Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.08.2016

19:15 Uhr

Frankreich nach den Terroranschlägen

Pakt mit dem Islam

Nach dem islamistischen Anschlag in einer französischen Kirche gingen Muslime in katholische Sonntagsmessen. Doch die Regierung verlangt ein stärkeres Engagement der Islam-Institutionen. Es geht um Imame und Gelder.

In der Kirche ist im Juli ein Priester umgebracht worden. Vier Tage nach dem Terroranschlag nahmen Muslime an einem Gottesdienst in der katholischen Kirche teil. AP

Muslime in Frankreich

In der Kirche ist im Juli ein Priester umgebracht worden. Vier Tage nach dem Terroranschlag nahmen Muslime an einem Gottesdienst in der katholischen Kirche teil.

ParisDer Aufruf von Frankreichs Premierminister Manuel Valls ließe sich auch als Drohung verstehen. „Falls der Islam der Republik nicht hilft, diejenigen zu bekämpfen, die die Grundrechte infrage stellen, wird es für die Republik immer schwerer sein, die freie Ausübung der Religion zu garantieren.“ Nach den neuen islamistischen Anschlägen wird der Ruf nach mehr Engagement der französischen Muslime lauter, um extremistischen Auslegungen ihrer Religion Paroli zu bieten.

Valls will einen „echten Pakt“ mit der zweitgrößten Glaubensgemeinschaft des Landes. Es geht um die Frage: Wie kann sichergestellt werden, dass in Frankreichs Moscheen ein Islam gepredigt wird, der mit den viel beschworenen „Werten der Republik“ vereinbar ist? Etwa 20 Moscheen wurden seit Ende 2015 geschlossen, 80 Hassprediger ausgewiesen. „Unser Land muss der ganzen Welt den durchschlagenden Beweis liefern, dass der Islam mit der Demokratie vereinbar ist“, fordert Valls.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Die Regierung will vor allem zwei Probleme angehen: Die Ausbildung der Imame und die Frage der Finanzierung. Nach offiziellen Schätzungen haben nur 20 bis 30 Prozent der etwa 1800 Imame die französische Staatsbürgerschaft. 300 Imame sind von der Türkei, Algerien und Marokko geschickt. Zum Teil fließt von dort auch Geld an französische Moscheen, auch aus Saudi-Arabien.

Doch die Vertretung der vier bis fünf Millionen Muslime in Frankreich ist eine Dauerbaustelle – ein Problem, das aus Deutschland bekannt vorkommt. Dem Islam ist eine hierarchische Organisation fremd. Der 2003 gegründete Dachverband CFCM leidet unter Spannungen zwischen den Verbänden, oft unter dem Einfluss verschiedener Herkunftsländer von Einwanderern. Zudem sehen Kritiker ein Generationenproblem, der CFCM sei weit weg von der Lebensrealität junger französischer Muslime.

„Die Mehrheit der (aus dem Ausland) entsandten Imame ist niemals über die Shoah, die Homophobie, die Todesstrafe unterrichtet worden“, kritisierte die Senatorin Nathalie Goulet, Autorin eines Berichts zum Thema, in der Zeitung „Le Monde“. Der CFCM arbeitet nun an einer Charta für Imame, um diese auf einen toleranten und moderaten Islam zu verpflichten. Es gibt bereits Universitätskurse für staatsbürgerliche Kenntnisse.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×