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13.05.2015

10:43 Uhr

Frankreichs Wirtschaft

Wachstumsschub mit Bremse

VonThomas Hanke

Die Franzosen kaufen wieder mehr, ihre Insdustrieunternehmen produzieren mehr, die Regierung feiert ihre Konjunkturpolitik: Doch trotz der überraschend guten Zahlen bleiben Paris zwei große Probleme.

Überraschung bei Wachstumsdaten

Frankreich top, Deutschland flop

Überraschung bei Wachstumsdaten: Frankreich top, Deutschland flop

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ParisFrankreichs Wirtschaft ist im ersten Quartal 2015 überraschend stark um 0,6 Prozent gewachsen, hat das nationale Statistikamt Insee am Mittwoch mitgeteilt. Erwartet wurden lediglich 0,4 Prozent. Die starke Industrieproduktion, vor allem Güter für den Transportsektor, die um 1,3 Prozent zugelegt hat, und die Konsumnachfrage der privaten Haushalte, die um 0,8 Prozent gestiegen ist, sind die wichtigsten treibenden Kräfte. Im vergangenen Jahr hatte die Wirtschaft stagniert (plus 0,2 Prozent).

Die Regierung hat den Haushalt 2015 auf einer Wachstumsprognose von ein Prozent basiert. Finanzminister Michel Sapin hat am Mittwochmorgen sofort auf die gute Nachricht reagiert und den Wachstumsschub auf die Wirkungen des niedrigen Ölpreises und auf die Reformen der Regierung zurückgeführt. Die hätten die Kaufkraft und das Vertrauen der Haushalte gestärkt. Für 2015 erwarte er jetzt ein Wachstum von mehr als einem Prozent.

Die deutsche und französische Wirtschaft im Vergleich

Wachstum

Frankreich: Die Industriestaaten-Organisation OECD hat die Wachstumsprognose erst vorige Woche mehr als halbiert. 2014 wird das Bruttoinlandsprodukt demnach nur um 0,4 Prozent zulegen, nachdem im Frühjahr noch 0,9 Prozent vorausgesagt worden waren. Für kommendes Jahr wurde die Prognose von 1,5 auf 1,0 Prozent zurückgenommen.

Deutschland: Auch bei Europas Nummer eins hat die OECD den Daumen gesenkt. Für das laufende Jahr wurde die Prognose von 1,9 auf 1,5 Prozent zurückgenommen, für 2015 von 2,1 auf ebenfalls 1,5 Prozent.

Arbeitslosigkeit

Frankreich: Wegen der Konjunkturflaute leidet der Nachbar unter einer Rekordarbeitslosigkeit. Die EU-Kommission sagt für dieses Jahr einen Anstieg auf 10,4 Prozent voraus, 2015 soll es leicht nach unten gehen auf 10,2 Prozent. Das entspricht etwa dem Durchschnitt aller 28 EU-Staaten.

Deutschland: Hier ist die Arbeitslosenquote nur halb so hoch. Nach der Prognose der EU-Kommission wird sie in diesem Jahr auf 5,1 Prozent fallen und 2015 auf diesem Niveau verharren. Mit Österreich weist die Bundesrepublik damit die niedrigste Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone auf.

Staatsschulden

Frankreich: Erst 2017 will die Regierung die jährliche Neuverschuldung unter die in den EU-Verträgen erlaubte Höchstgrenze von drei Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftskraft drücken. Eigentlich sollte das schon 2015 der Fall sein, doch sieht sich die Regierung in Paris wegen der schwachen Konjunktur dazu nicht in der Lage. Der Schuldenberg wird nach Prognose der EU-Kommission bis 2015 auf 96,6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt wachsen. Die EU erlaubt eigentlich nur 60 Prozent.

Deutschland: Der Staat könnte 2014 bereits das dritte Jahr in Folge einen leichten Überschuss aufweisen. Zum Halbjahr wurden 16 Milliarden Euro mehr eingenommen als ausgegeben. Alle übrigen Euro-Staaten dürften hingegen rote Zahlen schreiben. Allerdings ist der Schuldenstand mit rund 76 Prozent immer noch höher als erlaubt.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: Ein Grund für die Misere ist die gesunkene Wettbewerbsfähigkeit. Eine Arbeitsstunde kostet private Arbeitgeber durchschnittlich 35,00 Euro. In der besonders stark dem internationalen Wettbewerb ausgesetzten Industrie sind es sogar 36,70 Euro - in der EU sind die Kosten nur in Schweden, Belgien und Dänemark höher. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum Frankreich im weltweiten Standortranking des World Economic Forum (WEF) nur Platz 23 belegt.

Deutschland: Die Arbeitskosten liegen niedriger als in Frankreich. In der Privatwirtschaft sind es 31,70 Euro, in der Industrie 36,20 Euro. Im Standortvergleich des WEF belegt Deutschland den fünften Rang, wobei besonders die gut ausgebildeten Fachkräfte und innovative Unternehmen gelobt werden.

Industrie

Frankreich: Zwar kann das Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder dem Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise in der Euro-Zone durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Sie trägt nur noch 10,25 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, der EU-Schnitt liegt bei 15,3 Prozent.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. "Nur Deutschland hat es geschafft, zwischen 2007 und 2012 Jobs in der Industrie aufzubauen", stellte die EU-Kommission in ihrem europaweiten Vergleich fest. Der Industrie-Anteil an der Wirtschaftsleistung liegt mit 22 Prozent klar über dem EU-Schnitt.

Allerdings sind die Zahlen nicht rundum positiv. Die Ausfuhren nahmen weniger stark zu als im Vorquartal. Da die Importe aber gut laufen, war der Außenbeitrag, also der Saldo von Aus- und Einfuhren, negativ. Das bestätigen auch die Werte der Banque de France für die Zahlungsbilanz im März, die ebenfalls am Mittwochmorgen veröffentlicht wurden: Das Defizit im Warenaustausch nahm leicht zu.

Die Investitionen waren laut Insee im ersten Vierteljahr erneut rückläufig, sie nahmen um 0,2 Prozent ab. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass die Unternehmen der Entwicklung noch nicht trauen und ihre Entscheidungen über eine notwendige Modernisierung der Anlagen aufschieben.

Auch die Arbeitslosigkeit ist in den ersten Monaten des Jahres weiter gestiegen. Sapin räumt denn auch ein, dass noch viel zu tun sei: „Ein Plus von 0,6 Prozent in einem Quartal ist gut, aber wir brauchen noch viele gute Quartale, damit die Arbeitslosigkeit zurück geht.“

Frankreich steht derzeit in einer intensiven Debatte mit der EU-Kommission über sein Reformprogramm. Die Brüsseler Behörde wünscht entschiedenere Veränderungen vor allem am Arbeitsmarkt.

Die unerwartet gute Wachstumszahl stärkt der französischen Regierung in der laufenden Auseinandersetzung zwar den Rücken, doch die Details zeigen zugleich, dass die Reformen noch nicht ausreichen – ein echter Stimmungsumschwung bei den Unternehmen ist noch nicht gelungen.

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