Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.11.2015

21:48 Uhr

Frankreich

„Die Kluft in der Gesellschaft wird noch tiefer“

VonBenjamin Wagener

Jean Lamblat ist in Deutschland, als in seiner Heimatstadt Paris die Attentäter wüten. Seiner Familie geht es gut, erfährt er am Tag danach. Er fliegt zurück – mit einem Gefühl der Angst: Wie geht es mit Frankreich weiter?

Kerzen für die Opfer – doch was kommt nach der Trauer? ap

Gedenken in Paris

Kerzen für die Opfer – doch was kommt nach der Trauer?

ParisJean Lamblat kann seine Hände nicht ruhig halten, hibbelig faltet er sie zusammen, nimmt sie auseinander, steckt sie in die Tasche seines grauen Jacketts – und beginnt wieder von vorne. Der Ingenieur, der in Paris für LG arbeitet, war für seinen Arbeitgeber in Deutschland, er hat die Terrorserie am Abend verschlafen und erst am Samstagmorgen aus dem Fernsehen von den Attentaten erfahren.

Nun sitzt er im Flieger nach Hause. Seiner Familie, alles gebürtige Pariser aus dem 20. Arrondissement, geht es gut. „Aber von einem sehr guten Freund, der begeisterter Hardrock-Fan ist, habe ich immer noch keine Nachricht – und er war genau da unterwegs“, sagt der 55-Jährige. Mit „da“ meint er die Straßen rund um den Musikclub Bataclan. Dort, wo gestern die US-amerikanische Band „Eagles of Death Metal“ aufgetreten ist, bis mehrere Attentäter in den Konzertsaal stürmten, das Feuer eröffneten – und mehr als 80 Menschen töteten.

„Ich will nicht panisch reagieren, aber ich habe Angst“, sagt Lamblat. „Was ist in den nächsten Tagen, wie wird es weitergehen? Was wird passieren?“ Der aufgelöste Mann lehnt sich zurück, nimmt die Brille von der Nase und schweigt kurz. „Und ich habe Angst, dass die Kluft in der Gesellschaft noch tiefer werden wird.“

Der Terror von Paris – Was wir wissen

Täter

Die Attacken wurden von drei Terrorkommandos verübt. Sie schlugen am Freitagabend an sechs Orten in Paris und dem Vorort Saint-Denis koordiniert zu, schossen wahllos auf Menschen oder sprengten sich selbst in die Luft. Die Angreifer benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow und trugen identische Sprengstoffwesten. Sieben Terroristen starben. Einer wurde erschossen, sechs sprengten sich in die Luft. Mindestens einem Terrorkommando scheint zunächst die Flucht gelungen zu sein. Ermittler stellten am Sonntagmorgen östlich von Paris den schwarzen Seat sicher, aus dem heraus die Attentäter die Cafés und Restaurants beschossen hatten. Darin wurden nach Medienberichten drei Kalaschnikows gefunden.

Ziele

Die mit Abstand meisten Opfer gab es beim Überfall auf ein ausverkauftes Rockkonzert im Musikclub „Bataclan“, dort wurden Geiseln genommen. Auch mehrere Cafés und Restaurants in der Nähe wurden beschossen. Drei Selbstmordattentäter sprengten sich vor dem Fußball-Stadion Stade de France in die Luft, wo die deutsche Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Mindestens einer von ihnen soll zuvor vergeblich versucht haben, ins Stadion zu kommen.

Opfer

Mindestens 129 Menschen wurden getötet, 352 weitere teils lebensgefährlich verletzt. Unter den Toten ist ein Deutscher.

Terror

Frankreichs Präsident François Hollande machte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich und sprach von einem „Kriegsakt“. Der IS bekannte sich in einer zunächst nicht verifizierbaren Erklärung im Internet zu den Anschlägen. Die Angreifer sollen beim Überfall auf das „Bataclan“ „Allah ist groß“ gerufen und ihre Taten mit der Situation in Syrien und im Irak begründet haben. In beiden Ländern fliegt Frankreich Luftangriffe.

Pass

Bei den Überresten eines der Selbstmordattentäter vom Stade de France wurde ein syrischer Pass gefunden. Es verdichten sich die Hinweise, dass dieser Mann und ein weiterer Attentäter gemeinsam als Flüchtlinge getarnt in die EU einreisten. Einer von ihnen, ein 25-Jähriger namens Ahmed Almuhamed, soll am 7. Oktober in Serbien eingetroffen sein. Am 3. Oktober war er laut griechischen Behörden als Flüchtling auf der Insel Leros registriert worden. Nach Medieninformationen aus Polizeikreisen könnte auch sein mutmaßlicher Komplize über die Türkei nach Griechenland eingereist sein. Beide sollen zusammen von Leros aus die Fähre nach Piräus genommen haben.

Spuren in Belgien

In der Nähe des „Bataclan“ war zuvor schon ein schwarzer Polo mit belgischem Kennzeichen gefunden worden. Dieser Wagen soll von einem Franzosen angemietet worden sein, der in Belgien lebt. Er geriet am Samstagmorgen in einem dritten Auto in eine Routinekontrolle, wurde zunächst aber nicht festgenommen. Mit im Wagen waren mehrere Personen mit Wohnsitz in der Region Brüssel. Ein weiterer verdächtiger Mietwagen mit belgischem Kennzeichen wurde in der Nähe des Pariser Friedhofs Père Lachaise entdeckt. Die Polizei durchsuchte am Samstagabend im Brüsseler Stadtteil Molenbeek mehrere Wohnungen und nahm sieben Menschen fest. Einer der Festgenommenen soll am Freitagabend in Paris gewesen sein. Bei der Aktion wurde auch der Wagen sichergestellt, der am Morgen in die Routinekontrolle geraten war.

Lamblat lebt im Osten der französischen Metropole. Wenn er mit Metro zur Arbeit fährt, erlebt er immer wieder Szenen, dass Kollegen aus dem Magreb, die er kennt und die mit ihm in der Innenstadt arbeiten, von Muslimen angesprochen werden. „Sie setzen meine Bekannten regelrecht unter Druck, ihr seid keine Franzosen, warum lebt ihr so? Ihr seid schlechte Muslime“, sagt Lamblat.

Der Hass zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen wird größer werden, das befürchtet er. Und in französische Rechte werde die Attentatsserie für sich zu nutzen versuchen. „Die Toten, die Angst, die Bilder von Freitag werden vor allem bei einfacheren, nicht so gebildeten Menschen die Vorbehalte gegen alles Fremde verstärken“, sagt Lamblat. „Marine le Pen wird stärker werden.“

Der Terror von Paris – Was wir noch nicht wissen

Komplizen

Offen ist nach wie vor, wie viele Terroristen es insgesamt gab - und damit auch, ob weitere Attentäter oder Komplizen noch auf freiem Fuß sind. Besteht womöglich noch akute Gefahr? Bisher teilten die Ermittler auch nicht mit, wer die in Brüssel Festgenommenen sind. Ob sie in die Anschläge verwickelt sind, werde untersucht, hieß es. Unklar ist auch, ob der Verdächtige aus der Routinekontrolle unter den Festgenommenen ist.

Identität

Bisher sind erst drei Attentäter offiziell identifiziert, Näheres wurde nur über Mostefaï bekannt. Kamen die anderen Angreifer aus dem Ausland oder lebten sie in Frankreich? In welcher Verbindung standen sie zueinander, wie organisierten sie sich? Und planten sie die Anschläge eigenständig, oder wurden sie von Hintermännern instruiert und gesteuert? Waren sie bisher völlig unauffällig oder womöglich bereits im Visier der Sicherheitsbehörden? Damit hängt auch die Frage nach eventuellen Versäumnissen zusammen. Fragen wirft auch der gefundene syrische Pass auf. Ist das Dokument echt oder gefälscht? Und warum hatte es der Attentäter überhaupt bei sich?

Verdächtiger

Rätsel gibt ein Mann aus Montenegro auf, der vor gut einer Woche von der Polizei in Oberbayern mit Maschinenpistolen, Handgranaten und Sprengstoff im Auto gestoppt wurde. Angeblich war er damit auf dem Weg nach Paris. Ein Zusammenhang mit den Anschlägen wird geprüft.


Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×