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22.01.2006

19:45 Uhr

Fünf Tage Staatstrauer

Kosovo-Albaner suchen Nachfolger für Rugova

Die Albaner in der serbischen Provinz Kosovo haben am Sonntag mit der Suche nach einem Nachfolger für ihren verstorbenen Präsidenten Ibrahim Rugova begonnen. Der Politiker war am Samstag im Alter von 61 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Damit ist auch offen, wer die Provinz bei den geplanten Gesprächen mit Serbien über ihre Unabhängigkeit vertritt.

HB PRISTINA. Die albanische Bevölkerungsmehrheit möchte sich von dem serbischen Staat lösen, was die Regierung in Belgrad ablehnt.

Das Parlament des Kosovo hat zwar offiziell drei Monate Zeit, um einen neuen Präsidenten zu wählen. Der Beginn der Unabhängigkeitsgespräche wurde nach Rugovas Tod aber vom kommenden Mittwoch nur auf Anfang Februar verschoben. Die westlichen Unterstützer des Kosovos drängten zudem auf eine schnelle Lösung der Nachfolgefrage. Das Treffen unter Vermittlung der Vereinten Nationen (Uno) in Wien wäre das erste, bei dem beide Seiten über den künftigen Status der Provinz direkt verhandeln.

Doch Rugovas Demokratische Liga des Kosovo (LDK) - die größte Partei der Provinz - ist zersplittert. Der Uno-Sondergesandte Martti Ahtisaari forderte deshalb, „dass die politischen Führer des Kosovo ihrer Verantwortung gerecht werden, geeint zu bleiben.“ Zuvor hatten auch die Europäische Union (EU) und die Bundesregierung die Hoffnung geäußert, dass die Kosovo-Albaner Rugovas Ziel eines friedlichen und demokratischen Zusammenlebens treu blieben.

Das Parlament ordnete fünf Tage Staatstrauer an. Albanische Flaggen wurden auf Halbmast gesetzt. Trauernde strömten zu der Villa in der Provinzhauptstadt Pristina, wo Rugova gestorben war. Am Montag sollte er im Parlament aufgebahrt und am Donnerstag beerdigt werden. Der ursprünglich angesetzte Termin am Mittwoch wurde auf Wunsch seiner Familie verlegt.

Die Provinz steht seit 1999 unter Uno-Verwaltung. Für die Sicherheit sind Nato-Truppen zuständig, darunter rund 2700 Bundeswehr-Soldaten. 90 Prozent der zwei Mill. Einwohner sind Albaner. Zu ihren Gunsten griff die Nato 1999 in den Kosovo-Krieg ein und zwang mit Bombardements die serbischen Sicherheitskräfte zum Abzug aus der Provinz. Den Serben wurde vorgeworfen, in dem zweijährigen Krieg gegen Separatisten Gräueltaten an albanischen Zivilisten verübt zu haben. Ziel sei eine Vertreibung der Albaner gewesen.

Rugova setzte sich bereits nach der Aufkündigung der Autonomie des Kosovos 1989 durch den damaligen serbischen Machthaber Slobodan Milosevic für einen passiven Widerstand gegen die Herrschaft der Führung in Belgrad ein. Der studierte Literaturwissenschaftler, dessen Markenzeichen ein Seidenschal war, schuf einen Parallelstaat mit eigenen Institutionen, Schulen und Krankenhäusern. Während der Zeit der Balkan-Kriege verlor er seinen Einfluss an Gruppen, die die Unabhängigkeit mit Gewalt gewinnen wollten. In dem 1999 beginnenden gewaltsamen Aufstand der Kosovo-Befreiungsarmee UCK geriet der „Gandhi des Balkans“, wie er genannt wurde, schließlich ins politische Abseits.

Nach Kriegsende im Juni 1999 gelang Rugova allerdings ein Comeback: Er wurde zwei Mal Übergangs-Präsident der Region. Zudem führte er weiterhin die größte Partei, die regelmäßig die Wahlen gewann.

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