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23.08.2016

18:28 Uhr

Frankreich

Tourismus in Not

Leben wie Gott in Frankreich: Beim Tourismus-Weltmeister ging es stets bergauf. Doch nun macht die Terrorserie dem Land einen Strich durch die Rechnung. Wer zahlt die Zeche?

Erholung sieht anders aus: In Cannes patrouilliert die Polizei am Strand. dpa

Polizei am Strand

Erholung sieht anders aus: In Cannes patrouilliert die Polizei am Strand.

ParisVor den Pariser Hotelpalästen drängeln sich immer noch die Luxuslimousinen. Doch Tourismus-Verantwortlichen der stolzen und vielbesungenen Hauptstadt ist überhaupt nicht zum Jubeln zumute, sie sprechen von einer Krise, einer Katastrophe. Nach einer beispiellosen Terrorserie im Land mit vielen Toten machen insbesondere US-Amerikaner, Briten, Italiener, Deutsche oder Chinesen einen Bogen um die französische Kapitale.

Im ersten Halbjahr gab es bei den Ausländern im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von 9,9 Prozent. Besserung ist nicht in Sicht. Die Region will nun international in die Offensive gehen.

„Sicherheit ist Thema Nummer Eins“, resümiert der Präsident des regionalen Tourismus-Ausschusses, Frédéric Valletoux. „Wir wollen zeigen, dass Paris eine sichere Stadt ist. Ausnahmezustand bedeutet nicht Kriegszustand.“ Schnäppchen können vielleicht helfen: Hoteliers senken Zimmerpreise, bei Fünf-Sterne-Häusern - der obersten Kategorie – winken Rabatte von 25 bis 45 Prozent. Verantwortliche sorgen sich vor allem um die zahlungskräftige Kundschaft aus Übersee. Denn Franzosen und Europäer halten oft an ihren Reisen fest.

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Anschläge wie der in Nizza lassen einen ratlos zurück. Wie sollen wir uns dagegen wappnen? Die nächste Attacke ist nur eine Frage der Zeit, auch Deutschland könnte es treffen. Es braucht einen Masterplan. Eine Analyse.

Nadine Kahnt und Clemens Hötzer aus der Schweiz haben im Innenhof des Louvre-Museums bei über 30 Grad Hitze eine Pause eingelegt. Kahnt war zuletzt vor zwei Jahren in Paris. „Es ist schon anders“, meint sie. Hötzer weist auf häufige Taschenkontrollen an öffentlichen Orten hin. Eine Absage der Reise kam aber für sie nicht in Frage, auch nicht für eine Studentengruppe aus der Schweiz, die Kahnt betreut.

Den Großraum Paris trifft es bei der Tourismus-Bilanz besonders hart. Die Provinz mit langer Mittelmeer- und Atlantikküste hat die Anschläge in Paris vom November 2015 mit 130 Toten und das Nizza-Attentat vom Juli mit 86 Opfern offensichtlich besser überwunden.

Seit Jahresanfang verringerte sich die Zahl der ausländischen Gäste im ganzen Land um sieben Prozent, rechnet Außenminister Jean-Marc Ayrault laut Nachrichtenagentur AFP vor. Der Ex-Premier führt nicht nur die Terrorfolgen an, sondern auch Streiks und das schlechte Wetter in der ersten Jahreshälfte.

Ayrault will Anfang September erneut den neu geschaffenen Tourismus-Notausschuss zusammenrufen, um über die Lage zu beraten. Fremdenverkehr ist Chefsache, denn es geht um Einfluss und viel Geld.

Die Branche bietet zwei Millionen Arbeitsplätze und trägt rund acht Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Noch im vergangenen Jahr schnitt Frankreich bestens ab - und verteidigte seinen weltweiten Platz Eins mit 84,5 Millionen ausländischen Besuchern.

Frankreich

Bruttoinlandsprodukt

Nach Daten des IMF betrug das französische BIP im vergangenen Jahr rund 2,42 Billionen US-Dollar. Im europäischen Vergleich steht das Land damit an dritter Stelle hinter Spitzenreiter Deutschland und Großbritannien. Was zunächst positiv klingt, erscheint mit Blick in die frühe Vergangenheit gar nicht mehr allzu rosig. Nur ein Jahr zuvor hatte das Bruttoinlandsprodukt noch fast 400 Milliarden US-Dollar mehr auf dem Konto – und stand damit auch vor dem Vereinigten Königreich. Vom Allzeithoch aus dem Jahr 2008 (2,94 Billionen US-Dollar) ist Frankreich ein gutes Stück entfernt.

Einwohnerzahl

Im „französischen Mutterland“ lebten zu Beginn des zurückliegenden Jahres 64.204.247 Menschen. Nimmt man die Überseedépartements Guadeloupe, Martinique, Französisch-Guayana, Réunion und Mayotte hinzu, kommt die französische Republik auf über 66,3 Millionen Einwohner. Einer Prognose von Eurostat zufolge wird das zweitbevölkerungsreichste Land Europas bis 2050 sehr nah an die künftigen Zahlen aus Deutschland herankommen – knapp über 74 Millionen Menschen sollen beide Staaten dann jeweils beherbergen.

Bevölkerungsdichte

Mit rund 550 km² ist Frankreich auch ohne die dazugehörigen Überseeinseln und -gebiete bereits das flächenmäßig größte Land in Europa. Dementsprechend viel Platz steht den zahlreichen Franzosen zur Verfügung, was sich auf die Bevölkerungsdichte auswirkt. Mit 117 Einwohnern pro Quadratkilometer befindet sich die Republik so nah am EU-weiten Durchschnitt (116,3) wie kein anderes europäisches Land.

Staatsoberhaupt

Mit der Annahme einer neuen Verfassung im Oktober 1958 wurde in Frankreich die sogenannte „Fünfte Republik“ eingeführt. Beginnend mit Charles de Gaulle standen seither sieben Präsidenten an der Spitze des Staates. Seit Mitte 2012 hat François Hollande das höchste Amt inne, der nach der erfolgreichen Wahl den bis dahin amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy vorzeitig ablöste.

Nationalhymne

Die „Marseillaise“ ist seit 1795 die offizielle französische Nationalhymne. Drei Jahre zuvor wurde sie von Claude Joseph Rouget de Lisle verfasst – allerdings als Kriegserklärung an Österreich. Unter dem Titel „Chant de guerre pour l’armée du Rhin“ („Kriegslied für die Rheinarmee“) war sie dem Oberbefehlshaber und Gouverneur von Straßburg, Nikolaus von Luckner, gewidmet und ertönt bis heute in dessen Geburtsort, Cham in der Oberpflaz, täglich als Glockenspiel auf dem Marktplatz. Das Lied wurde beim Einzug in Paris von Soldaten aus Marseille gesungen, wodurch der bekannte Titel zustande kam.

Das Problem mit den Rechten

Der Name der rechtsradikalen Partei Front National tauchte in der jüngsten Vergangenheit häufig in den Medien auf. Dabei konnte die Partei rund um deren Vorsitzende Marine Le Pen bereits in den 1980er Jahren erste Erfolge verbuchen – und das aus denselben Gründen wie heute. Der wirtschaftliche Pessimismus innerhalb des Landes brachte dem FN zweimal in Folge mindestens einen Sitz in der Nationalversammlung. Aus der Europawahl 2014 ging der FN mit 24,86% der Stimmen als Sieger unter den französischen Parteien hervor. Bei der Präsidentenwahl im nächsten Jahr werden Le Pen gute Ergebnisse prognostiziert – wenngleich es nicht ganz für das Amt reichen solle.

Französische Revolution

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ist nicht nur der Wahlspruch der Republik Haiti sowie der heutigen Französischen Republik, sondern auch das Motto der Französischen Revolution, die ab 1789 grundlegende Werte und Ideen der Aufklärung propagierte und umsetzte. Sie hatte signifikante gesellschaftspolitische Veränderungen auf dem ganzen Kontinent zur Folge. Die heutige französische Verfassung verweist auf die zu jener Zeit entstandene „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ und enthält sonst keinen eigenen Grundrechtekatalog.

Nun hofft die Branche nun auf Hilfe; versprochen sind schon länger Fristverlängerungen für das Zahlen von Sozialabgaben und Steuern und die Möglichkeit von Teilzeitarbeit.

Bisher sucht das terrorgeplagte Frankreich allein nach Rezepten, um die Folgen der Terrorattentate zu überwinden. Vielleicht würde sich eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit anbieten, denn auch Brüssel klagt über einen Tourismuseinbruch. In der belgischen Hauptstadt hatten islamistische Selbstmordattentäter im März 32 Menschen ermordet. Der Pariser Tourismus-Experte Valletoux meint, dass Touristen aus Asien ohnehin wenig auf europäische Binnengrenzen achten. „Nizza, Paris, Brüssel, für sie ist das derselbe Bereich.“

Von

dpa

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