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29.07.2017

15:03 Uhr

Frauen des Terrors

Die unterschätzte Gefahr

VonUrs Wälterlin, Pierre Heumann

Seit der IS auf dem Rückzug ist, kehren immer mehr Terroristen nach Europa zurück. Die Behörden sind mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. Nie zuvor waren unter den potentiellen Attentätern so viele Frauen.

Nicht nur Europa kämpft mit der Emanzipation der Frauen im Terrorismus.

Frauen beim IS

Nicht nur Europa kämpft mit der Emanzipation der Frauen im Terrorismus.

Jakarta / Tel AvivRAF-Gründerin Ulrike Meinhof, die Schwarzen Witwen in Tschetschenien oder die palästinensische Flugzeugentführerin Leila Khaled. Schon immer waren auch Frauen unter den Terroristen, die ihre politischen oder religiösen Ziele mit erschreckender Gewalt verfolgten. Trotzdem war der Schock groß, als die Streitkräfte in Mossul vier deutsche Dschihadistinnen unter den IS-Anhängern festnahmen. Man rätselt über die Motive, die Hoffnungen und die Hintergründe der jungen Frauen, die ihren geordnete Heimat verlassen haben, um sich in den Dienst der Terroristen zu stellen.  Auch, weil es immer mehr werden.

Selten zuvor waren so viele Frauen in Terrorbewegungen aktiv. Und noch etwas fällt auf: Sie rekrutieren sich aus einer Vielzahl von Ländern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zusammen mit den vier deutschen Dschihadistinnen wurden zum Beispiel in Mossul auch Frauen aus der Türkei, aus Russland, aus Kanada, aus Tschetschenien, aus Libyen und aus Syrien aufgegriffen.

Vor einer Woche war bekannt geworden, dass sich auch die 16-jährige Linda W. aus Sachsen unter den festgenommenen befand. Die Schülerin war im vergangenem Sommer aus Deutschland verschwunden und hatte sich dem IS im Irak angeschlossen. Zuvor war sie zum Islam konvertiert.

Deutschland ist ein besonders attraktives Pflaster für die Rekrutierung von Terroristinnen. Von den mehr als 930 Personen, die laut Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Richtung Syrien und Irak gereist sind, um dort für Terrorgruppen wie den IS zu kämpfen oder sie zu unterstützen, sind 20 Prozent Frauen. Das Terrorpotential ist groß: Ein Drittel der Personen sei mittlerweile wieder in Deutschland, und mehr als 70 Personen waren aktiv am IS-Terror beteiligt.

Europol-Direktor Rob Wainwright warnt deshalb vor einer neuen Gefahr. Schätzungsweise 2500 IS-Terroristen werden in nächster Zeit aus dem Irak oder aus Syrien nach Europa zurückkehren. Es sei zu befürchten, dass viele ihr Terrorhandwerk, das sie beim IS gelernt haben, auch in Europa anwenden werden. Dabei soll laut Europol-Experten nicht nur das Durchschnittsalter der potentiellen Attentäter deutlich niedriger sein als früher. Unter den Rückkehrern gebe es auch deutlich mehr Frauen, die einen Anschlag verüben könnten. Wainwrights Warnung ist verständlich: Unter den 718 mutmaßlichen IS-Terroristen, die die Polizei im letzten Jahr verhaftet hat, waren ein Viertel Frauen. Der aktuelle Trend - mehr Frauen und mehr Jugendliche - bedeute, dass Europa neue und spezielle Methoden finden müsse, um mit dieser Gefahr fertig zu werden, meint Michèle Consinsx, Vorsitzende der EU-Justizbehörde Eurojust. Aber nicht nur Europa kämpft mit der Emanzipation der Frauen im Terrorismus.

IS-Frauen bedrohen auch Länder wie Indonesien. So war die 27-jährige Dian Yulia Novi beinah die erste weibliche Selbstmordattentäterin Indonesiens. Im Dezember vergangenen Jahres war sie in Jakarta mit einer Dampfkochtopf-Bombe verhaftet worden. Ein Mitglied vom IS habe sie beauftragt, sich während der zeremoniellen Wachablösung am Präsidentenpalast in der indonesischen Hauptstadt in die Luft zu sprengen. Und Novi ist kein Einzelfall. Auch in Bali wurde erst im Dezember eine Frau mit ähnlichen Absichten festgenommen. Beide Frauen waren Reinigungsmitarbeiterinnen. Sie seien über eine IS-freundliche Frauenhilfsorganisation in Kontakt mit der Terrorgruppe gebracht worden.

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„Ich glaube, das ist der Beginn einer neuen Entwicklung, nicht nur in Indonesien, sondern in der Region Südostasien“, meint Sidney Jones, Direktorin des Instituts für Konfliktanalyse (IPAC) in Jakarta. Frauen, die den IS bisher aus dem Hintergrund unterstützt hatten, als Mütter oder Gattinnen von Dschihadisten, wollten eine aktivere Rolle, heißt es in einer Studie: „Und sie drängen die Männer dazu, ihnen eine zu geben.“

Warum sich Frauen zu Terrorgruppen hingezogen fühlen, weiß die kanadische Terrorforscherin Mia Bloom. Zentral sei dafür oft die Beziehung zu einem Dschihadisten, dem sie dann folgen. Von politischem und religiösem Engagement bis zur Ausführung eines terroristischen Aktes sei es allerdings ein langer Weg, sagen Experten. Dabei spiele aber der Kontakt mit Gruppen, die eine fundamentalistische Auslegung der Religion verfolgen, eine wichtige Rolle. Soziale Medien seien für Frauen heute das Instrument der Wahl, kommt IPAC in einer Studie zum Schluss.  „Frauen können an radikalen Chaträumen teilnehmen, Männer treffen, IS-Propaganda lesen, ihre Hoffnungen und Wünsche ausdrücken und gleichgesinnte Freund finden – alles in der relativen Sicherheit verschlüsselter Nachrichten“. Die Beinahe-Attentäterin Dian Novi hatte den Auftrag zum Mord von ihrem IS-Agenten über den Sofortnachrichtendienst Messenger erhalten.

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