Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.04.2015

16:59 Uhr

Französische Schulen

Paris und Berlin streiten ums Deutschlernen

VonThomas Hanke

Frankreich plant die Einschränkung des Deutschunterrichts an seinen Sekundarschulen – zum Ärger der Bundesregierung. Nun sollen die Außenminister gemeinsam eine Lösung finden. Doch das Thema ist politisch aufgeladen.

Viele junge Franzosen lernen lieber Spanisch als Deutsch. Dass Frankreich jetzt auch noch bilinguale Klassen abschaffen will, führt zu Krach zwischen den beiden Regierungen. dpa

Viele junge Franzosen lernen lieber Spanisch als Deutsch. Dass Frankreich jetzt auch noch bilinguale Klassen abschaffen will, führt zu Krach zwischen den beiden Regierungen.

ParisIm Streit um die Einschränkung des Deutschunterrichts an den französischen Sekundarschulen könnte es Mitte der Woche durch das Eingreifen der Außenminister eine Entspannung geben. Frankreichs Außenminister Laurent Fabius hat seinem Kollegen Frank-Walter Steinmeier zugesagt, das Thema auf der nächsten Kabinettssitzung anzusprechen.

Die Bundesregierung hatte verärgert darauf reagiert, dass Frankreich im Rahmen der Reform seiner Collèges (Sekundarschulen) zweisprachige Klassen abschaffen will. Die wurden 2004 eingeführt und kombinieren Englisch mit Deutsch oder Spanisch. Dieses „Deutschlernen im Huckepack“ hatte die Zahl der jungen Franzosen, die unsere Sprache lernen, nach einem kontinuierlichen Rückgang stabilisiert.

In beiden Ländern hält man das Erlernen der jeweils anderen Sprache für wichtig. Erfahrungsgemäß verstehen die Menschen die Besonderheiten der Partnernation am besten, die auch ihrer Sprache mächtig sind. Viele Klischees und Besorgnisse verflüchtigen sich dann schnell. Umso bedenklicher ist es, dass junge Deutsche und Franzosen statt Französisch oder Deutsch immer häufiger Spanisch als zweite Fremdsprache neben Englisch wählen.

Die deutsche und französische Wirtschaft im Vergleich

Wachstum

Frankreich: Die Industriestaaten-Organisation OECD hat die Wachstumsprognose erst vorige Woche mehr als halbiert. 2014 wird das Bruttoinlandsprodukt demnach nur um 0,4 Prozent zulegen, nachdem im Frühjahr noch 0,9 Prozent vorausgesagt worden waren. Für kommendes Jahr wurde die Prognose von 1,5 auf 1,0 Prozent zurückgenommen.

Deutschland: Auch bei Europas Nummer eins hat die OECD den Daumen gesenkt. Für das laufende Jahr wurde die Prognose von 1,9 auf 1,5 Prozent zurückgenommen, für 2015 von 2,1 auf ebenfalls 1,5 Prozent.

Arbeitslosigkeit

Frankreich: Wegen der Konjunkturflaute leidet der Nachbar unter einer Rekordarbeitslosigkeit. Die EU-Kommission sagt für dieses Jahr einen Anstieg auf 10,4 Prozent voraus, 2015 soll es leicht nach unten gehen auf 10,2 Prozent. Das entspricht etwa dem Durchschnitt aller 28 EU-Staaten.

Deutschland: Hier ist die Arbeitslosenquote nur halb so hoch. Nach der Prognose der EU-Kommission wird sie in diesem Jahr auf 5,1 Prozent fallen und 2015 auf diesem Niveau verharren. Mit Österreich weist die Bundesrepublik damit die niedrigste Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone auf.

Staatsschulden

Frankreich: Erst 2017 will die Regierung die jährliche Neuverschuldung unter die in den EU-Verträgen erlaubte Höchstgrenze von drei Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftskraft drücken. Eigentlich sollte das schon 2015 der Fall sein, doch sieht sich die Regierung in Paris wegen der schwachen Konjunktur dazu nicht in der Lage. Der Schuldenberg wird nach Prognose der EU-Kommission bis 2015 auf 96,6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt wachsen. Die EU erlaubt eigentlich nur 60 Prozent.

Deutschland: Der Staat könnte 2014 bereits das dritte Jahr in Folge einen leichten Überschuss aufweisen. Zum Halbjahr wurden 16 Milliarden Euro mehr eingenommen als ausgegeben. Alle übrigen Euro-Staaten dürften hingegen rote Zahlen schreiben. Allerdings ist der Schuldenstand mit rund 76 Prozent immer noch höher als erlaubt.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: Ein Grund für die Misere ist die gesunkene Wettbewerbsfähigkeit. Eine Arbeitsstunde kostet private Arbeitgeber durchschnittlich 35,00 Euro. In der besonders stark dem internationalen Wettbewerb ausgesetzten Industrie sind es sogar 36,70 Euro - in der EU sind die Kosten nur in Schweden, Belgien und Dänemark höher. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum Frankreich im weltweiten Standortranking des World Economic Forum (WEF) nur Platz 23 belegt.

Deutschland: Die Arbeitskosten liegen niedriger als in Frankreich. In der Privatwirtschaft sind es 31,70 Euro, in der Industrie 36,20 Euro. Im Standortvergleich des WEF belegt Deutschland den fünften Rang, wobei besonders die gut ausgebildeten Fachkräfte und innovative Unternehmen gelobt werden.

Industrie

Frankreich: Zwar kann das Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder dem Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise in der Euro-Zone durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Sie trägt nur noch 10,25 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, der EU-Schnitt liegt bei 15,3 Prozent.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. "Nur Deutschland hat es geschafft, zwischen 2007 und 2012 Jobs in der Industrie aufzubauen", stellte die EU-Kommission in ihrem europaweiten Vergleich fest. Der Industrie-Anteil an der Wirtschaftsleistung liegt mit 22 Prozent klar über dem EU-Schnitt.

Ende vergangener Woche schrieb Außenminister Frank-Walter Steinmeier an seinen französischen Kollegen Laurent Fabius: „Erlaube mir, meine Besorgnis über die derzeitigen Pläne zur Abschaffung der classes bilangues und sections europeennes an den französischen collèges zu äußern.“

Falls sie entfielen, drohe „mittelfristig ein Einbruch der Deutschlerner-Zahlen.“ Das hätte negative Auswirkungen auf zahlreiche weiterführende Schul-und Hochschulangebote, „die deutsch-französische Hochschule, ebenso wie auf die vielen Austauschprogramme und Städtepartnerschaften“. Aktuell lernen 87.000 Franzosen in 3580 zweisprachigen Klassen Deutsch. Das sind 88 Prozent aller Franzosen, die in der Sprache Goethes unterrichtet werden.

Die französische Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem begründet ihre Pläne damit, dass die zweisprachigen Klassen nur einer kleinen Elite zugutekämen und ihr Wegfall finanzielle Mittel freisetze, mit denen allgemein der Sprachunterricht gefördert werden könnte.

Steinmeier kritisiert die Ministerin nicht frontal, sondern zeigt Verständnis für ihr Anliegen einer breiten Sprachförderung. Geschickt stellt er den Deutschunterricht in diesen Kontext und zeigt Bereitschaft, von deutscher Seite aus ebenfalls zu fördern: „Wir sind bereit, die Weiterentwicklung des Deutschunterrichts an den Grundschulen wie auch in den Sekundarschulen verstärkt mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen.“

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Thomas Schmidt

27.04.2015, 17:27 Uhr

Das einzige, was Steinmeier wieder einfällt, ist anzubieten, "dass Deutschland dann notfalls gerne das Geld zur Verfügung stellt". Das ist armselig. Wenn die Franzosen (die in puncto Fremdsprachen sowieso in ihrer ganz eigenen Welt leben) Deutsch als Fremdsprache nicht mehr erstrebenswert finden, dann sollen sie's halt lassen. Es gibt gleichzeitig ja anderswo in Ost- und Süd-Europa eine Menge Menschen, die mehr Interesse an Deutsch als Fremdsprache haben: Die sollte man stattdessen fördern, also Rumänien oder Spanien.

Herr peter Spirat

27.04.2015, 20:40 Uhr

Man kann über die Franzosen denken, was man will, aber die dt. / franz. "Freundschaft" ist die zentrale Achse von Europa. auch wenn die aktuelle Regierung in Paris das Land aushungern lässt, so müssen wir auch in Zukunft viel Rücksicht auf die Interessen der anderen Seite nehmen.

Wie auch mit Russland, bekommt es uns nicht gut, wenn wir mit unseren Nachbarn nicht freundschaftlich umgehen. Deutschland ist eine Drehscheibe zwischen West und Ost und das wird nur funktionieren, wenn wir rücksichtsvoll mit einander umgehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×