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10.12.2011

17:01 Uhr

Franco Bruni im Interview

„Diese Geldpolitik ist verrückt“

VonPhilip Faigle, Fabio Ghelli
Quelle:Zeit Online

Der italienische Ökonom Franco Bruni kritisiert die Geldpolitik der Zentralbanken. Die Probleme Europas, sagt er im Interview, lassen sich nicht mit mehr Geld lösen.

Mehr Geld wird Europa nicht retten, sagt der Ökonom Franco Bruni. dapd

Mehr Geld wird Europa nicht retten, sagt der Ökonom Franco Bruni.

Sind wir Deutschen neurotisch, wenn wir fürchten, dass die Inflation ausbricht, nur weil die Europäische Zentralbank weiter Staatsanleihen aufkauft?

Franco Bruni: Nein. Es ist offensichtlich, dass durch die Anleihekäufe mehr Liquidität entsteht, die zu mehr Inflation führen kann.

Sie sind also gegen ein stärkeres Engagement der EZB, auch wenn Italien dadurch mehr Zeit bekommt, seinen Haushalt zu sanieren?

Ich bin nicht unbedingt dagegen. Wir sind in einer Notlage, in der die EZB dafür sorgen muss, dass das Vertrauen der Anleger zurückkehrt. Aber das Engagement sollte von kurzer Dauer sein. Wir dürfen nicht in alte Zeiten zurückfallen, in denen die Notenbanken einfach die Staatsschulden finanziert haben, wenn die Regierungen danach riefen. Die EZB sollte helfen, aber Europas Politik muss einfordern, dass die Reformanstrengungen in den Krisenländern nicht nachlassen.

Wie es mit dem Euro weitergeht

Wie sehen die Lösungen der Politik aus?

Die Euro-Politiker setzen darauf, dass sich angesichts der beschlossenen Maßnahmen wie einer Hebelung des EFSF-Kreditvolumens und der neuen Technokraten-Regierungen in Italien und Griechenland die Märkte wieder etwas beruhigen. Die derzeit beängstigend hohen Zinsen vor allem für italienische Staatsanleihen würden in diesem Szenario langsam wieder sinken, Griechenland bleibt dank des Schuldenschnitts eine Insolvenz erspart. Die Banken bunkern mehr Kapital, um nicht in Schieflagen zu geraten.

Kommt eine Änderung der EU-Verträge?

Eine Änderung der EU-Verträge - das nächste große Thema - soll bewirken, dass die Euroländer künftig stärker zentral gesteuert und überwacht werden können. Zusätzlich geht 2013 der dauerhafte Rettungsschirm ESM an den Start. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) könnte noch stärker an Rettungsmaßnahmen beteiligt werden.

Wie gefährlich wären Bankenpleiten?

Eine andere, vielleicht noch gefährlichere Entwicklung wäre ein plötzliches Ereignis - zum Beispiel die unerwartete Insolvenz einer großen Bank. Es könnte Schockwellen an den Aktien- und Anleihemärkten auslösen und Kettenreaktionen nach sich ziehen.

Was könnte diese Wunschvorstellungen durchkreuzen?

Problematisch wird es, wenn die Renditen der Staatsanleihen für Krisenländer auf dem derzeitigen Höchstniveau verharren und auch die Papiere solider Staaten wie Frankreich oder Deutschland weniger Käufer finden. Dies wären Anzeichen dafür, dass die bewährte Form der Euro-Staatsfinanzierung ausgedient hat - Rettungsschirme würden dann mittelfristig auch nichts mehr bringen, weil sie die Wurzel des Problems nicht beseitigen.

Was kann noch den Euro zu retten?

Eine Alternative zur bisherigen Form der Staatsfinanzierung wären Euro-Bonds - also gemeinschaftliche Anleihen der Eurostaaten, die unterschiedlich konstruiert werden könnten. Deutschland lehnt sie bisher ab, doch bei einer Verschärfung der Krise ist vorstellbar, dass sich der Widerstand lockert.

Was kann die EZB tun?

Im Fall einer plötzlichen Notsituation kann eigentlich nur die Europäische Zentralbank (EZB) helfen, da politische Entscheidungsprozesse zu lange dauern. Die EZB könnte ankündigen, unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen - einige Ökonomen fordern dies bereits heute - und damit eine Torschlusspanik an den Märkten und in der Bevölkerung verhindern. Die EZB möchte solche drastischen Maßnahmen, die möglicherweise die Inflation beflügeln, eigentlich nicht ergreifen - doch im Extremfall könnte sie dazu gezwungen sein.

Und wie wahrscheinlich ist das Aus für den Euro?

Sehr unwahrscheinlich - aus dem einfachen Grund, dass es dann nur Verlierer gibt. Krisenländer könnten zwar zu ihrer alten Währung zurückkehren und sie abwerten, damit ihre Unternehmen wettbewerbsfähiger werden. Ihre Schuldenprobleme wären damit aber überhaupt nicht gelöst.

Wäre mit der D-Mark alles besser?

Führt Deutschland die D-Mark wieder ein, würde sie wiederum mit ziemlicher Sicherheit drastisch an Wert gewinnen - was Gift für die Konzerne wäre, die auf den Export und die boomenden Märkte in Asien setzen. Fast alle Vorteile des Euro, von denen Deutschland in den vergangenen Jahren überproportional profitiert hat, wären zunichtegemacht.

Was bedeutet ein Euro-Aus für Unternehmen?

Dass sich Unternehmen mit dem Euro-Aus zumindest theoretisch befassen, ist normal - sie müssen, meist schon aus Verantwortung gegenüber ihren Aktionären, alle möglichen Szenarien für den Geschäftsverlauf durchspielen.

In ihrem jüngsten Buch, das 2009 auf dem Höhepunkt der Krise entstanden ist, rechnen Sie mit der Geldpolitik der vergangenen 20 Jahre ab. Was ist Ihr Hauptvorwurf?

Dass wir die Regeln, die uns aus der Unordnung der Siebziger Jahre geführt haben, nicht eingehalten haben. Damals kämpften Keynesianer gegen Neoklassiker, in Italien war die Inflationsrate hoch, ebenso wie die Zinsen für Staatsanleihen – weit höher als im Moment übrigens. Die Regeln, die Italien in den achtziger und neunziger Jahren zurück auf den Pfad der Stabilität geführt haben, waren von der deutschen Stabilitätskultur inspiriert: Dazu gehörte auch die Unabhängigkeit der Zentralbank. Mein Vorwurf lautet, dass anschließend diese Regeln weltweit zu wenig Beachtung fanden.

Woran machen Sie das fest?

Seit der Japan-Krise Anfang der Neunziger, sind wir dem Irrglauben verfallen, dass wir mit dauerhaft niedrigen Zinsen die Wirtschaft ankurbeln können. Diese Geldpolitik ist verrückt, weil sie ausklammert, dass viele Staaten strukturelle Probleme haben. Diese lassen sich nicht mit mehr Geld lösen. Auch ist es verrückt zu glauben, man könne den Konsum beliebig anheizen, indem man die Zinsen de facto unter Null setzt, unter anderem, indem man die Inflationserwartungen nach oben treibt. Wir wissen heute, dass der Konsum von vielen anderen Dingen abhängt – unter anderem vom Sicherheitsempfinden der Konsumenten.

Welche Folgen hat das Ihrer Meinung nach?

Die Folge dieser Geldpolitik ist, dass wir es seit den neunziger Jahren in Europa mit einer drastisch steigenden Geldmenge zu tun haben – sie wächst weit schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ständig exzessive Booms finanzieren.

Kommentare (14)

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otto15

10.12.2011, 17:34 Uhr

Schlicht und wahr?

Account gelöscht!

10.12.2011, 17:35 Uhr

Das Interview sollten Merkel und Schäuble mal ganz genau durchlesen. Und dann eine Reihe von Fragen beantworten: Zur Inflationserwartung, zum Entwerten der gesparten Vermögen deutscher Bürger, wie die strukturellen Probleme innerhalb der Eurozone gelöst werden sollen, ohne dass Deutschland für alles bezahlt. Das wird nicht funktionieren. Der Euro ist ein großer Wunschtraum. Mittlerweile in Griechenland fast 50% Arbeitslose unter jungen Erwachsenen. Die Lage in Spanien: katastrophal. Die französischen Wirtschaft ist hoffnungslos im Wettbewerb zurückgefallen - kein Wunder bei der 35 Stunden Woche und dem riesigen unproduktiven Beamtenheer, das extrem gefrässig ist. In Deutschland steigen die Löhne seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Nur die deutsche Exportindustrie hat was vom billigen Euro, den die deutschen Steuerzahler subventionieren. So wird Deutschlands Wohlstand verschenkt - die arbeitende Bevölkerung wird mit dem Euro beschissen ohne Ende. Aber das haben "politische Projekte" eben an sich - wie früher im Osten der Sozialismus: "Vorwärts immer, rückwärts nimmer." Bis es zu spät ist. Man muss nur einen Blick auf die Entwicklung der deutschen Staatsverschuldung werfen. Dann kann jeder erkennen, dass in kurzer Zeit der deutsche Staatsbankrott ansteht. Da sollte sich aber niemand beschweren - jeder kann es wissen, der selbst(!) bis drei zählen kann...

Account gelöscht!

10.12.2011, 17:49 Uhr

"Die Geldpolitiker müssen umdenken. Sie dürfen nicht nur auf die Preisentwicklung, sondern müssen auch auf die Entwicklung der Vermögenspreise schauen."

Genau so ist es! Die ganzen Ökonomen-Quacksalber die "Wirtschaftswachstum" mit betrügerisch geschöpften Geld ohne Gegenwert herbei alchemieren und nichts weiter als Konsumblasen erzeugen, gehören an den Pranger und aus dem Verkehr gezogen. Sie sind mitverantwortlich, dafür, dass neues organisches Wachstum nicht entstehen kann, weil das Bestehende mit dem Falschgeld künstlich am Leben erhalten wird.

Zu ergänzen wäre vielleicht noch, dass neben dem vorgeschlagenen erweiteren Inflationsbegriff auch ein erweiterter Geldmengenbegriff der den ganzen infaltionär anwachsenden schneballsystemischen Derivateschrott mit einbezieht, betrachtet werden sollte. Diese Art von Inflation mag die Brotpreise (noch!) nicht stark tangieren aber führt zu der ganzen Instabilität im Weltfinanzsystem, welches kaum noch aus realem Kapital sondern vor allem aus heißer Luft besteht.

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