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06.06.2014

07:52 Uhr

Frauenrechte

Indischer Minister sagt, Vergewaltigung sei richtig

In Indien wird alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt. Das sei manchmal richtig und manchmal falsch, sagt ein Regionalminister der indischen Regierungspartei. Seine Partei distanziert sich von ihm.

Aktivisten demonstrieren in Indien gegen den Umgang der Regierung mit Vergewaltigungen: Ein Regionalminister sagte, es könne ermittlungstechnisch „nichts getan werden, solange es keine Anzeige gibt“. dpa

Aktivisten demonstrieren in Indien gegen den Umgang der Regierung mit Vergewaltigungen: Ein Regionalminister sagte, es könne ermittlungstechnisch „nichts getan werden, solange es keine Anzeige gibt“.

Neu DelhiEin Regionalminister der indischen Regierungspartei hat die grassierende sexuelle Gewalt gegen Frauen in seinem Land drastisch verharmlost und sogar ansatzweise verteidigt. Vergewaltigung sei „ein soziales Verbrechen, das von Männern und Frauen abhängt“, sagte der Innenminister des Bundesstaats Madhya Pradesh, Babulal Gaur, am Donnerstag vor Journalisten. „Manchmal ist es richtig, manchmal ist es falsch.“ Jedenfalls könne ermittlungstechnisch „nichts getan werden, solange es keine Anzeige gibt“.

Gaur gehört der Bharatiya-Janata-Partei (BJP) des indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi an. In Indien war die gesellschaftliche Entrüstung über sexuelle Gewalt gegen Frauen zuletzt deutlich gewachsen, nachdem mehrere brutale Fälle an die Öffentlichkeit gelangt waren. Während Modi die Einlassungen seines ausgerechnet für Recht und Ordnung zuständigen Parteifreunds zunächst nicht kommentierte, distanzierte sich die BJP von Gaur. Dessen Ansichten repräsentierten nicht die der Partei, hieß es.

Chronologie zur tödlichen Vergewaltigung in Indien

16.12.2012

Eine 23 Jahre alte Physiotherapie-Studentin wird in einem privaten Bus in Neu Delhi von sechs Männern vergewaltigt. Die Täter schlagen die Frau und einen Freund, der sie begleitet, und misshandeln sie mit zwei Eisenstangen.

17.12.

Die Polizei nimmt vier Verdächtige fest, später noch zwei weitere. Das Opfer schwebt in Lebensgefahr.

18.12.

Demonstranten gehen in mehreren Städten auf die Straße und fordern die Todesstrafe für Vergewaltiger. Die Opposition fordert im Parlament schärfere Gesetze, um Vergewaltigungen zu stoppen.

22.12.

Nach kleineren Studentenprotesten gehen in Neu Delhi Tausende auf die Straße. Die Polizei setzt Schlagstöcke, Tränengas und Wasserwerfer gegen die Menge ein.

23.12.

Die Proteste schlagen in Gewalt um - laut Polizei, weil sich Krawallmacher unter die Protestierenden mischen. Es gibt mehr als 100 Verletzte auf beiden Seiten.

25.12.

Ein Polizist, der bei den Demonstrationen verletzt worden war, stirbt im Krankenhaus.

26.12.

Die indische Regierung ordnet eine Untersuchung des Falls an. Die Kommission soll mögliche Versäumnisse der Polizei und anderer staatlicher Stellen herausfinden. Sie soll auch Maßnahmen für mehr Schutz und Sicherheit von Frauen vorschlagen.

27.12.

Der Gesundheitszustand der 23-Jährigen verschlechtert sich rapide, sie erleidet Hirnschäden und wird nach Singapur in eine Klinik für Organtransplantationen ausgeflogen.

29.12.

Die junge Frau stirbt an Organversagen. Tausende demonstrieren erneut gegen sexuelle Gewalt und für mehr Frauenrechte.

30.12.

Die Leiche der vergewaltigten Inderin wird in Neu Delhi nach traditionellen Riten verbrannt. Zwischen Demonstranten und Polizei kommt es erneut zu Auseinandersetzungen.

3.1.2013

Die Justiz erhebt Anklage wegen Mordes, Vergewaltigung und Entführung gegen fünf Beschuldigte. Ihnen droht die Todesstrafe. Das Alter des sechsten Beschuldigten wird noch geprüft.

4.1.

Indiens Innenminister kündigt an, die Regierung werde Gewalt gegen Frauen künftig „mit eiserner Hand“ bekämpfen.

5.1.

In einem Interview erhebt der Begleiter des Opfers schwere Vorwürfe. Passanten hätten zunächst nicht geholfen, die Polizisten überdies wertvolle Zeit verschwendet. Die Polizei weist dies zurück.

9.1.

Der Anwalt eines Beschuldigten behauptet, sein Mandant sei von Polizisten misshandelt worden, um ein Geständnis zu erzwingen.

14.1.

Mit mehreren Anträgen versuchen die drei Anwälte der Angeklagten, den Prozessbeginn hinauszuzögern.

16.1.

Eines der neuen Schnellgerichte, die nach dem Tod der Studentin eingesetzt wurden, fällt sein erstes Urteil und verhängt die Todesstrafe. Ein Mann hatte ein Kind missbraucht und ermordet.

13.03.2014

Der Fall der 23-Jährigen wurde von einer Richterin im Januar 2013 an ein Schnellgericht in Neu Delhi übergeben, landesweit sollen 2000 neue Richter für solche Schnellgerichte eingestellt werden. Im September 2013 sprach das Schnellgericht bereits Todesurteile gegen die meisten der Angeklagten aus. Nun bestätigte ein normaler Gerichtshof in Neu Delhi die Entscheidung, welche die Verteidigung angefochten hatte.

Die Diskriminierung von Frauen in der indischen Gesellschaft und gegen sie gerichtete, oftmals sexuell motivierte Gewaltverbrechen sorgen im In- und Ausland immer wieder für Schlagzeilen. So waren in einem Dorf des Bundesstaats Uttar Pradesh in der vergangenen Woche die Leichen zweier zwölf und 14 Jahre alter Cousinen gefunden worden, die mehrfach vergewaltigt und dann an einem Baum aufgehängt worden waren. Im Dezember 2012 löste die tödliche Gruppenvergewaltigung einer jungen Studentin in Neu Delhi Massenproteste gegen die alltägliche Gewalt gegen Frauen aus.

Seitdem wurden die Strafen für Vergewaltigung zwar verschärft - so steht etwa auf Vergewaltigung mit Todesfolge die Todesstrafe. Frauenrechtsaktivisten zufolge werden Sexualverbrechen jedoch in vielen Fällen bis heute nicht ernsthaft geahndet. Nach Angaben der Regierung wird in Indien alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt. Aktivisten gehen aber von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus, da die Opfer sexueller Gewalt häufig sozial geächtet werden.

Von

afp

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