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19.11.2016

15:57 Uhr

Frauenrechte

Einsamer Kampf in Marokko

Nabila Mounib gehört zu den wenigen Frauen in einem politischen Spitzenamt in der arabischen Welt. Sie kämpft nicht nur für Gleichberechtigung, sondern probt auch den Spagat zwischen Beruf und Familie.

„Ich will ein Vorbild sein, ein historisches Vorbild, ein erfolgreiches Vorbild“, sagt die Professorin für Endokrinologie. AP

Nabila Mounib

„Ich will ein Vorbild sein, ein historisches Vorbild, ein erfolgreiches Vorbild“, sagt die Professorin für Endokrinologie.

CasablancaAuf diesen Moment hat Nabila Mounib ihr Leben lang hingearbeitet: Die Marokkanerin führte ihre linkssozialistische Partei in die Parlamentswahlen im vergangenen Monat. Und trotz ihrer Niederlage bleibt die 56-Jährige eine Ikone im Kampf für Gleichstellung und eine einsame Spitzenpolitikerin in der traditionell von Männern dominierten arabischen Welt.

„Ich will ein Marokko, wo Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau bedeutet, dass eine Frau sowohl in einem Hidschab als auch in Shorts vor die Tür gehen kann und glücklich darüber sein kann, eine Frau zu sein“, sagte Mounib, nachdem ihre Vereinigte Sozialistische Partei zusammen mit zwei Bündnispartnern bei der Wahl am 7. Oktober den Einzug ins Parlament verfehlt hatte.

Wie sicher sind Marokko, Algerien und Tunesien?

„Sichere Herkunftsstaaten“?

Union und SPD wollen Marokko, Algerien und Tunesien als weitere „sichere Herkunftsstaaten“ einstufen. Ein Herkunftsland kann dann „sicher“ genannt werden, wenn „gewährleistet erscheint, dass dort weder politische Verfolgung noch unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung stattfindet“. Menschenrechtsorganisationen bezweifeln, dass dies in den Ländern überall der Fall ist. (Quelle:dpa)

Regime-Kritiker

Regime-Kritiker werden Amnesty International zufolge sowohl in Marokko als auch Algerien verfolgt. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und Demonstrationen sei eingeschränkt. Aktivisten würden belästigt und manchmal auch inhaftiert. In dem vom Wirtschaftsmagazin „The Economist“ berechneten Demokratieindex 2014 werden die beiden Länder als autoritäre Regime eingestuft.

Gleichgeschlechtliche Handlungen

Gleichgeschlechtliche Handlungen sind in allen drei Ländern verboten und strafbar. Tunesien, das als einziges Land als Demokratie aus den arabischen Aufständen hervorgegangen war, hatte 2014 eine neue Verfassung beschlossen, die die persönliche Freiheit eigentlich garantieren soll. Jedoch steht Human Rights Watch zufolge auf gleichgeschlechtlichen Sex nach wie vor Haft von bis zu drei Jahren.

Folter

Immer wieder wird aus Marokko und Tunesien auch von Folter berichtet. So wurden in Tunesien Menschenrechtlern zufolge Festgenommene im Gewahrsam vor allem während der Befragungen zu Straftaten gequält.

Todesstrafe

Die Todesstrafe wird in Tunesien, Algerien und Marokko zwar seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr vollstreckt, trotzdem kann die Strafe in den Ländern immer noch verhängt werden.

Pressefreiheit

Die Presse in Marokko und Algerien wird als nicht frei eingestuft. Journalisten in Marokko werden eingesperrt und unter anderem der Anstiftung zum Terrorismus beschuldigt. In Algerien wurde Amnesty zufolge ein kritischer TV-Sender geschlossen.

Die Professorin für Endokrinologie ist die ranghöchste Politikerin in ihrem Heimatland. Bei der Wahl strebte die dreifache Mutter selbst ein Abgeordnetenmandat an. Die Probleme der Vereinbarkeit von Familie und Beruf kennt sie gut. Noch vor Bekanntgabe des Wahlergebnisses verabschiedete sie sich auf einer Wahlparty von ihren Anhängern, um nach Hause zu fahren und ihrem Sohn bei den Hausaufgaben zu helfen.

In der arabischen Welt hat Mounib als Frau in einem hohen politischen Amt noch immer Exotenstatus. Marokko liegt mit Blick auf die Geschlechterkluft in der Politik laut dem Weltwirtschaftsforum auf Platz 97 von 145 Staaten. Viele andere Länder in der Region liegen noch darunter.

Trotz der Hoffnungen, die der Arabische Frühling vor fünf Jahren geweckt hatte, sind in der Region nur 17,6 Prozent aller Parlamentssitze mit Frauen besetzt. Das ist der zweitniedrigste Anteil weltweit. In Marokko liegt er bei 20,5 Prozent, was vor allem an einer Frauenquote liegt.

Mounib hat nach eigenen Worten früh gelernt, dass Frauen mehr leisten müssen als Männer, um sich zu bewähren. „Frauen müssen sich bei allem, was sie tun, besonders anstrengen“, sagte die 56-Jährige. „Mein Hauptmotiv, um in die Politik zu gehen, war, diese Höhen zu erreichen und die Mauern dorthin für andere Frauen einzureißen. Ich will ein Vorbild sein, ein historisches Vorbild, ein erfolgreiches Vorbild.“

Der zweiwöchige landesweite Wahlkampf im Herbst lastete schwer auf ihren Schultern. „Ich spüre diesen Druck, wenn ich ehrlich bin“, sagte die Politikerin. Bei ihren Kundgebungen hörte ihr das überwiegend männliche Publikum ohne Zwischenrufe und Unterbrechungen zu. Vielleicht kamen Mounib dabei ihre lebhafte, zupackende Art und ihre kraftvolle Stimme zugute. „Unsere Gesellschaft bringt uns bei, schüchtern und zurückhaltend zu sein“, sagte sie. „Ich war schon immer sehr geradeheraus.“

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