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23.04.2012

06:26 Uhr

Front National

Das blonde Gift vom rechten Rand

VonThomas Hanke

Viele haben sie unterschätzt, jetzt ist Marine Le Pen die heimliche Siegerin der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl. Sie hat die rechtsextreme Front National zur drittstärksten Kraft gemacht.

Marine Le Pen führte die Front National zu über 18 Prozent der Wählerstimmen. AFP

Marine Le Pen führte die Front National zu über 18 Prozent der Wählerstimmen.

ParisAls einzige an diesem Wahlabend strahlte Marine Le Pen. Sie hat allen Grund: Die rechtsextreme Front National ist nicht nur die drittstärkste politische Kraft geworden und hat die Linksfront auf den vierten Platz verwiesen. Sie hat mit gut 18 Prozent auch ein deutlich besseres Ergebnis eingefahren, als alle Demoskopen vorausgesagt haben. "Das ist der Anfang von einer großen Sammlungsbewegung aller Patrioten von rechts und links, die Schlacht um Frankreich beginnt erst", heizte die 43-jährige ihren Anhängern ein. Ihre Partei erklärte sie zur "einzigen echten Opposition gegen die Parteien der Banken, der Finanzen und der Multis." Sie spielt geschickt mit klassischem rechtsradikalem Gedankengut, ohne sich Blößen zu geben.

Europas Zukunft entscheidet sich in Paris

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Frankreich wählt paradox: Es macht einen Sozialisten zum kaum zu schlagenden Favoriten für die Stichwahl und stärkt gleichzeitig die extreme Rechte. Marine Le Pen hat alles auf eine Strategie gesetzt, die in Frankreich "dédiabolisation" genannt wird. Sie hat die hässlichen rechtsradikalen Sprüche ihre Vaters verbannt - zum Ärger vieler Parteifreunde. Auch hetzt sie nicht vor allem gegen Zuwanderer und Muslime, sondern gibt sich als Verteidigerin der "Franzosen, die leiden." Konservative und Linke sind für sie die "Systemparteien". Weil sie die Globalisierung, den entgrenzten Kapitalismus, die Banken zu ihren Feinden erklärt, ist sie auch für enttäuschte und verwirrte Linkswähler akzeptabel. Dass sie gegen Zuwanderung ist, weiß sowieso jeder.

Fast ein Fünftel der Wähler - das macht die Front National zur stärksten rechten Kraft in Europa. Mit rechtspopulistischen Parteien ist sie nicht vergleichbar. Frankreich hat eine Tradition der extremen, antisemitischen, dem Nazismus zuneigenden Rechten. Das Land hat zwar die Geschichte der Kollaboration in den vergangenen Jahren vorbildlich aufgearbeitet. Doch was davor war, dass es auf der äußersten Rechten Frankreichs genügend Leute gab, die den Sieg der Nazis herbeisehnten, um mit Kommunisten und Juden aufräumen zu können, ist noch immer kein großes Thema. Das hat zur Folge, dass rechtsextremes Gedankengut in Frankreich nicht so diskreditiert und verpönt ist wie in Deutschland.

Die aktuellen Probleme kommen hinzu: Viele Franzosen sind von Europa enttäuscht. Sie hatten gehofft, dass die EU sie vor den Zumutungen der Globalisierung schützen würde wie eine Art Maginot-Linie. Die Anstrengung permanenter Anpassung und Modernisierung, so suggerierten gemäßigte Rechte wie Linke, könne dem Land erspart werden.
Le Pen setzt am wirtschaftlichen Niedergang des Landes an und kommt mit einfachen Lösungen: Grenzen dicht machen. Euro abschaffen. Ausländer rauswerfen. Und die Zinsen will sie senken, indem die Zentralbank Geld druckt.

Sarkozy hat im Wahlkampf nicht die Auseinandersetzung mit der extremen Rechten gesucht, sondern deren Themen aufgegriffen und verstärkt. Prominentestes Beispiel: Eine absurde Debatte über Halal-Fleisch. Erst bestritt Sarkozy, dass dies ein Problem sei, doch nur wenige Tage später schwenkte er um und behauptete, die großen Mengen geschächteter Tiere seien eines der ernstesten Probleme der Franzosen. Ähnlich lief es beim Thema Zuwanderung, wo Sarkozy den Tonfall verschärft hat, je stärker er in den Umfragen zurückfiel. Und bei der Schengen-Thematik: Auch hier läuft Sarkozy mit seiner Forderung, die offenen Binnengrenzen nötigenfalls dicht zu machen, hinter der Front National her. Unverantwortlich, dass die Bundesregierung ihn dabei noch unterstützt.

Bei dieser Wahl ist es gekommen, wie so häufig: Die Franzosen haben das Original gewählt, nicht die Imitation. Bedenklich ist, dass dieser Prozess der politischen Infantilisierung sich nicht so leicht zurückdrehen lässt, wie Sarkozy ihn befördert hat.

Hollande und Sarkozy eröffnen Kampf um Stichwahl

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Kommentare (18)

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hb-leser

23.04.2012, 08:14 Uhr

Der Artikel gibt den Wahlkampf in gekürzter Form wieder. Dabei zeigt sich die ganze Tragik und die Verblendung unserer "Wahren Europäer wie Sarkozy und Merkel: Sobald es eine echte Opposition gibt, stellen die bisherigen Despoten erschüttert Schritt für Schritt fest, dass sie das "Totale Europa" ohne die Mehrheit der Menschen Europas ausgerufen haben. Diese Wahl hat dem ersten Despoten die demokratische Maske heruntergerissen. Gut, dass es momentan noch Wahlen gibt in der EUdSSR. Und schön für Frankreich, dass es eine Opposition hat. Armes Deutschland.

@ rokober: Es ist doch herzlich egal, ob Goldman jüdisch, muselmanisch, halal, haram oder sonstwas ist. Die Taten zählen.

Leopold

23.04.2012, 08:44 Uhr

Der Trend der Zeit
Diese Partei fehlt uns in Deutschland. Eine Partei, die die Kritik an der EU und den diversen Rettungsaktivitäten artikuliert. Sarkozy hat sich an Merkel orientiert, dabei ist deren Kurs in Deutschland schon lange nicht mehr vom Volk mitgetragen. Kompliment an LePen.

sterbende_demokratie

23.04.2012, 09:04 Uhr

Herrlicher Artikel, er erinnert so ungemein an die "reale Berichterstattung" der früheren DDR. Vor ca. 20 Jahren als es in Deutschland in Teilen noch eine echte vierte Staatgewalt gab hätte diese den Artikel sicherlich sofort als Propaganda eingestuft –zu Recht.

Aber auch die linkspopulistische Journaille wird noch erkennen dass die Menschen in Eu-ropa offensichtlich die Nase voll haben. Sie wollen dem Brüsseler Molloch nicht in die Fußstapfen einer (EU)DSSR_2.0 folgen. Und natürlich sind die Franzosen von der EU ent-täuscht, welche Nation ist es denn nicht? Wem hat dieses Geldvernichtende Inkompetenz-Zentrum mit seinem Monopolygeld denn nicht geschadet? Diese Zentralisierung hat Europa an den Rand des Abgrunds geführt. Möglicherweise sind „einfache“ Lösungen demzufolge auch nicht ganz falsch. „Komplizierte“ Rettungsschirm-Orgien auf Kosten der Steuerzahler haben schließlich auch nicht geholfen!


Und wenn das Thema Multikulti permanent zum Tabuthema bzw. im Sinne linker politischer Korrektheit ausschließlich zur Islamphobie degradiert, wird darf sich die linke Politikcouleur nicht wundern wenn die Menschen zu den konservativ Rechten wechseln.

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