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01.05.2013

18:15 Uhr

Frankreich versus Deutschland

Hollande gibt sich versöhnlich

VonThomas Hanke

Nach einem Treffen mit Italiens neuem Regierungschef Enrico Letta bläst Frankreichs Staatspräsident die Angriffe auf Deutschland ab - auch, weil es von Letta eine klare Absage gegen eine Merkel-Front gibt.

Frankreichs Präsident Francois Hollande (links) und der neue Regierungschef Italiens Enrico Letta demonstrieren Freundschaft. Reuters

Frankreichs Präsident Francois Hollande (links) und der neue Regierungschef Italiens Enrico Letta demonstrieren Freundschaft.

ParisAus der Traum: Sollte Frankreichs Staatspräsident François Hollande die Illusion gehegt haben, er könne gemeinsam mit Italien eine Art Front gegen Deutschland bilden, musste er sie am 1. Mai begraben. Der frisch gewählte italienische Regierungschef Enrico Letta wandte sich klipp und klar gegen Aussagen wie die, in der EU müsse die angeblich von Deutschland aufgezwungene Budgetdisziplin beendet werden: „Man kann Wachstum und die Konsolidierung der Haushalte nicht gegeneinander ausspielen, beides gehört zusammen.“

Es gehe nicht an, dass in Europa nur zwei oder drei Länder wüchsen, während die anderen untergingen. Die von Hollande jüngst aufgebrachte Maxime einer „freundschaftlichen Spannung“ im Verhältnis zu Deutschland lehnte Letta ab: „Für mich geht es ganz einfach um Freundschaft und nicht um freundschaftliche Spannung“, sagte der hoch gewachsene Italiener in perfektem Französisch neben einem säuerlich dreinblickenden Hollande.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Erstmals seit sechs Tagen nahm Hollande zu der Resolution seiner eigenen Partei Stellung, in der Bundeskanzlerin Angela Merkel „egoistische Sturheit“ und rücksichtloses Beharren auf deutschen Interessen vorgeworfen wurden. Die klare Frage, ob er grünes Licht für diesen Text gegeben habe, der mittlerweile wieder einkassiert wurde, beantwortete Hollande nicht. Die Wochenzeitung Le Canard Enchainé hatte geschrieben, Hollandes engster Politikberater Aqulino Morelle habe den Text durchgewunken, während Premier Jean-Marc Ayrault alles getan habe, ihn aufzuhalten.

Statt sich klar zu positionieren, sagte Hollande, er sei „nicht der erste Sekretär der Sozialistischen Partei“. Ihn interessiere nur der mittlerweile erstellte Text, in dem keine Person angegriffen werde. „Nur den müssen unsere Partner lesen“, sagte der Präsident beinahe beschwörend. Es gebe keinerlei Anlass, „einzelne Politiker oder Regierungen infrage zu stellen, und bestimmt nicht Deutschland.“ Frankreich und Deutschland müssten zusammenarbeiten, beide Länder verbinde eine geschichtliche Verantwortung und die Notwendigkeit, Europa voranzubringen. Allerdings bestehe die Notwendigkeit, „einer offenen Diskussion in einem Europa, das 27 Mitgliedstaaten hat.“

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich

Wachstum

Frankreich: Die Wirtschaft wächst viel langsamer. Die EU-Kommission traut der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr lediglich ein Plus von 0,2 Prozent zu, das 2013 mit 0,4 Prozent nur einen Tick größer ausfallen soll. Grund dafür ist der maue Konsum: Er dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stagnieren.
Deutschland: Jeweils 0,8 Prozent Wachstum sagt die EU-Kommission für 2012 und 2013 voraus. Garant dafür ist der private Konsum. Er wird nach der Prognose in beiden Jahren um jeweils ein Prozent zulegen. Dafür sollen die Rekordbeschäftigung und spürbare Lohnzuwächse sorgen.

Schulden

Frankreich: Frühestens 2015 wird die EU-Grenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder eingehalten. Das erwartet zumindest die EU-Kommission. Demnach wird das Defizit in diesem Jahr bei 4,5 Prozent liegen, 2013 und 2014 bei jeweils 3,5 Prozent. Der Schuldenberg soll im kommenden Jahr auf 93,8 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen.
Deutschland: Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts rückt in greifbare Nähe. 2012 und 2013 soll das Defizit angesichts rekordhoher Steuereinnahmen jeweils 0,2 Prozent betragen, ehe 2014 ein Haushalt ohne neue Schulden stehen soll. Der Schuldenstand soll bis dahin auf 78,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, wie das World Economic Forum bei seinem weltweiten Standortvergleich befand. Die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der "Grande Nation". Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.
Deutschland: Trotz der Euro-Krise hat Deutschland im globalen Standortvergleich des World Economic Forum seinen sechsten Platz behauptet und damit erstmals die USA überholt. Als Pluspunkte gelten die ausgezeichnete Infrastruktur und innovative Unternehmen, die alle Stufen der Wertschöpfung leisten können - von der Produktion bis hin zu Marketing und Vertrieb. Minus-Punkte gab es dagegen für den Arbeitsmarkt, der als zu starr gilt. Kritisiert wird vor allem die mangelnde "Flexibilität der Lohnfindung": Hier landet Deutschland auf Platz 139 von 144.

Industrie

Frankreich: Zwar kann unser Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder der Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise im Euro-Raum durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung kletterte 2011 auf 26,2 Prozent, während er zwischen 2000 und 2010 im Schnitt nur 25,1 Prozent betrug.

Arbeitskosten

Frankreich: 34,20 Euro kostet eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft im Schnitt. In der EU ist Arbeit nur in Belgien, Schweden und Dänemark noch teurer. In der Industrie sind es sogar 35,91 Euro.

Deutschland: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro - das ist der siebthöchste Wert der 27 EU-Mitglieder. Der Euro-Zonen-Schnitt liegt bei 27,70 Euro. In der im internationalen Wettbewerb stehenden Industrie liegen die Arbeitskosten bei 35,66 Euro pro Stunde.

Kommentare (13)

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Account gelöscht!

01.05.2013, 19:01 Uhr

Wachstun fürFrankreich?Kein Problem!
Rente mit 65, laengere Arbeitszeiten für die Bevölkerung auf den Europäischen Durchschnitt. Und senkug des Sitzensteuersatz auf 50%

geht alles,

Sukijaki

01.05.2013, 19:02 Uhr

Toro-Toro oder Tora-Tora, das ist hier die Frage!?

coincidentia_oppositorum

01.05.2013, 19:05 Uhr

Na ja, hat zwar nichts mit dem Thema zu tun, wenn die gender-Fanatiker den Männern das Pinkeln im Stehen verbieten wollen, da Frauen das nun mal nicht können und damit diskriminiert sind.
Wenn wir beobten können, dass die Urinale für Männer demnächst abmontiert werden und alle geschlechtneutral "sitzen", werden wir zur Kenntnis zu nehmen haben, was die Stunde geschlagen hat. Der androgyne Mensch, der eh das finale Ideal aller Sozialisten ist, dürfte dann als Endergebnis aller Anstrengungen in Richtung neue Welt mit neuen Menschen an die Tür klopfen.
Der Homo sapiens hat den Neandertaler abgelöst, der mutierte Gendermensch löst den Homo sapiens ab.

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