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05.12.2013

16:04 Uhr

Frankreich

Edle Tropfen für die Staatskassen

Frankreichs Premierminister Ayrault versteigert 1400 Flaschen Wein, um den Haushalt aufzubessern. Vor allem Freunde edler Tropfen sind angesprochen. Am Regierungssitz kommen die schon länger nicht mehr auf den Tisch.

Teure Trauben: Nach Schätzungen dürfte die Versteigerung rund 100.000 Euro einbringen. dpa

Teure Trauben: Nach Schätzungen dürfte die Versteigerung rund 100.000 Euro einbringen.

ParisNach dem Elysée-Palast versteigert nun auch Frankreichs Premierminister Jean-Marc Ayrault einen Teil seines Weinkellers, um die klamme Staatskasse aufzufüllen. Insgesamt würden am Freitag in Paris 1400 Flaschen aus allen französischen Anbaugebieten zum Verkauf angeboten, sagte Kellermeister Claude Bluzet in Paris. Dies sei etwa ein Zehntel der Weinvorräte im Matignon-Palast, dem Amtssitz des französischen Regierungschefs.

Nach Schätzungen Bluzets dürfte die Versteigerung rund 100.000 Euro einbringen, die den Haushalt des Matignon aufbessern sollen. Möglicherweise gibt es aber eine Überraschung: Die Versteigerung eines Teils der Wein-Bestände des Elysée-Palastes hatte im Mai 718.000 Euro eingebracht – weit mehr als die vorab erwarteten 300.000 Euro.

Unter den Hammer kommen nun vor allem sehr edle und teure Weine, wie eine Flasche Romanée Conti des Jahres 2004 aus dem besten Anbaugebiet im Burgund. Der Schätzpreis für diese Flasche liegt bei 5000 bis 5500 Euro. Freunde edler Tropfen können auch eine Flasche La Tache 1990 ersteigern.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Auktionator Aymeric de Clouet schätzt ihren Wert auf 1800 bis 2100 Euro. Auf Liebhaber von Bordeaux-Weinen warten zwölf Flaschen Mouton Rothschild mit einem Schätzwert von insgesamt 8400 bis 9000 Euro. Aber auch für bescheidenere Geldbeutel sei etwas dabei, versichert de Clouet. Einige Flaschen würden ab 15 Euro angeboten.

Wie seine Kollegen in anderen gut bestückten Weinkellern, etwa denen der Pariser Nationalversammlung und des Senats, muss auch Kellermeister Bluzet immer mehr sparen. Sein Budget sei seit Jahren rückläufig, berichtete der Franzose, ohne eine Summe zu nennen. Spitzenweine kämen daher am Regierungssitz nicht mehr auf den Tisch. Mitglieder des Kabinetts müssten sich bei gemeinsamen Essen mit Flaschen –für vier oder fünf Euro" begnügen.

Der Elysée-Palast hat die Ausgaben für seinen Weinkeller ebenfalls reduziert. Immerhin beträgt das Budget nach Angaben der dortigen Chefin des Weinkellers, Virginie Routis, noch rund 150.000 Euro pro Jahr.

Von

afp

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