Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.04.2015

21:01 Uhr

Frankreich

Streit über die „Verstaatlichung der Leichen“

VonThomas Hanke

In Frankreich könnte bald jeder Verstorbene automatisch zum Organspender werden, wenn er sich nicht rechtzeitig dagegen wehrt. Doch der Vorstoß von Gesundheitsministerin Touraine sorgt für heftigen Widerstand.

In Frankreich wird heftig über einen Vorschlag der Gesundheitsministerin Touraine debattiert. dpa

Organspende

In Frankreich wird heftig über einen Vorschlag der Gesundheitsministerin Touraine debattiert.

Paris20.000 Menschen warten in Frankreich auf eine Organtransplantation. Die Zahl der Spender reicht nicht aus, um ihnen allen gerecht zu werden. Die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine wartet deshalb mit einer radikalen Lösung auf: Künftig soll die Zustimmung zur Spende im Todesfall als Regel angenommen werden. Jeder Franzose würde, sobald sein Hirntod festgestellt wird, zum Spender. Von einem Eingriff ausgenommen sind in Zukunft nur noch diejenigen, die sich rechtzeitig mit einem Eintrag in einer speziellen Datenbank des Staates dagegen wehren.

Gegen diese Veränderung, die vor wenigen Tagen ins Parlament eingebracht wurde, gibt es teils heftigen Widerstand. „Das ist die Verstaatlichung der Leichen“, erregt sich Bernard Debré, Arzt, konservativer Abgeordneter und unter dem früheren sozialistischen Staatspräsidenten Franҫois Mitterrand sogar Minister.

Ein solcher Eingriff ohne vorherige Zustimmung der Familien sei „unglaublich brutal und inakzeptabel“, schrieb Debré in einem Kommentar. Er zieht es vor, die Bereitschaft zur Organspende zu vergrößern, indem der Staat die Franzosen durch eine systematische Informationskampagne auf den Bedarf hinweist. Das Verzeichnis, in dem sich Bürger als mögliche Organspender registrieren lassen können, sei weitgehend unbekannt, argumentiert Debré.

Als Notlösung gibt es bislang noch die Möglichkeit, dass der behandelnde Arzt nach dem Tod des Patienten die Zustimmung der Hinterbliebenen einzuholen versuchte. „In den allermeisten Fällen geben sie auch diese Erlaubnis“, stellt Debré fest. Er wolle sich nicht vorstellen, wie es in Zukunft wäre, wenn ohne oder gar gegen die Äußerung der Familienangehörigen einem soeben Verstorbenen Organe entnommen würden.

Auch bei den Sozialisten wird teilweise Widerstand laut. Man verweist darauf, dass man mit dem bisherigen Verfahren keine so schlechten Erfahrungen gemacht habe: In manchen Regionen Frankreichs lehnten nur 20 Prozent der Hinterbliebenen die Entnahme von Organen eines Verstorbenen ab.

Kritisiert wird auch die umständliche Registrierung der Nicht-Spender in einer besonderen Datenbank. Es wird der leise Verdacht laut, dass im Notfall, wenn Eile geboten ist, dieses Register vielleicht nicht so genau konsultiert werde. Als Alternative schlagen die Kritiker vor, man solle Zustimmung oder Ablehnung einfach auf der Versichertenkarte eintragen, die jeder Franzose hat.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×