wiederholt“, sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk. Grenzschließungen und Zäune auf der Balkanroute haben die Zahl der Asylsuchenden ebenso nach unten gedrückt wie der Flüchtlingspakt mit der Türkei. Außerdem wurde die EU-Grenzschutzagentur Frontex ausgebaut, damit sie Länder an den Außengrenzen der Europäischen Union künftig besser vor ungewollter Migration schützen kann.

Hilft Europa nicht auch den Herkunftsländern?
Im eigenen Interesse, ja. Die sogenannten Migrationspartnerschaften funktionieren nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche. Wer mit Europa in solchen „Partnerschaften“ zusammenarbeitet, soll mehr Entwicklungsgelder bekommen. Als Musterschüler gilt Niger. Das Transitland in Westafrika habe den Grenzschutz und den Kampf gegen Schleuser verstärkt. Dafür bekommt es Unterstützung für die Landwirtschaft, bei beruflicher Ausbildung und Jugendbeschäftigung. Weniger Fortschritte gibt es in Nigeria, Mali, Senegal und Äthiopien.

Kommentare (1)

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Frau Lana Ebsel

20.06.2017, 14:34 Uhr

Zunächst einmal müsste vielen Deutschen erklärt werden, dass sie keine schlechten Menschen sind und von ihrem Freundeskreis nicht ausgegrenzt werden, wenn sie sich an Gesetze halten und unberechtigt Eingereiste wieder nach Hause schicken. Aber solange der Zeitgeist in vielen Gesellschaftsgruppen in Deutschland darauf basiert, dass es schick ist, sich dem Regime zu widersetzen (siehe u.a. die christlichen Kirchen) und als Flüchtlingshelfer zu agieren, wird sich "in diesem Land" (Ein gerne gebrauchter Begriff, um nicht Deutschland sagen zu müssen) nichts ändern.

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