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19.02.2013

10:48 Uhr

Freihandel USA-Europa

Der Transatlantik-Rabatt

VonJan Mallien

Die Chancen für echten Freihandel zwischen Europa und den USA wachsen, Merkel und Obama meinen es ernst. Davon würde nicht nur die Industrie profitieren, sondern vor allem der Verbraucher auf beiden Seiten des Atlantiks.

Die Verbraucher wären die Hauptprofiteure von freiem Handel über den Atlantik.

Die Verbraucher wären die Hauptprofiteure von freiem Handel über den Atlantik.

DüsseldorfEs gibt nur wenige Themen bei denen sich Ökonomen wirklich einig sind. Eines davon ist der Freihandel - und seine Vorteile für die Allgemeinheit. Wenn Länder den Handel durch Zölle und Bürokratie bremsen, vernichten sie Wohlstand. Zerstören sie diese Barrieren, kommt das allen Handelspartnern zugute. Merkwürdig nur, dass die Verhandlungen über ein weltweites Handelsabkommen seit ewigen Zeiten nicht vorankommen. Aber genau das wollen die USA und die EU jetzt verändern.

Auf Drängen von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat US-Präsident Barack Obama den ersten wichtigen Schritt gemacht. In seiner Rede zur Lage der Nation kündigte er "die Aufnahme von Gesprächen über eine umfassende Handels-und Investmentpartnerschaft mit der Europäischen Union“ an. Das war der Startschuss für konkrete Verhandlungen zwischen den USA und der EU, die bereits im Juni beginnen und bis 2016 zu einem transatlantischen Freihandelsabkommen führen sollen.

Rede zur Lage der Nation: „Freier und fairer Handel über den Atlantik“

Rede zur Lage der Nation

„Freier und fairer Handel über den Atlantik“

US-Präsident Obama startet seine zweite Amtszeit mit einer Wirtschaftsoffensive.

Damit würde ein gigantisches Gebiet mit mehr als 800 Millionen Menschen entstehen, die bereits jetzt quer über den Atlantik Waren und Dienstleistungen im Wert von 1,9 Milliarden Euro austauschen - Tag für Tag. Ein solcher Schritt würde auch den Verhandlungen über ein weltweites Abkommen neuen Schub verleihen.

In Deutschland jubilieren vor allem die Exporteure. "Jedes bisschen Freihandel hilft", sagte der Geschäftsführer des Außenhandelsverbands BGA, Jens Nagel. Besonders der Mittelstand erspare sich einen ganzen Berg an Papierkram.

Woran der transatlantische Handel krankt

Agrar

Die EU verlangt eine Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln, die USA tun das nicht. Mit Chlor behandelte Hühnchen sind den Europäern ebenfalls ein Graus. Die Auffassungen gelten als schier unvereinbar. Die Handelskammer AmCham empfiehlt deshalb, derlei Themen außen vor zu lassen, wolle man die Gespräche nicht unnötig belasten.

Autobau

Eine Angleichung technischer Standards ist wünschenswert. Die zahlreichen Unterschiede fangen bei der Länge der Stoßstangen an und hören bei der Farbe des Blinkers auf. Zudem sind die USA das einzige Land, das die CO2-Gesetzgebung auf Basis der Fläche eines Autos bestimmt. In Europa ist das Gewicht die Bezugsgröße.

Dienstleistungen

Das Abkommen soll komplexe und bisher sehr unterschiedlich regulierte Dienstleistungen wie Versicherungen oder Finanzprodukte erfassen. Kritische Beobachter halten es für unrealistisch, dass ein Freihandelsabkommen all diese Regeln harmonisieren kann.

 

Herkunftsbezeichnung

Nur wo Schinken aus Parma drin ist, soll auch "Parma-Schinken" drauf stehen dürfen. So wollen das die Europäer - freilich auch für andere Produkte. Die Amerikaner nehmen es damit nicht so genau.

Öffentliche Aufträge

Auf Bundesebene sind die USA an WTO-Regeln gebunden, die ausländischen Firmen die Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen erlauben. Auf lokaler und einzelstaatlicher Ebene verfolgen die Administrationen oft jedoch eine "Buy-American-Politik".

 

Pharmazie

Problematisch ist die Unabhängigkeit der verschiedenen Regulierungsbehörden. Die Frage ist zum Beispiel, ob die US-Arzneimittelbehörde FDA ohne weiteres eine europäische Zertifizierung akzeptieren kann. Das Gleiche gilt im umgekehrten Fall.

 

Sicherheit

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben den Warenaustausch erschwert. So nennt der BDI die Sicherheitsstandards in den US-Häfen als ein echtes Handelshemmnis. Die Kosten seien immens, für beide Seiten. Europas Firmen wollen weg von Pauschalbestimmungen, hin zu risikobasierten Regeln. Beim Thema Sicherheit stößt der freie Handel bei den Amerikanern aber an Grenzen.

Chemie

Verschiedene Regelungen gibt es bei Meldepflichten, Grenzwerten und Umweltauflagen. Eine Harmonisierung ist überfällig.

Was dabei leicht vergessen wird: Der größte Gewinner wären nicht die Unternehmen sondern die europäischen Verbraucher. „Unterm Strich profitieren von einem Freihandelsabkommen hauptsächlich die Verbraucher in Form sinkender Preise,“ sagt der Außenhandelsexperte Holger Görg vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Es gehe um einen überschaubaren Effekt, den man auf längere Sicht aber in der Tasche merke.

Kommentare (35)

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Kopfschuettel

19.02.2013, 11:22 Uhr

Immer noch nichts gelernt - Freihandel mit Maßen ist vernünftig, aber nicht in dieser Dimension - und nicht im Bett mit dem äußerst aggressiven, nicht nachhaltig orientierten Finanzkapitalismus angelsächsischer Prägung - den Vorteilen für Verbraucher steht die Zerstörung der letzten Arbeitsplätze gegenüber - der Kontrollverlust der Bürger über ihre res publica - viel sinnvoller für Deutschland wäre ein begrenztes Freihandelsabkommen mit Rußland, Know How vereinigt sich mit Rohstoffreichtum zum beiderseitigen Vorteil, und zur langfristigen Demokratisierung Rußlands.

Wutbuerger

19.02.2013, 11:32 Uhr

Dann kommen die preiswerten Autos aus den USA mit Stern z.B: Dann kann Frau Merkel weiterhin mit den anderen Blockpartein sich noch mehr Geld für Hartz IV pumpen.

itstk

19.02.2013, 11:33 Uhr

Vielleicht sollte man vor dem Andenken einer transatlantischen Freihandelszone ja auch erst mal die europäische fertigbauen.

Schon mal versucht, in Österreich, den Niederlanden oder Frankreich was Reales per Nachnahme zu bestellen? Geht nicht! Weil die jeweils nationalen Zahlsysteme für "Cash On Delivery" noch immer nicht zueinander kompatibel sind. Betrifft ja auch nur die kleine Laus in der Wahl-Wett-Kabine...

Die Fiat-Money-Logistik für europaweite Kapital- und Steuerschiebereien in Milliardenhöhe funktioniert dagegen schon perfekt, wie wir alle seit Monaten "erleben" dürfen...

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