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03.01.2005

07:33 Uhr

Fünf Millionen Menschen von Grundversorgung abgeschnitten

Die Hilfe kommt nur schleppend an

Auch acht Tage nach der verheerenden Flut warten trotz aller Anstrengungen noch immer Zehntausende auf Hilfe. Das räumte der UN-Nothilfekoordinator Jan Egeland am Sonntag in New York ein. Die Helfer benötigten unter anderem mehr Hubschrauber, um Hilfsgüter in abgelegene Gebiete bringen zu können.

Die Hilfsmaßnahmen greifen auch in Sri Lanka nur schleppend. Foto: dpa

Die Hilfsmaßnahmen greifen auch in Sri Lanka nur schleppend. Foto: dpa

HB NEU DELHI/JAKARTA/COLOMBO. Es werde noch etwa drei Tage dauern, bis alle der rund 700 000 von der Flut Betroffenen in Sri Lanka mit Nahrungsmitteln und sauberem Wasser versorgt werden können. Noch deutlich mehr Zeit werde vergehen, bis die internationale Hilfe tatsächlich alle der rund eine Million Notleidenden in Indonesien erreiche, sagte Egeland. Insgesamt müssten inzwischen rund 1,8 Millionen Menschen mit Lebensmitteln versorgt werden. Zugleich gelte es, die Versorgung mit sauberem Wasser zu garantieren, um Cholera-Epidemien zu verhindern.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht weiter davon aus, dass in dem Krisengebiet am Indischen Ozean etwa fünf Millionen Menschen von jeder Grundversorgung abgeschnitten sind. Generalsekretär Kofi Annan sprach angesichts von möglicherweise deutlich mehr als 165 000 Toten von dem „schlimmsten Desaster, mit dem die Vereinten Nationen je zu tun hatten“ und kündigte für Donnerstag eine internationale Geberkonferenz in der indonesischen Hauptstadt Jakarta an.

Die internationalen Hilfszahlungen und Zusagen an Finanzmitteln sind inzwischen auf mehr als zwei Milliarden Dollar (etwa 1,5 Milliarden Euro) gestiegen. Unter Koordinierung der UN versuchen in den zwölf betroffenen Ländern Hunderte Organisationen zu helfen. Am 12. Januar wollen die im Pariser Club zusammengeschlossenen Gläubigerstaaten über ein Schuldenmoratorium für die betroffen Staaten in Asien beraten. Annan geht davon aus, dass der Wiederaufbau in den Krisengebieten fünf bis zehn Jahre dauern wird. Zugleich lobte er im US-Sender ABC die hohe Spendenbereitschaft. Papst Johannes Paul II. und andere ranghohe Vertreter der christlichen Kirchen hoben die weltweite Solidarität mit den Opfern als Zeichen der Hoffnung hervor.

Mit Beginn der Regenzeit wuchs in den Krisenregionen die Seuchengefahr. Sri Lankas Gesundheitsminister Nimal Siripala de Silva betonte aber am Sonntag in der verwüsteten Stadt Galle südlich von Colombo, bisher seien weder Cholera noch andere Seuchen ausgebrochen.

Am Sonntagmorgen erschütterten drei Nachbeben mittlerer Stärke die zu Indien gehörende Inselgruppe der Andamanen und Nikobaren. Angesichts der konstant hohen Vermisstenzahlen scheinen sich Befürchtungen zu bewahrheiten, dass die Flutwelle deutlich mehr als 165 000 Menschen den Tod gebracht haben könnte. Allein Indonesiens Regierung rechnet mit 100 000 Toten, offiziell bestätigt sind bisher knapp 80 000 Opfer. In Sri Lanka wurden 28 475 Tote gemeldet, Helfer befürchten dort mehr als 42 000 Opfer. Die beiden Länder sind am schwersten betroffen. Indien meldete 9 451 Tote, befürchtet werden über 13 000. In Thailand lag die bestätigte Totenzahl bei 4 985, darunter viele Touristen. Helfer rechnen dort mit 10 000 Toten. Um die zum Teil bereits bis zur Unkenntlichkeit entstellten und in der Hitze verwesenden Leichen zu identifizieren, sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes rund 300 Experten aus 19 Ländern im Einsatz. 32 deutsche Identifizierungsexperten arbeiteten in Thailand, 5 in Sri Lanka.

Die Zahl der identifizierten deutschen Flut-Toten erhöhte sich bis Sonntag auf 60. Die Zahl der Vermissten steige weiter und liege „sehr deutlich über 1000“, ergänzte der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Klaus Scharioth. In internen Beratungen hochrangiger Vertreter der Innenministerien von Bund und Ländern sei sogar von 3 200 vermissten Deutschen die Rede gewesen, berichtete die Zeitung „Die Welt“ (Montagausgabe). Nach Angaben des Auswärtigen Amtes wurden bislang 7 000 deutsche Urlauber zurückgebracht. Verletzt worden seien rund 300 Deutsche. Der Bundeswehr-Airbus „MedEvac“ hat über 90 Verletzte nach Köln gebracht und hob am Sonntagabend wieder in Richtung Thailand ab.

Ein zweiter „MedEvac“ soll von diesem Montag an startbereit sein. In dem indonesischen Katastrophengebiet Aceh im Norden der Insel Sumatra sind nach Angaben von Helfern inzwischen hunderttausende Verletzte und Obdachlose so geschwächt, dass sie bei dem derzeitigen Ausbruch von Durchfall- und Infektionskrankheiten kaum eine Chance haben. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerkes UNICEF leiden in der Region allein 700 000 Kinder an Krankheiten, Nahrungs- und Wassermangel, Verletzungen oder Traumata. Viele Betroffene in Aceh können weiter nur aus der Luft versorgt werden. Vom Flugzeugträger „USS Abraham Lincoln“ aus werden seit Samstag Betroffene über US- Hubschrauber versorgt. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) startete am Sonntag von Dänemark aus eine dreitägige Luftbrücke für 100 000 Menschen in Aceh. Die Bundeswehr will dort ein Lazarett einrichten.

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