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11.11.2014

18:12 Uhr

Frankreich feiert Ende des 1. Weltkriegs

Der Ring des Erinnerns

VonThomas Hanke

Vor 96 Jahren endete eines der größten Gemetzel der Menschheit. Das Gedenken an den ersten Weltkrieg hat in Frankreich – im Gegensatz zu Deutschland – einen hohen Stellenwert. Und die Grande Nation zeigt wirklich Größe.

Ein französischer General vor dem Ring des Erinnerns, Frankreichs Gedenkstätte für die Toten des 1. Weltkriegs. Reuters

Ein französischer General vor dem Ring des Erinnerns, Frankreichs Gedenkstätte für die Toten des 1. Weltkriegs.

ParisKein Pomp, keine Menschenmassen. Mit einer fast intimen Feier haben die Vertreter von mehr als 20 Nationen, die am Ersten Weltkrieg beteiligt waren, in Notre Dame de Lorette im Norden Frankreichs eine Gedenkstätte eingeweiht. Am 11. November vor 96 Jahren endete die Schlächterei, der allein in der unmittelbaren Umgebung der Gedenkstätte 580.000 Soldaten zum Opfer fielen. In Frankreich und Großbritannien ist der 11. November ein wichtiger Feiertag, in Deutschland nicht.

Das Memorial besteht aus einem Ring mit 75 Meter Durchmesser, der in einem labilen Gleichgewicht ruht, nur auf einer Seite fest im Boden verankert. Im Inneren sind wie auf Buchseiten in alphabetischer Reihenfolge die Namen aller bekannten Gefallenen verzeichnet, ohne Nennung der Nation. Der erste ist der eines Soldaten aus Nepal, der für die britische Armee kämpfte – das Gemetzel, das die europäischen Mächte veranstalteten, war tatsächlich ein globales.

Fakten zum Ersten Weltkrieg

Wer war der "Rote Baron"?

Wegen der roten Farbe seiner Flugzeuge wurde Manfred von Richthofen, der legendäre Kampfflieger des kaiserlichen Deutschland, so genannt. Nach 80 Luftsiegen wurde er im April 1918 über Frankreich abgeschossen.

Welche Rolle spielten Panzer?

Der britische Marineminister Winston Churchill hatte sich schon früh für gepanzerte Kampfwagen starkgemacht. In Nordfrankreich versetzten hunderte britische "Tanks" ab 1916 die Deutschen in Angst und Schrecken, waren aber noch nicht kriegsentscheidend. Deutschland produzierte bis Kriegsende nur etwa 20 frontreife Panzer.

Warum gilt der Krieg als Weltkrieg?

Europa war der Hauptkriegsschauplatz. Aber die geografische Dimension des Krieges umfasste Regionen und Länder aller Kontinente. Nebenschauplätze waren die deutschen Kolonien in Afrika, Asien und im Pazifik, der Nahe Osten, der Kaukasus und die Weltmeere.

Wie viele Länder waren beteiligt?

Direkt und indirekt etwa 40, einschließlich der britischen Empire-Gebiete. Trotz Kriegerklärungen schickten vor allem einige mittelamerikanische Staaten keine Truppen. Andere Länder wie Spanien, die Schweiz und Argentinien blieben neutral.

Welches Land überfiel Deutschland zuerst?

Das neutrale Luxemburg wurde am 2. August 1914 von deutschen Truppen besetzt. Die junge Großherzogin Maria-Adelheid galt als deutschfreundlich, was sie nach Kriegsende den Thron kostete.

Welche Gebiete musste Deutschland 1918 abtreten?

Sämtliche Kolonien sowie etwa 13 Prozent des vorherigen Gebiets mussten abgetreten werden. Dazu zählten Elsass-Lothringen (an Frankreich), Westpreußen, die Provinz Posen und Teile Schlesiens (an Polen), die Kreise Eupen und Malmedy (an Belgien) sowie das Saargebiet, Danzig und das Memelland (unter Verwaltung des Völkerbunds).

Welches Land hatte besonders hohe Menschenverluste?

Serbien, dem Österreich-Ungarn eine Mitschuld an der Ermordung seines Kronprinzen gab, verlor - gemessen an seiner Bevölkerung - mehr Menschen als jedes andere Land. 1,1 Millionen Tote machten 24 Prozent der damaligen Bewohner aus.

Leben noch Teilnehmer des Ersten Weltkrieges?

Nein. Der letzte Veteran, der Brite Claude Stanley Choules, starb mit 110 Jahren im Mai 2011 in einem Pflegeheim in Australien. Bereits im Januar 2008 war bei Köln der letzte deutsche Kriegsteilnehmer gestorben. Der pensionierte Richter Erich Kästner wurde 107 Jahre.

Warum wurden Schützengräben angelegt?

Als der deutsche Vormarsch stagnierte, schaufelten die Soldaten beider Seiten an der 750 Kilometer langen Westfront ein gestaffeltes Graben- und Tunnelsystem. Damit sollte zunächst die Front gehalten werden, um später wieder in die Offensive gehen zu können. Die bis zu zehn Meter tiefen Unterstände boten allerdings keinen sicheren Schutz vor Artilleriefeuer.

Wo wurde erstmals Giftgas eingesetzt?

Bei der belgischen Stadt Ypern, am 22. April 1915 von deutschen Truppen gegen französische Stellungen. Mindestens 1200 alliierte Soldaten kamen durch das Luftwege und Lungen verätzende Chlorgas um.

Was verband den Kaiser und Lenin?

Die ideologischen Todfeinde wollten den Krieg im Osten beenden. In einer Geheimaktion schleuste Deutschland den russischen Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin im April 1917 aus dem Schweizer Exil nach Petrograd (heute St. Petersburg). Nach der bolschewistischen Revolution schloss er im März 1918 Frieden mit Deutschland.

Wer kannte "keine Parteien mehr"?

Kaiser Wilhelm II. beschwor am 4. August 1914 im Reichstag den Zusammenhalt der Nation. "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Auch weite Teile der SPD stimmten dem Burgfrieden zu, weil sie das Vaterland bedroht sahen.

Viele Tote wurden so verstümmelt, dass ihre Leichname nie gefunden wurden. „Sie, die im Krieg Feinde waren, ruhen nun gemeinsam in der Erde, als wären sie Angehörige derselben Familie“, sagte der oft kritisierte Staatspräsident Franҫois Hollande, der eine bemerkenswert gute Rede ohne nationalistische Akzente hielt.

„Der Ring des Gedenkens ist so labil wie der Frieden, auch der ist nie gesichert, er braucht Vorkämpfer, die sich für ihn einsetzen“, sagte Hollande. „Immer, wenn der Nationalismus wieder hochkommt, wenn die Ideologien des Hasses laut werden, wenn Trennendes betont wird, müssen wir uns an das Inferno des Sommers 1914 erinnern und daran, wohin es die Menschheit geführt hat“, mahnte der Präsident und folgerte: „Das Gedenken dient nicht der Vergangenheit, sondern der Gegenwart und der Zukunft.“

Ausdrücklich erinnerte Hollande an die Soldaten, die als Deserteure oder angebliche Defätisten erschossen wurden, weil sie sich für ein Ende des Wahnsinns einsetzten. Zur Feier angereist war auch Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die auf Französisch sprach und wie Hollande darauf hinwies, dass die Exzesse des Nationalismus die Bedeutung der europäischen Einigung deutlich machten.

Kommentare (4)

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Herr Helmut Metz

11.11.2014, 20:10 Uhr

Nicht nur in Frankreich hat das Erinnern einen hohen Stellenwert - auch beispielsweise im UK und den Commonwealth-Staaten:
So wurde der Tod des letzten britischen Veterans des 1. Weltkrieges immerhin medial gewürdigt:
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/australien-letzter-soldat-des-ersten-weltkriegs-gestorben-1635940.html
Der letzte deutsche Teilnehmer des 1. Weltkrieges wurde dagegen ohne irgendeine öffentliche Anteilnahme verscharrt. Selbst bei den Verbänden, die die "Erinnerung wachhalten" vorgeben, wie etwa VdK oder der Kriegsgräberfürsorge, habe ich darüber nichts gelesen.
So geht unser Land also jenseits aller politischen Sonntagsreden tatsächlich mit seinen ehemaligen Soldaten um.
Deshalb habe ich es auch schon immer mit Wolfgang Borchert gehalten:
"Du Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!"
In jungen Jahren in meinem Zivildienst hatte ich das große Glück, mit etlichen ehemaligen Kriegsteilnehmern reden zu können. KEIN EINZIGER von denen wollte jemals wieder Krieg.
Im Moment stirbt gerade die Generation der Teilnehmer des 2. Weltkrieges weg und damit die mahnenden und warnenden Menschen.
Das ist umso bedeutender, als wir gerade aktuell in zahlreichen Medien wieder eine widerliche Kriegshetze erleben...

Herr Wolf-Dieter Siebert

12.11.2014, 08:10 Uhr

Anerkennung für diesen ehrlichen und wahrhaften Artikel!

Herr wulff baer

12.11.2014, 09:43 Uhr

Wenn ich Franzose oder Engländer wäre, deren Länder von den deutschen Bestien 2mal innerhalb 100 Jahren verwüstet wurden und Millionen von Menschen abgeschlachtet wurden, würde ich jedem deutschen Touristen über 70 Jahren in den Allerwertesten treten.

Aber die Deutschen haben sich ein Nationen-Karma damit geschaffen, indem sie heute dank ihrer Polinieten Helmut und Erika Deutschland zum Zahlmeister Europas geworden sind.

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