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17.08.2016

15:39 Uhr

Frankreich debattiert

Burkini – Versklavung oder Selbstbestimmung?

VonThomas Hanke

Was hat ein Burkini mit Terroranschlägen zu tun? Nichts. Doch Frankreichs sozialistischer Premier facht mit jakobinischem Eifer eine Kontroverse um ein ästhetisch fragliches Textil an, obwohl die Fakten auf der Hand liegen.

Politiker in Frankreich diskutieren über den Burkini. dpa

Burkini-Verbot?

Politiker in Frankreich diskutieren über den Burkini.

ParisHat der Mann keine anderen Probleme? Premier Manuel Valls facht die befremdliche Burkini-Kontroverse in Frankreich an, die gerade etwas abzuklingen schien. Jean-Pierre Chevènement, vom Staatspräsidenten persönlich ausgewählt als Vorsitzender der „Stiftung für die Muslime“, hatte so etwas wie ein Schlusswort gesprochen. Im Zweifelsfall müsse man immer für die Freiheit sein, selbst für die, den Ganzkörper-Badeanzug zu tragen, so lange die öffentliche Ordnung nicht gestört werde.

Da kommt Premier Manuel Valls daher und gießt wieder Öl ins Feuer. „Ich unterstütze die lokalen Burkini-Verbote“, sagte er am Mittwochmorgen. Das Kleidungsstück verstoße „gegen die Werte der Republik“. Der Sozialist fährt schweres Geschütz auf: Das an einen Taucheranzug erinnernde Textil hat für ihn subversives Potenzial. Es sei „Ausdruck eines politischen Projekts, einer Gegengesellschaft, die auf die Versklavung der Frau abzielt.“ Wenn dem so ist, sollte er wohl schleunigst ein Gesetz einbringen.

Strafzettel für Strandbekleidung: Erste Bußgelder in Cannes nach Burkini-Verbot

Strafzettel für Strandbekleidung

Erste Bußgelder in Cannes nach Burkini-Verbot

Ein Bußgeld für zu bekleidete Frauen: 38 Euro zahlen Frauen am Strand von Cannes, die gegen das umstrittene „Burkini-Verbot“ verstoßen. Drei Frauen bekamen bereits Strafzettel, sechs weitere wurden kontrolliert.

Genau das will er aber nicht: „Ich glaube nicht, dass man in der Frage gesetzgeberisch tätig werden muss.“ Eine „allgemeine Regelung der Kleidervorschriften kann keine Lösung sein“, begründet er das. Aber was sollen dann lokale Verbote?

Sieben Bürgermeister, von Port Leucate im äußersten Süden bis Le Touquet im Norden, haben bislang meist auf den Sommer befristete Verbote ausgesprochen. Dabei erwähnen sie tunlichst nicht den Burkini, denn der fällt in Frankreich ausdrücklich nicht unter ein gesetzliches Verbot: Das gilt lediglich für Kleidungsstücke, die wie das Stoffgefängnis Burka oder eine beliebige Maske das Gesicht verhüllen, was beim Burkini gerade nicht der Fall ist.

Mit allerlei Verrenkungen wird deshalb bei den lokalen Erlassen „Strandbekleidung“ untersagt, die „auf ostentative Art die Zugehörigkeit zu einer Religion zum Ausdruck bringt, weil das zu einem Zeitpunkt, in dem religiöse Stätten Ziel von Terroranschlägen sind, öffentliche Unruhen auslösen und die Ordnung stören kann.“

Da wird nun alles durcheinander gemischt, was nicht zusammen gehört. Was hat Badekleidung mit Terroranschlägen zu tun? Wen glauben diese Politiker verteidigen zu müssen? Die Katholiken, die am 26.Juli einen Priester durch einen Terroranschlag verloren, haben die Muslime und deren Würdenträger ausdrücklich in die Kirchen eingeladen und dabei nicht etwa verlangt, sie sollten ihre muslimisch geprägten Gewänder ablegen. Fast könnte man das Gefühl haben, manche französischen Politiker wollten die sich anbahnende Verständigung der Religionen torpedieren mit ihrer aufgeblasenen Burkini-Kontroverse.

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