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25.03.2016

08:15 Uhr

Frankreich nach dem Brüssel-Terror

Déja-vu für Paris

VonThomas Hanke

Nach den Anschlägen in Brüssel zeigen sich viele Bürger von Paris solidarisch. Doch zur Schweigeminute vor das Rathaus kommen nur wenige hundert. Abgestumpft sind die Pariser nicht. Die Zurückhaltung hat andere Ursachen.

In Paris legten viele Bürger Flaggen, Blumen und Kerzen am Platz der Republik nieder. dpa

Paris gedenkt den Opfern von Brüssel

In Paris legten viele Bürger Flaggen, Blumen und Kerzen am Platz der Republik nieder.

ParisMit einer Schweigeminute und stillem Protest vor dem Rathaus nehmen viele Pariser Anteil an der Trauer um die Opfer der Terroranschläge in Brüssel. Einige halten selbstgemachte Schilder hoch mit der Aufschrift „Je suis Bruxelles“. Doch insgesamt kommen nur wenige Hundert zusammen, eine völlig andere Größenordnung als nach dem Mordanschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo vor mehr als einem Jahr oder den Anschlägen vom November 2015.

Sind die Pariser abgestumpft? Nein, bestimmt nicht. Die Emotionen sind noch stark und frisch. Ein Beispiel: Innerhalb weniger Minuten war das Konzert ausverkauft, dass die Eagles of Death Metal Mitte Februar im Pariser Olympia gegeben haben. Sie standen auf der Bühne, als drei Terroristen am 13. November vergangenen Jahres mit automatischen Waffen den Bataclan-Klub stürmten und dort 90 Menschen erschossen.

Wichtige Fragen zu Anschlägen in Brüssel

Wie liefen die Anschläge im Flughafen ab?

Die Terrorserie beginnt um 07.58 Uhr mit zwei Explosionen auf dem Flughafen, kurz hintereinander. Zwei Männer sprengen sich in die Luft. Einer von ihnen wird anhand der Aufnahmen einer Überwachungs-Kamera als Ibrahim El Bakraoui (29) identifiziert, ein Belgier. Der Polizei ist er durch verschiedene Straftaten bekannt, aber nicht als Islamist. Vom zweiten Selbstmord-Attentäter in der Abflughalle kennt man die Identität noch nicht. Ein dritter Mann - auf dem Foto der Überwachungskamera ganz links, mit dem größten Sprengsatz auf seinem Gepäckwagen - sprengt sich nicht in die Luft. Warum, weiß man nicht. Er überlebt, kann fliehen. Neu auch: Das Trio kam mit dem Taxi zum Flughafen. Beim Gepäck wollten sich die drei keinesfalls helfen lassen.

Was ist über den Anschlag in der U-Bahn bekannt?

Der Selbstmord-Anschlag in der Metro-Station Maelbeek geht auf das Konto von Khalid El Bakraoui, dem jüngeren Bruder des identifizierten Flughafen-Attentäters. Wegen verschiedener Vorstrafen waren seine Fingerabdrücke bei der Polizei gespeichert. Der 27-Jährige - ebenfalls Belgier - zündet die Bombe Punkt 09.11 Uhr im mittleren von drei Wagen. Wie der jüngere El Bakraoui dorthin kam und ob er dort Mittäter hatte, weiß man nicht. Am Flughafen kann er eigentlich nicht gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft gibt aus ermittlungstaktischen Gründen keine weitere Auskunft.

Wie viele Todesopfer gibt es?

Noch sind nicht alle Opfer identifiziert. Die belgischen Behörden stellten über Ostern klar, dass die bislang genannte Zahl von 31 Toten die drei Selbstmordattentäter einschließt, die sich selbst in die Luft sprengten. Damit fielen 28 Menschen dem Terror der Attentäter zum Opfer. Zudem gab es circa 260 Verletzte. Unter den Verletzten sind auch mehrere Deutsche, darunter ein schwer verletzter Mann.

Gibt es einen Zusammenhang zum Terror in Paris?

Vieles deutet darauf hin: der Ablauf, der Sprengstoff, die Tatorte. Und auch einiges davon, was man über die Täter weiß. Einer der beiden Brüder - Khalid - soll unter falschem Namen eine Wohnung angemietet haben, die zur Vorbereitung der Anschläge mit 130 Toten im November in Paris genutzt wurde. An der Adresse im Stadtteil Schaerbeek, wo der Taxifahrer das Flughafen-Trio abgeholt hatte, wurden 15 Kilogramm hochexplosives Azetonperoxid (TATP), ein Koffer mit Nägeln und Schrauben, sowie weiteres Material für den Bombenbau gefunden. Von Ibrahim El Bakraoui wurde auch ein Testament entdeckt. Darin soll es heißen: „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.“

Wer wird noch gesucht?

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft fandet man noch nach einer ganzen „Reihe von Personen“. Zahlen und Namen nannte Staatsanwaltschaft Frédéric Van Leeuw keine. Der Verdacht richtet sich aber insbesondere gegen ein Mann namens Najim Laachraoui (24), der bereits seit dem Wochenende offiziell gesucht wird. Er soll - zusammen mit Salah Abdeslam, der am Freitag in Brüssel festgenommen wurde - einer der Drahtzieher der Paris-Anschläge gewesen sein. Am Vormittag meldeten belgische Medien bereits seine Festnahme. Das stimmte aber nicht.

Hat sich die Lage in Belgien beruhigt?

Weiterhin gilt Terrorstufe 4 - die höchstmögliche. Das öffentliche Leben funktioniert mittlerweile halbwegs wieder. Aber das ganze Land trauert. Um 12.00 Uhr gab es eine Schweigeminute. Bis Karfreitag ist noch offiziell Staatstrauer. Die Flaggen wehen auf halbmast. Die Metro-Station Maelbeek wird vermutlich noch mehrere Wochen geschlossen bleiben. Der Flughafen Brüssel bleibt auf jeden Fall auch am Donnerstag noch geschlossen.

Aber zugleich setzt eine Reaktion ein, ohne die man vielleicht nicht weiterleben kann: Das Gefühl macht sich breit, dass weitere Anschläge nicht zu verhindern sein werden, dass in einigen Monaten oder Wochen vielleicht wieder für französische Opfer Kerzen angezündet, Blumen niedergelegt und Erinnerungsfotos mit einem letzten Gruß beschriftet werden. Das Leben muss trotzdem weitergehen. In einer Mischung aus Realismus und Schicksalsergebenheit nehmen die Franzosen an, dass es noch lange dauern wird, bis diese Welle von Anschlägen endet. Es ist nicht die erste, die sie durchstehen müssen. Bereits 1995 gab es eine Reihe von Attentaten, damals wurden Bomben in Nahverkehrszügen gezündet und verursachten zahlreiche Tote.

Die politische Reaktion auf die Anschläge in Brüssel hat nicht lange auf sich warten lassen, und leider ist sie einmal mehr eher emotional als rational: Abgeordnete der Rechten verlangen eine Gesetzesänderung, die einen tatsächliche lebenslange Freiheitsstrafe ermöglichen soll. Heute können zu „lebenslänglich“ verurteilte Straftäter spätestens nach 30 Jahren ihre Freilassung beantragen.

Premier Manuel Valls hat sich dazu bereit erklärt, die Inhaftierung bis zum Tod im Parlament zu behandeln. Zu Recht weist der Vorsitzende der sozialistischen Fraktion Bruno Leroux auf die Gegenargumente hin: „Aufgepasst, diese langsame Todesstrafe würde Frankreich in Konflikt zur europäischen Gesetzgebung bringen.“ Abgesehen davon muss man sich fragen, welche Abschreckungswirkung eine solche Strafe auf Täter haben soll, die sogar dazu bereit sind, sich mit einer Nagelbombe um den Bauch in die Luft zu sprengen.

Kritik an der belgischen Regierung, wie sie Finanzminister Michel Sapin noch am Abend der Attentate vom 22. März geübt hat, kommt nicht gut an. Sapins Äußerungen gelten als taktlos und deplatziert. Allerdings erwecken die französischen Medien den Eindruck, Brüssel sei die Hauptstadt des europäischen Terrorismus. Die eigenen Zentren des Dschihadismus in der Banlieue von Paris oder Toulouse oder in manchen Gefängnissen werden in dem Falle ausgeblendet.

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Die Länder in Europa haben sich in der Vergangenheit gegenseitig zerfleischt. Nach den Anschlägen von Brüssel stellt sich die Frage: Will der Kontinent überleben oder nicht? Gegen den Terror geht es nur zusammen. Eine Analyse.

Frankreichs Präsident und der Premier, François Hollande und Manuel Valls, warten mit widersprüchlichen Botschaften auf. Einerseits warnen sie vor der Möglichkeit neuer Anschläge, weil Frankreich „im Krieg gegen den Terror“ stehe und dieser Orlog lange dauern werde. Beide, vor allem Valls, überdrehen tendenziell mit ihren Warnungen: Der Premier hat sogar schon die Möglichkeit von Anschlägen mit chemischen und biologischen Waffen angeführt, Experten halten das für ausgeschlossen, weil für Leute ohne lange militärische Ausbildung diese Art von Waffen viel zu schwierig zu handhaben sei.

Notwendig sind diese Warnungen außerdem nicht: Die Franzosen haben längst ein realistisches Bild der Lage. Deshalb sind sie auch nicht besonders beeindruckt, wenn der Innenminister Bernard Cazeneuve wie am Dienstag verspricht, sofort weitere 600 Polizisten und Militärs zu mobilisieren, um die Bürger zu schützen.

Jeder Einwohner von Paris, Marseille oder Lyon weiß, dass dieses Versprechen nicht eingelöst werden kann: Nur in einem winzigen Bruchteil der Metro-Züge können die jungen Fallschirmjäger mit ihren Splitterwesten Streife gehen. Und in keinem der Hochgeschwindigkeitszüge TGV wird das Gepäck kontrolliert, bevor er den Bahnhof verlässt.

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