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26.12.2011

16:35 Uhr

Fukushima-Bericht

Tepco und Regierung handelten konfus und fehlerhaft

Unterschätzte Risiken, schlecht ausgebildete Mitarbeiter, mangelhafte Kommunikation, falsche Reaktionen nach der Katastrophe - eine Expertenkommission stellt dem Kraftwerksbetreiber Tepco ein verheerendes Zeugnis aus. Aber auch die Regierung bekommt ihr Fett weg. Der Bericht ist ein Dokument des Versagens.

Japans Premierminister Yoshihiko Noda (re.) nimmt den Zwischenbericht vom Vorsitzenden der Expertenkommission, Yotaro Hatamura, entgegen. Reuters

Japans Premierminister Yoshihiko Noda (re.) nimmt den Zwischenbericht vom Vorsitzenden der Expertenkommission, Yotaro Hatamura, entgegen.

TokioEine von der japanischen Regierung eingesetzte Expertenkommission hat dem Atomkraftwerks-Betreiber Tepco schwere Versäumnisse vor und während der Katastrophe von Fukushima vorgeworfen. In einem am Montag vorgelegten Zwischenbericht wird aber auch das Krisenmanagement der Regierung kritisiert. Die Reaktion der zuständigen Stellen auf den Atomfall nach dem Tsunami vom 11. März in Japan war demnach konfus und fehlerhaft.

Das Atomkraftwerk Fukushima war durch ein verheerendes Erdbeben und einen darauffolgenden Tsunami am 11. März schwer beschädigt worden. Die Zerstörungen in der Anlage lösten den weltweit schwersten atomaren Unfall seit Tschernobyl 1986 aus. Zehntausende Menschen wurden obdachlos, da ganze Städte wegen der radioaktiven Strahlung unbewohnbar wurden.

In dem Bericht werfen die Experten Tepco vor, die Gefährdung des Atomkraftwerks falsch eingeschätzt und Mitarbeiter nicht ausreichend ausgebildet zu haben. Die Belegschaft sei nicht in der Lage gewesen, Notlagen wie den Stromausfall nach dem Tsunami zu bewältigen. Tepco sei auch nicht auf eine 14 Meter hohe Tsunami-Welle vorbereitet gewesen, obwohl die Gefahr real gewesen sei. „Tepco rechnete nicht mit einer Situation, in der alle Stromquellen in mehreren Reaktoren wegen einer Naturkatastrophe gleichzeitig unterbrochen würden, und hat die Mitarbeiter nicht ausgebildet, darauf zu reagieren“, kritisierten die Fachleute.

Tepco habe zudem falsch auf die Katastrophe reagiert, hieß es in dem mehr als 500-seitigen Bericht, für den 456 Beteiligte befragt wurden. Die Kernschmelzen und das Entweichen radioaktiven Materials hätten begrenzt werden können, wenn in den Reaktoren 1 und drei früher Druck abgelassen worden und schneller Wasser zur Kühlung zugeführt worden wäre. Außerdem hätten die Arbeiter fälschlicherweise angenommen, dass ein Notkühlsystem funktioniere. Der Tsunami hatte die Notgeneratoren des Kraftwerks zerstört, wodurch die Reaktoren der Anlage nicht mehr gekühlt werden konnten und es zur Kernschmelze kam.

Auch sei die Kommunikation zwischen den Arbeitern mangelhaft gewesen. So hätten kleine Gruppen immer wieder Entscheidungen getroffen, ohne die Vorgesetzten darüber zu informieren. Die Kommunikation mit der Regierung funktionierte laut Bericht ebenfalls nicht. Laut Bericht waren die durch den Tsunami verursachten Schäden allerdings womöglich so schwer, dass es auch bei einer vorbildlichen Reaktion dennoch zur Kernschmelze gekommen wäre.

Kommentare (4)

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Vandale

26.12.2011, 17:41 Uhr

Im Nachhinein ist es einfach es besser zu wissen. Wenn man selber ein Projekt plant berücksichtigt man viele Dinge, manches eigentlich offensichtliche, gerät aus den Augen.
Als mein Vater (war an der Genehmigung der D KKW beteiligt)mir vor Jahrzehnten sagte dass man Kernkraftwerke in D auf ein Jahrtausendhochwasser hin auslege hielt ich dies angesichts des geringen Risikopotentials eines KKW's für übertrieben. Tsunamis sind in Japan offensichtlich recht häufig und wesentlich gefährlicher als ein Rheinhochwasser dass sich innerhalb von Tagen entwickelt. Insofern ist der mangelnde Schutz gegenüber Tsunamis in Japan sicherlich ein wesentliches Versäumnis von Tepco. Ähnliches gilt für die gemeinsame Unterbringung der Notstromdiesel und für den Verzicht auf Wasserstoffrekombinatoren.

Den Anlagenfahrern kann man nur begrenzt Vorwürfe machen. Nach der Flutwelle waren 2 Arbeiter ertrunken, mehrere verletzt. Die elektrischen Anlagen waren geflutet und unbrauchbar, es gab kein Licht in der Warte.

Es hätte einer schnellen und energischen Unterstützung von ausserhalb bedurft, Schiffe mit starken Generatoren und Pumpen.. um diesen teuren, 64 Mrd. $, Unfall zu verhindern.

Vandale

Vandale

26.12.2011, 17:50 Uhr

Bei den Reaktorunfällen von Fukushima sind insgesamt 5 Menschen ums Leben gekommen und es ist gem. der jap. Regierung ein Schaden von 64 Mrd. $ entstanden. Letzteres ist zu einem gutem Teil der der Propaganda geschuldeten Uebervorsicht mit andauernder Evakuierung und dem Abtragen einiger Mio. to Erdreich geschuldet.

Der eigentliche Schaden ist die miserablen Kommunikation in einigen Ländern geschuldet. Während man in den angelsächsischen Ländern sachlich berichtet hat so dass es Kommentare gab wie dass man durch die geringen Folgen 3er Kernschmelzen zum Kernenergiebefürworter geworden sei der Bau von KKW in den USA nicht unterbrochen wurde, in GB die Vorbereitungen nicht verzögert wurden, hat man in anderen Ländern das Feld ökoreligiösen Fundamentalisten überlassen. Diese haben mit viel Phantasie aus den Reaktorunfällen die langersehnte Atomendzeitkatastrophe herbeigeschrieben.

Der grösste Schaden ist in Deutschland, Abschaltung der umweltfreundlichen KKW min. 60 Mrd. € Schaden, Schweiz, Taiwan, Japan, entstanden.

Vandale

Gastredner

26.12.2011, 18:13 Uhr

Schön, dass das auch mal gesagt wird. Es waren schwere Versäumnisse, die zu diesem Unfall geführt haben: die Anlagen war nicht gegen die bekannten Risiken ausgelegt worden. Mit der Begründung "Restrisiko" und der Angst der Menschen werden aber bei uns Anlagen vom Netz genommen, bei denen genau diese Auslegung seit Jahren zum Standard gehört. Leider hat auch bei Fr. Merkel das Physikstudium solche unüberlegten Aussagen direkt nach Fukushima nicht verhindert. Der volkswirtschaftliche Schaden ist enorm.

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