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31.07.2015

19:44 Uhr

Frankreich und die Regionalsprachen-Charta

„Buschur, wie geht’s?“

VonThomas Hanke

Elsässisch, okzitanisch, baskisch: In Frankreich werden mehr als 70 Regionalsprachen gepflegt. Präsident Hollande will dieses kulturelle Erbe fördern. Doch er stößt auf Widerstand. Kritiker fürchten das Ende der Republik.

Wie die kleinen Kultfiguren „Les Garcons“ soll auch Frankreich bald bunt durchgemischt werden. Jedenfalls, was die Sprache angeht. Verschiedene Dialekte, in anderen Ländern längst selbstverständliche regionale Besonderheit, sorgen in Frankreich immer noch für politische Konflikte. Quelle: flickr.com

Frankreich wird bunt, jedenfalls sprachlich

Wie die kleinen Kultfiguren „Les Garcons“ soll auch Frankreich bald bunt durchgemischt werden. Jedenfalls, was die Sprache angeht. Verschiedene Dialekte, in anderen Ländern längst selbstverständliche regionale Besonderheit, sorgen in Frankreich immer noch für politische Konflikte.

Quelle: flickr.com

ParisMit 23 Jahren Verspätung will Frankreich jetzt die Europäische Charta der Regionalsprachen des Europarates ratifizieren. Dafür will Staatspräsident François Hollande die Verfassung ändern. Hollande löst damit ein Wahlversprechen ein. Elsässisch, Bretonisch, Okzitanisch, Katalanisch, Baskisch und rund 70 andere Regional- oder Minderheitssprachen würden künftig kulturellen Schutz genießen. Statt „Bonjour, comment allez-vous?“ heißt es dann „Buschur, wie geht’s?“, „Adieussiatz, va plan?“ in Südfrankreich und „Penaos 'mañ ar bed ganeoc'h?“ in der Bretagne.

Was in anderen Ländern längst selbstverständliche regionale Besonderheit ist, sorgt in Frankreich immer noch für politische Konflikte. Auf Zentralismus bedachte, jakobinische Hitzköpfe greifen Hollande wegen seines Sprachen-Zugeständnisses übel an: „Hollande ist kein Republikaner, er macht sich für Parallelgesellschaften stark“, warf ihm schon im Wahlkampf mit überschnappenden Synapsen Nicolas Sarkozys damaliger Redenschreiber vor. Doch auch auf der extremen Linken kochen die Emotionen hoch: „Das ist eine neue Aggression gegen die Einheit und Unteilbarkeit der Republik“, ereiferte sich vor zwei Wochen Jean-Luc Mélenchon, der Chef der Linkspartei.

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In Frankreich herrscht Dauerwahlkampf. Das ist schlecht für die europäischen Partner. Denn er wird die Modernisierung des Landes lähmen, weil politische Führer die Befindlichkeit ihrer Parteien pflegen. Ein Kommentar.

Die absurde Logik der Zentralisten: Wer eine Regionalsprache reden dürfe, werde anderen gegenüber privilegiert und bedrohe das Französische – und damit die Einheit der Republik. Ein Akt kultureller Toleranz wird in dieser verdrehten Logik zur Aggression. Dabei ist auch die Wirklichkeit schon längst viel weiter.

In der Bretagne, im französischen Baskenland, im französischen Teil Kataloniens beispielsweise sind Straßenschilder zweisprachig und es gibt bilinguale Schulen. Das geht auf aktive Bürgerbewegungen zurück, die sich für die baskischen „Ikastolas“, oder die bretonischen „Diwan“ einsetzen: Schulen, in denen die Minderheitensprachen gelehrt werden.

Europas Populisten: Von AfD bis Ukip

Deutschland: Alternative für Deutschland (AfD)

Die Alternative für Deutschland (AfD) wurde einst beherrscht von heftigen internen Richtungskämpfen zwischen wertkonservativem und liberalem Flügel. Den Machtkampf entschied die dem rechtskonservativen Flügel zugerechnete Frauke Petry. Aktuell lässt sich die Partei dem rechten Spektrum zuordnen. Die AfD konnte sich zunächst mit scharfer Kritik am Euro-Rettungskurs der Bundesregierung, aber auch mit Positionen zur Einwanderungspolitik und familienpolitischen Themen in der deutschen Meinungslandschaft wirksam profilieren und positionieren. Die Flüchtlingskrise gibt ihr - und vor allem den rechtsnationalen Vertretern in der Partei Rückenwind.
Quelle: Deutsche Bank Research „Europas Populisten im Profil“, April 2015; Handelsblatt-Recherchen

Finnland: Die Finnen

Dem rechten Spektrum zuzuschreiben sind die Finnen, die sich 1995 gegründet haben. Im Zuge der Euro-Krise konnten sie sich insbesondere mit EU-skeptischen Positionierungen profilieren. Sie fordern die Verteidigung der nationalen Identität und eine stärkere Verantwortung der Nationalstaaten in Europa.

Frankreich: Front National

Der 1972 gegründete Front National (FN) findet in Frankreich nach einer strategischen Neuausrichtung im Jahr 2011 unter der neuen Parteivorsitzenden Marine Le Pen zunehmend Zuspruch. Die Rhetorik und das Verhalten des FN wurden gemäßigt. Zugleich hat der FN auch sein Themenspektrum erweitert, sodass neben Einwanderung auch Globalisierungstendenzen und die EU kritisiert werden. Der FN ist daher dem rechtspopulistischen Spektrum zuzuordnen.

Griechenland: Syriza-Bündnis

Griechenland ist ein Sonderfall. Hier stehen Populisten in Regierungsverantwortung. Das linke Parteienbündnis Syriza hat die Parlamentswahlen im Januar 2015 als stärkste Kraft gewonnen und bildet eine Koalition mit den rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Syriza weist die Verantwortung für Fehlentwicklungen des Landes konsequent der Euro-Rettungspolitik zu. Die Ursachen der nationalen Schieflage verortet Syriza in der internationalen Finanzwirtschaft und der EU. Im Wahlkampf konnte das Bündnis mit der Forderung nach einem Schuldenschnitt für Griechenland punkten.

Italien: Movimento 5 Stelle, Lega Nord und Forza Italia

In Italien gibt es gleich mehrere populistische Kräfte: Movimento 5 Stelle, Lega Nord und Forza Italia. Allerdings ist die Regierungspartei Partito Democratico (PD) mit 37,2 Prozent in Umfragen immer noch sehr stark und wäre eindeutiger Sieger bei Parlamentswahlen. Fraglich ist, ob eine absolute Mehrheit zustande kommen kann oder eine Koalition mit einer der populistischen Parteien gegründet werden müsste. Die Koalitionsverhandlungen dürften vermutlich wie bei den letzten Wahl en schwierig werden und den Einfluss populistischer Parteien insofern stärken, als dass die PD diesen inhaltlich entgegenkommen müsste.

Niederlande: Partei für die Freiheit

Die Partei für die Freiheit (PVV) ist dem rechtspopulistischen Parteienspektrum zuzuordnen. Im Kern positioniert sich die Partei gegen Einwanderung und die EU. Vor allem durch ihren Vorsitzenden Geert Wilders erlangt die PVV in den Niederlanden eine hohe Aufmerksamkeit in den Medien.

Österreich: Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ)

Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) ist mit Gründung 1955 eine die der ältesten populistischen Parteien. Nach der Abspaltung des rechtsliberalen Flügels als Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) im Jahr 2005 mobilisiert die rechtspopulistische FPÖ gegen weitere europäische Integration und die „Islamisierung“ Österreichs.

Spanien: Podemos-Bewegung

Neu im linken Spektrum ist die spanische Podemos-Bewegung. Sie ging im März 2014 aus der Bewegung der „Empörten“ hervor und sieht sich als Vertretung der Bevölkerung gegen eine „politische Kaste.“

Großbritannien: United Kingdom Independence Party (Ukip)

Im Vereinigten Königreich ist EU-Skepsis tendenziell verbreiteter als in anderen EU-Ländern. Dies spiegelt sich auch in der Parteienlandschaft wieder, in der die rechtskonservative United Kingdom Independent Party (Ukip) mit ihrer Forderung nach einem EU-Austritt die stärksten EU-skeptischen Züge trägt.

Ziel der Charta, die schon im Dezember 1992 beschlossen wurde, ist es, den Gebrauch der Regionalsprachen im Bildungssystem, in den Medien, in Justiz und Verwaltung und im Kulturbetrieb zu fördern. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass Minderheitsprachen ein Teil des europäischen kulturellen Erbes sind.

Mit ihrem drohenden Verschwinden würde der Kontinent ein wenig ärmer. Die Charta zielt allein auf die Sprache. Sie sichert nicht den Personen, die sie sprechen, besondere Rechte und versucht auch nicht, regionale Unabhängigkeitsbewegungen zu stärken.

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