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10.01.2015

09:25 Uhr

Frankreich-Terror

Jüdischer Verband warnt vor Ausgrenzung friedlicher Muslime

VonDietmar Neuerer

ExklusivDas American Jewish Committee warnt davor, Muslime nach den Anschlägen von Paris zu stigmatisieren. Das Komitee stuft die derzeitige Terrorgefahr als „extrem hoch“ ein. Besonders jüdische Einrichtungen seien bedroht.

Die Geiselnehmer von Paris hatten sich in einem jüdischen Supermarkt verschanzt. Das American Jewish Committee fürchtet weitere Anschläge. dpa

Die Geiselnehmer von Paris hatten sich in einem jüdischen Supermarkt verschanzt. Das American Jewish Committee fürchtet weitere Anschläge.

BerlinDas American Jewish Committee (AJC) hat davor gewarnt, die Terrorakte in Frankreich für eine weitere Ausgrenzung von Muslimen zu instrumentalisieren.

„Wir müssen einer weiteren Stigmatisierung der friedlichen Muslime stärker entgegenwirken. Die Stigmatisierung der Muslime führt zu weiterem Vertrauensverlust in Staat und Gesellschaft. Damit treiben wir mehr friedliche Muslime in die Arme der radikalen Islamisten“, sagte der Direktor des AJC-Europabüros in Brüssel, Stephan Kramer, dem Handelsblatt (Online-Ausgabe).

Außerdem werde die Zusammenarbeit der friedlichen Muslime mit Polizei und Sicherheitsbehörden noch schwieriger. „Damit berauben wir uns wichtiger Informationsquellen für Präventionsarbeit und Terrorbekämpfung und spalten die Gesellschaft, was eines der Ziele des Terrors ist“, warnte Kramer.

Anschläge von Islamisten in Frankreich

Dezember 2014

Polizisten erschießen im zentralfranzösischen Joué-lès-Tours einen Mann, der mit „Allahu Akbar“-Rufen („Gott ist groß“) in ein Kommissariat stürmt und mit einem Messer drei Polizisten verletzt. Die Ermittler gehen von einer radikalislamisch motivierten Tat aus. Der Überfall erinnere an Taten, zu denen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aufrufe.

Oktober 2012

Bei einem Anti-Terroreinsatz in mehreren französischen Städten erschießt die Polizei den 33-jährigen Dschihadisten Jeremy Sidney in Straßburg und nimmt elf weitere mutmaßliche Islamisten fest. Sidney und seine Kumpane werden für einen Anschlag auf ein jüdisches Geschäft verantwortlich gemacht.

März 2012

Der Attentäter Mohamed Merah erschießt in einer Mordserie insgesamt sieben Menschen. Unter ihnen waren drei Kinder und ein Lehrer einer jüdischen Schule. Augenzeugen berichten, der Täter habe mit einer Minikamera gefilmt und sei geflohen. Bevor der Mann nach rund 32-stündiger Polizeibelagerung seiner Wohnung bei einer Schießerei getötet wurde, hatte er sich als Al-Kaida-Anhänger und Mudschaheddin (Gotteskrieger) bezeichnet.

November 2011

Unbekannte verüben einen Brandanschlag auf die Redaktion des französischen Satireblattes „Charlie Hebdo“. Es brachte am gleichen Tag ein Sonderheft zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien heraus und hatte sich dazu in „Scharia Hebdo“ umbenannt. Als Chefredakteur war „Mohammed“ benannt worden. Das Magazin hatte 2006 die umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus Dänemark nachgedruckt und bereits in dem Zusammenhang Drohungen und eine Klage erhalten.

Kritisch sieht der AJC-Direktor dass der Schutz jüdischer Einrichtungen in einigen EU-Staaten trotz einer erhöhten Bedrohungslage erhebliche Defizite aufweise. Absolute Sicherheit gebe es zwar nicht. „In Europa gibt es aber auch eine Reihe von Ländern, die noch teilweise erheblichen Nachholbedarf haben. In Deutschland seien dagegen die Schutzmaßnahmen auch für jüdische Einrichtungen „hoch und professionell“.

Aus Kramers Sicht hat der Anschlag in Paris noch einmal deutlich gemacht, „dass es kein klassisches Bedrohungsszenario gibt, sondern wir uns auf Weiterentwicklungen und Veränderungen in der Terrorszene einstellen müssen.“ In Paris habe es sich nicht um den klassischen Selbstmordanschlag gehandelt. „Das ist eine neue Qualität und zeigt eine neue Strategie.“

Die Brutalität, Kaltblütigkeit und Professionalität, mit der die Täter in Frankreich vorgegangen seien, zeige zudem, dass die Terrorgefahr „extrem hoch“ sei. Das gelte besonders für jüdische Einrichtungen und Personen. „Europa ist keine Insel der Glückseeligen, der islamistische Terror ist längst bei uns angekommen“, sagte Kramer. „Das haben bisher nicht alle realisiert oder realisieren wollen, auch bei den politisch Verantwortlichen.“

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