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27.05.2015

17:22 Uhr

Frankreich und das Renten-Konto

Wer sich bückt, darf früher in Rente

VonThomas Hanke

Jedem Maurer sein Statistiker: Während in Deutschland Firmen über Mindestlohn-Bürokratie stöhnen, setzen die Franzosen noch eins drauf. Auf einem Konto sollen mühsame und belastende Tätigkeiten minutiös verbucht werden.

Frankreich ringt um die Rente – und wer sie wann beziehen kann. dpa

Maurer-Werkzeuge

Frankreich ringt um die Rente – und wer sie wann beziehen kann.

ParisIn Frankreich steigt das Renteneintrittsalter in den nächsten Jahren auf 65 Jahre. Aber nicht für alle: Wer sich in seinem Berufsleben oft bücken muss, die Arme hebt, den Oberkörper um mehr als 30 Grad neigt, nachts oder in Schicht arbeitet, Lasten schleppt, Vibrationen aushalten muss oder unter Überdruck arbeitet, kommt früher zu seinem Ruhegeld. „Compte personnel de pénibilité“ nennt sich ein sozialer Fortschritt, den viele Arbeitgeber eher als Alptraum fürchten.

2014 eingeführt, versucht die Regierung diese Reform nun rückabzuwickeln. Denn die Unternehmen machen geltend, dass keine Firma für alle Mitarbeiter ein persönliches Archiv anstrengender Tätigkeiten anlegen und nachhalten könne. Mit „starken und sofort wirksamen Maßnahmen“ werde die Regierung auf die Sorgen der Unternehmen reagieren, kündigte Premier Manuel Valls am Dienstag an.

Taxifahrer, Friseure und Co.: Bundesbank sieht in Mindestlohn keinen Preistreiber

Taxifahrer, Friseure und Co.

Bundesbank sieht in Mindestlohn keinen Preistreiber

Der zum Jahresbeginn eingeführte Mindestlohn ist laut Bundesbank bislang kein Inflationstreiber – auch wenn gerade im Osten die Preise angestiegen sind. Die Wirtschat dürfte bis in den Sommer kräftig wachsen.

Nach geltender Rechtslage sind die Firmen gezwungen, für jeden Beschäftigten über seine gesamte berufliche Laufbahn hin aufzuzeichnen, wann, wie lange und wie oft er eine der als mühsam anerkannten Tätigkeiten verrichten musste. Bislang ist erst ein Teil der Kriterien in Kraft getreten: Bei vielen weiß man nicht, wie sie anzuwenden wären. Soll neben jedem Maurer ein Statistiker stehen, der mitzählt, wie oft in der Stunde der Arbeitnehmer „die Hände in Schulterhöhe oder darüber“ hebt? Das ist einer der geltenden Maßstäbe.

Weil dieses Lasten-Konto selbst eine unzumutbare Belastung wäre, will Premier Manuel Valls die Reform nun rückabwickeln. Doch er weiß noch nicht genau, wie.
Was sich heute als Schildbürgerstreich à la franҫaise entpuppt, begann mit einem faulen Kompromiss. Kurz nach Amtsantritt Mitte 2012 entschied sich die sozialistische Regierung, die ungeliebte Rentenreform von Nicolas Sarkozy im Wesentlichen bestehen zu lassen.

Das Stillhalten der Gewerkschaften erkaufte sie unter anderem mit den Sonderregeln für die Altersruhe von Arbeitnehmern, die sich unter besonders harten Bedingungen abrackern müssen. Zehn Jahre hatten die Gewerkschaften versucht, diese spezielle Form der Frühverrentung zu erreichen – nun waren sie am Ziel.

Wer den Mindestlohn nicht bekommt

Zeitungsausträger und Saisonarbeiter

Bei einigen Branchen wie etwa den Zeitungsausträgern oder Erntehelfern besteht das Problem, dass nicht nach Arbeitszeit bezahlt wird. Solche Stunden- und Akkordlöhne soll es auch weiterhin geben können. Allerdings muss gewährleistet sein, dass der Betrag von 8,50 in einer Stunde erreicht werden kann.

Ehrenamtliche und Praktikanten

Nicht gelten wird der Mindestlohn auch für ehrenamtlich Tätige sowie Praktikanten, die im Rahmen einer Aus- oder Weiterbildung ein Pflichtpraktikum absolvieren. Ausgenommen sind auch freiwillige Praktika zur beruflichen Orientierung, wenn sie nicht länger als sechs Wochen dauern. Für die Langzeitpraktikanten, die bislang oft zu Hungerlöhnen arbeiten, soll der Mindestlohn hingegen gelten. „Wir wollen, dass die Generation Praktikum der Vergangenheit angehört“, betont Ministerin Nahles.

Langzeitarbeitslose

Wer nach mindestens zwölfmonatiger Arbeitslosigkeit einen neuen Job bekommt, hat in den ersten sechs Monaten keinen Anspruch auf den Mindestlohn. Damit soll der Anreiz erhöht werden, Erwerbslose einzustellen. Die Bundesregierung will aber bis Anfang 2017 überprüfen, ob diese Ausnahme die Beschäftigungschancen von Langzeitarbeitslosen erhöht.

Jugendliche

Ausgenommen vom Mindestlohn werden Jugendliche unter 18 Jahren. Durch die Altersgrenze soll vermieden werden, dass sich junge Leute einen Job suchen, ohne eine - in der Regel schlechter bezahlte - Ausbildung zu absolvieren. Denn Auszubildende bekommen keinen Mindestlohn.

Doch was ist das eigentlich genau, eine mühsame Arbeit? Als die Arbeitsverwaltung die Kriterien ausbaldowerte, gingen den Unternehmen die Augen über. Sie merkten erst in diesem Moment, welches Ei man ihnen da ins Nest gelegt hatte.

„Pénibilité“ – Alarm – wurde schnell zum Synonym für überbordende Bürokratie. Pierre Gattaz, Präsident des Arbeitgeberverbandes Medef, wetterte fast in jeder Rede: „Das ist eine enorme Büchse der Pandora, eine dreifache Bestrafung der Unternehmen!“

Kommentare (1)

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Herr Fred Meisenkaiser

27.05.2015, 19:56 Uhr

Das ist der Segen der EU! Das Rentenalter steigt. Millionen Arbeitslose in der EU, aber um die Gier des reichen Packs zu befriedigen, müssen die Bürger länger arbeiten!
Das ist der Skandal! Nicht der Versuch das Ganze gerecht zu gestalten.

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