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02.08.2013

12:02 Uhr

Frankreichs Kabinett im Kurzurlaub

Die Ferien des Monsieur Hollande

Frankreich schwelgt in kollektiver Urlaubsstimmung, der Reisemonat August hat begonnen. Doch Präsident Hollande vermiest seinen Ministern die Freude auf die Ferien. Sie dürfen nur kurz weg – und haben Hausaufgaben.

Hollande im Urlaub: Frankreichs Präsident gibt sich und seinem Kabinett nur für kurze Zeit frei. dpa

Hollande im Urlaub: Frankreichs Präsident gibt sich und seinem Kabinett nur für kurze Zeit frei.

ParisSchon die Wahl des letzten Arbeitstags wirkte symbolisch. Nicht wie üblich an einem Mittwoch traf sich das französische Kabinett. Entgegen der sonst als so wichtig geltenden Traditionen hatte Präsident François Hollande zur letzten Sitzung vor der Sommerpause erst für Freitag geladen. Der Start in den Ferienmonat August lag damit nicht mitten in der Woche, sondern vor dem Wochenende - wie für Millionen französischer Arbeitnehmer auch.

Doch damit nicht genug. Der Staatschef soll dem Kabinett auch noch Kurzurlaub von zwei Wochen verordnet haben. „Er mag Ferien einfach nicht“, zitiert „Le Parisien“ einen ungenannten Minister. „Wir fallen fast um vor Erschöpfung“, lässt sich eine Ministerin namenlos zitieren. Im „Journal du Dimanche“ ergänzt ein Regierungsmitglied: „Er hat uns auch gebeten, nach Möglichkeit in der Nähe zu bleiben.“

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Viele Minister sollen ihre wenig ausgeprägte Bereitschaft zu nur kurzen Ferien im August über Premierminister Jean-Marc Ayrault an den Staatspräsidenten kommuniziert haben. Der Premier selbst setzt auf „eine richtige Woche Erholung“, allerdings angeblich auch nicht weiter als zwei Stunden von Paris entfernt.

Für Hollandes Verhältnis zum Urlaub könnte ein Blick zurück die Erklärung liefern. Die schlechten Sympathiewerte des Staatschefs haben zeitlich ihren Ursprung in den Ferien des vergangenen Jahres. Mit 61 Prozent Zustimmung lag er vor den Sommerferien noch bestens. Zum „Rentrée“, dem großen Start des Landes im September, gab es gerade noch 46 Prozent positives Feedback. Tendenz seitdem deutlich sinkend.

Kommentare (1)

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Auslandsdeutscher

02.08.2013, 13:48 Uhr

Frankreich ist wirtschaftlich und auch moralisch ziemlich pleite. Dies sage ich nicht mit Häme sondern Sorge.
Solagne diese Nation nicht die Kraft findet, sich vom Staatssozialismus, dem quasi-religiösen Glauben, dass der Staat alles besser macht, abzuwenden und ihren Bürgern mehr Wettbewerb aber auch geringere Steuern und Sozialabgaben zumutet, wird sich fundamental nichts in diser ehemals "grande" nation verbessern.

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