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19.01.2015

14:49 Uhr

Freiburger Forscher warnen

Griechenland mit Finanzhilfen nicht mehr zu retten

VonDietmar Neuerer

Die Schuldenmisere Griechenlands verschärft sich deutlich. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Freiburger Forschern. In einem Schuldenerlass sehen sie aber keine Lösung, weil das Problem ein anderes ist.

Immer mehr Euros für Athen sind keine Lösung, meinen Forscher aus Freiburg. dpa

Immer mehr Euros für Athen sind keine Lösung, meinen Forscher aus Freiburg.

BerlinEine Wiedererlangung der Kreditfähigkeit Griechenlands ist nicht absehbar, das Land wird auf unbestimmte Zeit Finanzhilfen benötigen. Das ist das zentrale Ergebnis einer Studie des Centrums für Europäische Politik (CEP) in Freiburg.

Die Ursachen für die Misere des Mittelmeerstaats beschreiben die Forscher in ihrem „Default-Index“. Der Index beschreibt die Entwicklung der griechischen Kreditfähigkeit. Ausschlaggebend hierfür ist nicht ausschließlich die Betrachtung der Staatsschulden oder des öffentlichen Defizits, zumal es aus Sicht der Experten weniger auf die Verschuldung der öffentlichen Hand insgesamt als auf ihre Verschuldung gegenüber ausländischen Kreditgebern ankommt.

In den Blick genommen werden auch die Auslandsverschuldung von Haushalten und Unternehmen, insbesondere auch der Finanzwirtschaft, da dadurch die Kreditfähigkeit eines Landes ebenfalls gefährdet werden kann. Der CEP-Index misst daher, wie sich die Fähigkeit einer Volkswirtschaft insgesamt zur Rückzahlung ihrer Auslandskredite entwickelt. Er berücksichtigt neben dem Staat auch das Kreditverhalten der Banken, Unternehmen und Konsumenten. Der Index setzt überdies am Gesamtwirtschaftlichen Finanzierungssaldo (GFS), der den Auslandskreditbedarf einer Volkswirtschaft abbildet, und am Niveau der kapazitätssteigernden Investitionen einer Periode an.

Demnach verfällt die Kreditfähigkeit Griechenlands nach wie vor ungebremst. Die Reformen der vergangenen Jahre und die massiven Finanzhilfen in Höhe von 234 Milliarden Euro hätten daran nichts geändert, konstatieren die CEP-Forscher. Lediglich 2012 habe der Verfall der griechischen Kreditfähigkeit leicht gebremst werden können. In jenem Jahr sei sie „nur“ mit einem Indexwert von minus 8,7 erodiert.

Seither habe sich der Verfall wieder beschleunigt. Der Wert des CEP-Default-Indexes für das erste Halbjahr 2014 betrage minus 10,1. „Er ist damit auf das Niveau der Jahre 2009/2010 zurückgekehrt, als die Insolvenz Griechenlands unmittelbar bevorstand und ohne internationale Rettungen unausweichlich gewesen wäre“, heißt es in der Analyse.

Griechenland – Gefahrenherd für Europa?

Der ESM

Anders als zu Beginn der Krise, als Politiker auf hektischen Gipfeltreffen mit improvisierten Maßnahmen der Probleme Herr zu werden versuchten, verfügt die Eurozone heute über eine Institution, die speziell für die Rettung angeschlagener Mitglieder geschaffen wurde. Der Europäische Stabilitäts-Mechanismus (ESM) kann Staaten im Notfall mit bis zu 500 Milliarden Euro beispringen. Staaten können Hilfen auch beantragen, wenn Kapitallücken im Bankensystem klaffen.

Die Lage der anderen Krisenländer

Neben Griechenland mussten während der Eurozonen-Krise auch Portugal, Irland und Zypern unterstützt werden. Anders als damals gibt es heute aber keine auf der Hand liegenden Kandidaten mehr, auf die eine Krise überspringen könnte. Die Lage der Staatsfinanzen in Portugal und Irland hat sich deutlich verbessert, in Spanien wuchs die Wirtschaft zuletzt wieder kräftig. Nur bei den Schwergewichten Frankreich und Italien sind kaum Fortschritte beim Abbau des Haushaltsdefizits und den Strukturreformen zu verzeichnen.

Die EZB

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Finanzmärkten klar gemacht, dass sie den Euro verteidigen will. Im Juli 2012 erklärte EZB-Präsident Mario Draghi, man werde „alles Erforderliche“ tun, um den Euro zu retten. Seitdem hat die EZB ihre Geldpolitik deutlich gelockert. Die Märkte erwarten, dass die EZB im ersten Quartal 2015 den breit angelegten Kauf von Staatsanleihen verkünden wird. Dank der Käufe dürften Euroländer ihre Haushalte zu besseren Konditionen finanzieren können. Das würde nicht nur Griechenland zugutekommen.

Das europäische Bankensystem

Beim Ausbruch der Eurozonen-Krise im Jahr 2010 fürchteten die Kapitalmärkte die Folgen einer griechischen Staatspleite für den europäischen Bankensektor. 2012 verzichteten private Gläubiger Griechenlands – darunter auch Banken – auf die Rückzahlung von 100 Milliarden Euro Schulden. Im Vergleich dazu sind Europas Banken heute nicht mehr so stark in Griechenland engagiert.

Ursächlich für die schwierige Lage Griechenlands sei der schrumpfende Kapitalstock des Landes. Diese Entwicklung führe dazu, dass die griechische Wirtschaft immer weniger produziert. Seit 2010 sei das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um über 15 Prozent gesunken, seit 2008 sogar um 25 Prozent. Dadurch sei auch die Steuerbasis des Staates stetig zurückgegangen. „Griechenland“, resümieren die Experten, „hat sich damit immer weiter von dem Ziel entfernt, die öffentliche Schuldenlast von inzwischen 315 Milliarden Euro durch zusätzliche Steuereinnahmen stabilisieren zu können.“

Kommentare (55)

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Horst Schmidt

19.01.2015, 12:59 Uhr

Genau , dies ist entscheidend:
„dass zukünftige Entscheidungen der griechischen Regierung nicht mehr zu Lasten der anderen Euro-Staaten gehen“. Dies gelte sowohl bei einem Austritt als auch bei einem Verbleib in der Euro-Zone. „Eine Insolvenzordnung für Staaten“, so die Forscher, „ist dafür unverzichtbar.“

Herr Daniel Huber

19.01.2015, 13:01 Uhr

@ Deutscher Bundestag
Seit einem Jahrtent wurden meine Mitbürger und ich von Ihnen betrogen, belogen und ausgenommen!
Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Herr Karl Heinz Hellenkamp

19.01.2015, 13:09 Uhr

Das wundert niemanden, außer Herrn Schäuble und Frau Merkel.

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