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13.01.2015

10:42 Uhr

Frankreich nach dem Attentat

„Ich wusste, ich würde den Abend nicht überleben“

VonThomas Hanke

Eingezwängt in einem winzigen Schrank versteckte sich ein Mitarbeiter des Druckereibetriebs vor den „Charlie Hebdo“-Attentätern. Acht Stunden lang. Dass er überlebte, verdankt er der Courage seines Chefs.

Michel Catalano sagte zu seinem Mitarbeiter: Hau ab, versteck Dich, ich rede mit ihnen.“

Michel Catalano sagte zu seinem Mitarbeiter: Hau ab, versteck Dich, ich rede mit ihnen.“

ParisAcht Stunden saß der Mitarbeiter des Druckereibetriebes in Dammartin-en-Geöle, in dem sich die „Charlie Hebdo“-Attentäter am vergangenen Freitag verschanzt hatten, in einem winzigen Schrank eingequetscht. Aus Angst, die Terroristen könnten ihn hören, wagte er keine Bewegung. Erst nach Stunden konnte er über sein Handy mehrere SMS absetzen. Sein Leben verdankt er dem Inhaber der Druckerei: Der trat den schwerbewaffneten Brüdern entgegen und redete mit ihnen, verschaffte seinem Mitarbeiter damit kostbare Zeit, sich im Betrieb zu verstecken. Zwei Helden ohne Waffen und Schutzwesten, die jetzt im Fernsehen über Stunden zwischen Leben und Tod berichteten.

Während die Regierung, Parlament und Parteien nach Wegen suchen, das Land vor neuen Anschlägen zu schützen, bleibt Frankreich ein Land in emotionaler Hochspannung. Vieles überlagert sich nun. Da ist die Angst vieler Juden, die sich nicht vorstellen möchten, über Monate oder vielleicht Jahre mit dem Gefühl der Gefährdung leben zu müssen. Manche von ihnen denken über Auswanderung nach Israel nach – und vergessen, dass sie dort nicht sicherer leben würden.

Islamistischer Terror in Europa

Seit dem 11. September 2001

Seit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 gab es auch in Europa eine Reihe islamistischer Attentate. Manche Pläne konnten gerade noch vereitelt werden. Beispiele:

März 2004

Bei Sprengstoffanschlägen auf Pendlerzüge in Madrid sterben 191 Menschen, etwa 1500 werden verletzt.

2. November 2004

Der Filmregisseur, Publizist und Satiriker Theo van Gogh wird in Amsterdam auf offener Straße ermordet.

Juli 2005

Vier Muslime mit britischem Pass zünden in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze. 56 Menschen sterben, etwa 700 werden verletzt.

Juli 2006

Im Kölner Hauptbahnhof werden in zwei Zügen Bomben gefunden, die wegen eines technischen Fehlers nicht explodierten. Der „Kofferbomber von Köln“ wird zu lebenslanger Haft erurteilt.

Januar 2010

Gut vier Jahre nach der Veröffentlichung seiner Mohammed-Karikaturen in der Zeitung „Jyllands-Posten“ entkommt der dänische Zeichner Kurt Westergaard nur knapp einem Attentat.

9. März 2010

Selbstmordanschläge auf die Moskauer Metro mit 40 Toten und 84 Verletzten. Der tschetschenische Terrorist Doku Umarow bekennt sich.

Dezember 2010

Bei einem Sprengstoffanschlag in der Stockholmer Fußgängerzone stirbt der Attentäter. Hintergrund war vermutlich der Einsatz schwedischer Soldaten in Afghanistan.

März 2011

Ein Kosovo-Albaner erschießt am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer.

Januar 2011

Bei einem Selbstmordanschlag auf dem internationalen Moskauer Flughafen Domodedowo sterben mindestens 37 Menschen. Die Ermittler machen Islamisten aus dem Nordkaukasus verantwortlich.

Dezember 2013

Bei Selbstmordanschlägen in der russischen Stadt Wolgograd sterben 34 Menschen im Bahnhof und in einem Bus. Islamisten aus dem Nordkaukasus bekennen sich zu den Attentaten.

Mai 2014

Im Jüdischen Museum in Brüssel erschießt ein französischer Islamist vier Menschen. Kurz darauf wird der Mann festgenommen.

7. Januar 2015

Mordanschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Zwölf Menschen fallen dem Anschlag zum Opfer.

13. November 2015

Bei mehreren Sprengstoffexplosionen im Pariser Stadtgebiet sterben 130 Menschen. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat bekennt sich zu dem Anschlag.


Auf der anderen Seite hört man von Schulen, in denen in der vergangenen Woche die Trauerminute nicht stattfinden konnte, weil viele Jugendliche sich weigerten: Die Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ seien zu Recht gestorben, weil sie den Propheten verhöhnt hätten. An 60 Schulen im ganzen Land soll es zu solchen Reaktionen gekommen sein. Die Bildungsministerin berät mit Lehrerverbänden und Gewerkschaften über Schritte gegen diese unfassbaren Reaktionen. Gleichzeitig kommen immer mehr Details über die Anschläge und das Schicksal der Geiseln hoch. Sie zeigen das Bild von Attentätern, die zwischen extremer Brutalität und kühler Zurückhaltung schwankten. „Nehmt euch ruhig was zu essen“, sagte Geiselnehmer Amedy Coulibaly zu den Leuten im Pariser Supermarkt „Hyper Casher“, nachdem er dort vier Menschen erschossen hatte.

Zu welchen selbstlosen Reaktionen manche Mitbürger in Extremsituationen fähig sind, zeigt der Fall des Druckereibesitzers Michel Catalano. Als er am vergangenen Freitag zwei mit automatischen Waffen und Panzerfaust ausgerüstete Männer, die seit zwei Tagen auf der Flucht waren, auf seinen Betrieb in Nordfrankreich zukommen sah, war ihm blitzschnell klar, dass das die Attentäter von „Charlie Hebdo“ sein mussten. Statt zu fliehen, drehte er sich zu seinem Mitarbeiter Lilian Lepère um: „Hau ab, versteck Dich, ich rede mit ihnen.“ Im Fernsehen berichtete Lepère jetzt, was er in den achteinhalb Stunden erlebte, die er in Embryohaltung in einem Schrank unter einem Waschbecken verbrachte.

Kommentare (14)

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Herr Markus Bullowski

13.01.2015, 11:15 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Christian Kerscher

13.01.2015, 11:35 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Martin Wienand

13.01.2015, 12:50 Uhr

In 60 Schulen Verweigerung der Trauerminute?

Da hat Frankreich ein Problem.

Das ist schockierender als das Attentat selber.


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