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01.05.2013

11:04 Uhr

Frankreich in der Krise

Der ungeliebte Hollande

Ein Jahr nach Amtsantritt haben die Franzosen keine gute Meinung mehr von ihrem Präsidenten. Inzwischen halten sie François Hollande für unfähig, das Land aus der Krise zu führen. Doch Hollande gibt sich gelassen.

Frankreichs Präsident Francois Hollande. ap

Frankreichs Präsident Francois Hollande.

ParisZehntausende Menschen gehen in Frankreich aus Protest gegen die Politik der Regierung auf die Straßen. Die Arbeitslosigkeit nimmt weiter zu, und die schwierige wirtschaftliche Lage des Euro-Landes gilt manchen Beobachtern als potenzielle Zeitbombe im Herzen Europas. Doch Präsident François Hollande, der mittlerweile zu den unbeliebtesten französischen Staatschefs der jüngeren Geschichte zählt, bewahrt die Ruhe. Ihm eilt weder der Ruf pragmatischer Nüchternheit einer Bundeskanzlerin Angela Merkel voraus, noch besitzt er das Charisma, das US-Präsident Barack Obama zu Beginn seiner Amtszeit ausgezeichnet hatte. Hollande gelangte vielmehr durch seine verbindliche, vermittelnde Art an die Spitze der Sozialisten - jemand also, der Konfrontation um jeden Preis vermeiden will.

Doch die Freundlichkeit, die ihn vor einem Jahr ins Präsidentenamt katapultierte, gereicht Hollande nun zum Nachteil. In Umfragen äußern sich viele Menschen zutiefst enttäuscht über ihn. Sie halten ihn für unfähig, Frankreich entschlossen aus der Krise zu führen, von der er selbst sagt, dass sie künftige Generationen bedrohe. „Ich bleibe beständig und gelassen“, sagt Hollande vor Journalisten im Präsidentenpalast, während vor dem Gebäude eine Menschenmenge gegen die Legalisierung der Homo-Ehe demonstriert. Er räumt ein, dass das vergangene Jahr eine Herausforderung für ihn war. Doch sei es die Aufgabe des Präsidenten, langfristig zu denken. „Man nennt es Ausdauer.“

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Das Urteil über seine Politik will Hollande erst zum Ende seiner fünfjährigen Amtszeit gefällt sehen. Er wolle seinem Land die Zuversicht zurückgeben, und dies brauche Zeit. „Sie können meine Entscheidungen kritisieren, glauben, dass ich auf dem falschen Weg bin, sagen, dass ich scheitere. Aber wenn es etwas gibt, dessen ich sicher bin, dann, dass ich im vergangenen Jahr wichtige Entscheidungen getroffen habe.“ Hollande verweist dabei auf die Vereinbarung zwischen Gewerkschaften und Unternehmen vom Januar, einige strenge Arbeitsgesetze zu lockern, die der Wettbewerbsfähigkeit des Landes nach Ansicht des Präsidenten schadeten. Doch die Arbeitslosigkeit stieg seither weiter und erreichte Ende April 10,6 Prozent. Das ist der höchste Wert seit 1999.

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich

Wachstum

Frankreich: Die Wirtschaft wächst viel langsamer. Die EU-Kommission traut der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr lediglich ein Plus von 0,2 Prozent zu, das 2013 mit 0,4 Prozent nur einen Tick größer ausfallen soll. Grund dafür ist der maue Konsum: Er dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stagnieren.
Deutschland: Jeweils 0,8 Prozent Wachstum sagt die EU-Kommission für 2012 und 2013 voraus. Garant dafür ist der private Konsum. Er wird nach der Prognose in beiden Jahren um jeweils ein Prozent zulegen. Dafür sollen die Rekordbeschäftigung und spürbare Lohnzuwächse sorgen.

Schulden

Frankreich: Frühestens 2015 wird die EU-Grenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder eingehalten. Das erwartet zumindest die EU-Kommission. Demnach wird das Defizit in diesem Jahr bei 4,5 Prozent liegen, 2013 und 2014 bei jeweils 3,5 Prozent. Der Schuldenberg soll im kommenden Jahr auf 93,8 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen.
Deutschland: Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts rückt in greifbare Nähe. 2012 und 2013 soll das Defizit angesichts rekordhoher Steuereinnahmen jeweils 0,2 Prozent betragen, ehe 2014 ein Haushalt ohne neue Schulden stehen soll. Der Schuldenstand soll bis dahin auf 78,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, wie das World Economic Forum bei seinem weltweiten Standortvergleich befand. Die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der "Grande Nation". Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.
Deutschland: Trotz der Euro-Krise hat Deutschland im globalen Standortvergleich des World Economic Forum seinen sechsten Platz behauptet und damit erstmals die USA überholt. Als Pluspunkte gelten die ausgezeichnete Infrastruktur und innovative Unternehmen, die alle Stufen der Wertschöpfung leisten können - von der Produktion bis hin zu Marketing und Vertrieb. Minus-Punkte gab es dagegen für den Arbeitsmarkt, der als zu starr gilt. Kritisiert wird vor allem die mangelnde "Flexibilität der Lohnfindung": Hier landet Deutschland auf Platz 139 von 144.

Industrie

Frankreich: Zwar kann unser Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder der Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise im Euro-Raum durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung kletterte 2011 auf 26,2 Prozent, während er zwischen 2000 und 2010 im Schnitt nur 25,1 Prozent betrug.

Arbeitskosten

Frankreich: 34,20 Euro kostet eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft im Schnitt. In der EU ist Arbeit nur in Belgien, Schweden und Dänemark noch teurer. In der Industrie sind es sogar 35,91 Euro.

Deutschland: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro - das ist der siebthöchste Wert der 27 EU-Mitglieder. Der Euro-Zonen-Schnitt liegt bei 27,70 Euro. In der im internationalen Wettbewerb stehenden Industrie liegen die Arbeitskosten bei 35,66 Euro pro Stunde.

Hollande spricht viel über die französische Militärintervention in Mali, der bislang populärste Schritt seiner Amtszeit. Doch so sehr sich der Präsident bemühte: Andere europäische Staaten entsandten für den Kampf gegen islamistische Rebellen keine Soldaten in die frühere französische Kolonie in Westafrika. „Ich wurde zu einer außergewöhnlichen Zeit Präsident“, sagt Hollande. Dies betreffe sowohl die schwere Wirtschaftskrise als auch das Engagement in Mali. Darüber hinaus setze sich in Frankreich und in ganz Europa der Populismus durch.

Kommentare (13)

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Account gelöscht!

01.05.2013, 11:29 Uhr

Wenn der Einsatz in Mali bei den meisten Franzosen gut ankam, dann kann Hollande nur hoffen, dass weitere Kriege
folgen. Mit einer späteren ROT/GRÜNEN Regierung in Deutschland kann er sogar auf militärische Hilfe aus Deutschland hoffen, denn diese Regierung interessiert es nicht, ob die Mehrheit der Deutschen gegen Krieg ist.

Aber was viel schlimmer ist, ist die Tatsache das langsam
der alte Konflikt wieder aufbricht, der soviel Unglück über beide Völker gebracht hat. Was macht die SPD und die Grünen, sie schüren noch das Feuer nur um Punkte zu sammeln und sind sich nicht bewußt, dass sie bei einer
gewonnenen Wahl selber am Pranger stehen und wenn sie noch soviel Schulden machen und zulassen. Hollande ist
selber nur ein begrenzter Präsident, denn ohne Schulden machen ist er nichts Wert und damit keine lahme Ente sondern eine tote Ente.

Account gelöscht!

01.05.2013, 11:35 Uhr

Sie halten ihn für unfähig, Frankreich entschlossen aus der Krise zu führen,
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Man mag geteilter Meinung sein ob es Dieser Herr oder irgend jemand anderer ist der die Verantwortung dafür hat , das Frankreich dort steht wo es heute ist .
Ich denke JEDER andere der sich "Sozialist" nennt und sein Land nach dieser Ideologie Regiert , kann es nur in Grund und Boden wirtschaften .
Frankreich ist nur das jüngste und Populärste Beispiel dafür .Sozialismus schadet nicht nur den Franzosen !

Kartenhaus

01.05.2013, 11:51 Uhr

Es gibt nur ein Problem. Die Rechnung für diese gesteigerte Unfähigkeit geht auch nach Deutschland und an die anderen zahlungsfähigen Mitglieder der Eurozone. Dafür sorgt diese katastrophale Gemeinschaftswährung.Die nächsten großen Bürgschaften werden sich nicht vermeiden lassen. Deutschland geht den Weg in den Abgrund mit.

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