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07.10.2011

15:41 Uhr

Friedensnobelpreis

Ellen Johnson Sirleaf hat erst die halbe Strecke bewältigt

VonWolfgang Drechsler

Der Nobelpreis für Johnson Sirleaf rückt Liberia ins Scheinwerferlicht: Die erste Präsidentin Afrikas hat das Bürgerkriegsland stabilisiert, aber mehr nicht. Daher strebt „Ma Ellen“ nun doch eine zweite Amtszeit an.

Ellen Johnson Sirleaf, Präsidentin von Liberia. dpa

Ellen Johnson Sirleaf, Präsidentin von Liberia.

KapstadtSoviel Afrika hat es zur Verleihung eines Friedensnobelpreises noch nie gegeben. Ausgerechnet an dem Tag, an dem Desmond Tutu,  ein weiterer Nobelpreisgewinner, seinen 80. Geburtstag feierte, wurde der Preis zeitgleich in Oslo an drei Frauen verliehen,  zwei davon aus Tutus Kontinent: Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf und die ebenfalls in dem westafrikanischen Land aktive Bürgerrechtlerin Leymah Robert Gbowee, die mit ihrer Friedens- und Frauenorganisation einen maßgeblichen Beitrag zur Beendigung des blutigen Bürgerkriegs in dem Land leistete. Bei der dritten Preisträgerin  handelt es sich um Tawakkul Karman aus Jemen.

Am ehesten erwartet aber  auch am umstrittensten ist die Verleihung des Preises an Ellen Johnson Sirleaf, die erste weibliche Präsidentin in Afrika. Seit Januar 2006 regiert „Ma Ellen“ wie sie im Volksmund heißt, das von einem 14 Jahre langen Bürgerkrieg ruinierte Land in Westafrika. Ihre Gegner sehen in ihr jedoch vor allem eine Vertreterin der amerikanisch-liberianischen Elite, Abkömmlingen befreiter Sklaven aus Nordamerika, die den winzigen westafrikanischen Staat 1847 gründeten und bis 1980 regierten (anders als fast der ganze Rest des Kontinents wurde Liberia nie kolonisiert).

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In jenem Jahr kam es auch zu einem blutigen Putsch, dem der Präsident und 13 Minister zum Opfer fielen. Johnson Sirleaf, die damals Finanzministerin war, wurde von dem wirtschaftlich völlig unerfahrenen Coupführer Samuel Doe zur Chefin der liberianischen Entwicklungsbank ernannt und seine informelle Beraterin. Doch als sie Leute im Umkreis des neuen Führers kritisierte, wurde Johnson Sirleaf prompt verhaftet und entging nur knapp dem Tod.

Nach ihrer Freilassung floh sie in die USA, wo sie unter anderem für die Weltbank und die Vereinten Nationen arbeitete, aber stets in enger Verbindung zu Liberia blieb. Nach der Ermordung Does kehrte sie heim und kandidierte 1997 noch ohne Erfolg gegen den Warlord Charles Taylor, der Liberia in einen Bürgerkrieg stürzte - und nach seinem Sturz zunächst 2005 ins Exil nach Nigeria ging und heute vor dem Kriegsverbrechertribunal in den Haag auf sein Urteil wartet.

Ihre engen Bande zur Heimat erklären auch, warum die liberianische Versöhnungskommission, die die Vergangenheit des Landes aufarbeitet,  Johnson Sirleaf vorlud und beschuldigte, eine Mitschuld am 14jährigen Bürgerkrieg zu tragen. So wurde sie bezichtigt, Taylor beim Umsturz des Regimes Doe  unterstützt zu haben. Sie selbst hat diese offenbar tatsächlich vorhandene Verbindung später immer wieder bedauert.

Kommentare (1)

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Volkerseitz

08.10.2011, 16:33 Uhr

Danke für den ausgewogenen und kenntnisreichen Beitrag. Wolfgang Drechsler verschweigt auch nicht die Kritik an Ellen Johnson Sirleaf.
Der Nobelpreis für die beiden Liberianerinnen stärkt die Position afrikanischer Frauen.Afrikanische Gesellschaften sind immer noch patriarchalisch organisiert. Männer hatten immer mehr Rechte und Privilegien als Frauen. Der Mann ist-nach althergebrachten Denkweisen-der unumstrittene Chef der Familie, selbst wenn die Frau den täglichen Überlebenskampf organisiert.
In allen afrikanischen Ländern südlich der Sahara hängt aber der Kampf gegen Armut entscheidend von mehr Gleichberechtigung für Frauen ab. Einige starke Frauen in Afrika haben bereits vor Jahrzehnten begriffen, dass “Frauen, die nicht fordern, beim Wort genommen werden. Sie bekommen nichts”(Simone de Beauvoir).Vor der Afrikanischen Union in Addis Abeba am 13. Juni 2011 beendete Hillary Clinton ihre Rede mit dem großartigen Satz: “Wenn alle afrikanischen Frauen, vom Kap bis Kairo, sich entschlössen eine Woche nicht arbeiten, würde die gesamte Wirtschaft des Kontinents wie ein Kartenhaus zusammenfallen.”
Volker Seitz, Autor "Afrika wird armregiert"

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