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19.01.2007

10:24 Uhr

Furcht vor Kurdenstaat

Türkei erwägt Einmarsch im Nordirak

VonGerd Höhler

Pläne der irakischen Kurden für einen eigenen Staat sorgen in der türkischen Hauptstadt Ankara zunehmend für Unruhe. Das Parlament debattierte mögliche Reaktionen. Die Stimmen, die ein militärisches Vorgehen fordern, werden lauter.

Die Türkei will einen unabhängigen Kurdenstaat verhindern. Foto: dpa

Die Türkei will einen unabhängigen Kurdenstaat verhindern. Foto: dpa

ATHEN. Die Beratungen sollen am nächsten Dienstag hinter verschlossenen Türen fortgesetzt werden. Dann könnten die Abgeordneten die Regierung zu einer militärischen Intervention ermächtigen.

Die Vorbereitungen für eine solche Operation laufen seit langem. Bereits im vergangenen Frühjahr begann die Türkei, starke Truppenverbände an der Grenze zum Irak zusammenzuziehen. Neben den Aktivitäten der rund 5 000 in Nordirak vermuteten PKK-Rebellen, die von dort immer wieder zu Anschlägen in die Türkei vorstoßen, rückt jetzt der Konflikt um die nordirakische Stadt Kirkuk in den Mittelpunkt der türkischen Sorgen. Die irakischen Kurden beanspruchen die Vielvölkerstadt, in deren Umgebung 40 Prozent der irakischen Ölreserven lagern, als Hauptstadt eines künftigen Kurdenstaates.

Die Provinz Kirkuk liegt zwar noch außerhalb der kurdischen Autonomiezone. In einer Volksabstimmung sollen die Bewohner der Region aber bis Jahresende über einen Anschluss abstimmen. Im Vorfeld des Referendums siedeln sich jetzt immer mehr kurdische Familien in Kirkuk an; in türkischen Geheimdienstberichten ist von 600 000 Umsiedlern die Rede. Offenbar fördern die Behörden der Autonomiezone den Zuzug mit Geldprämien und der Zuteilung von Bauland.

Kurdische Politiker stellen die Zuwanderung als „Normalisierung“ dar, nachdem Saddam Hussein seit den 70er Jahren hunderttausende Kurden aus Kirkuk vertrieben und dort Araber angesiedelt hatte. Die türkische Regierung dagegen fürchtet eine „ethnische Säuberung“ zu Lasten der traditionell in Kirkuk lebenden ethnischen Türken, der Turkmenen. „Wir werden dieser Entwicklung nicht untätig zusehen“, warnte Ministerpräsident Tayyip Erdogan.

Vor einer drohenden Krise in Kirkuk warnen auch die Vereinten Nationen. In einem Bericht heißt es, Turkmenen und Araber sähen sich zunehmend Einschüchterungen und Festnahmen durch kurdische Sicherheitskräfte ausgesetzt. Die Uno-Beobachter sehen darin „Vorboten einer heraufziehenden Krise“, aus der ein „regionaler Flächenbrand“ entstehen könnte. Der US-Botschafter in Bagdad, Zalmay Khalilzad, bezeichnet die Kirkuk-Frage zwar als „innere Angelegenheit des Irak, in die ausländische Mächte nicht intervenieren sollten“.

In Ankara sieht man das jedoch anders. Hier geraten die USA in die Kritik, weil sie die PKK-Rebellen im Nordirak gewähren lassen und den kurdischen Ansprüchen auf Kirkuk nicht entgegen treten. Erdogan ging mit dem „angeblichen strategischen Verbündeten“ USA, wie er spitz formulierte, hart ins Gericht: Die USA erwarteten von der Türkei Hilfe in schwierigen Zeiten, seien aber nicht bereit, dasselbe für die Türkei zu tun. Größte Sorge in Ankara ist, dass ein Kurdenstaat, der mit den Ölquellen von Kirkuk eine solide wirtschaftliche Basis hätte, neue Abspaltungsbestrebungen der türkischen Kurden wecken könnte.

In Ankara mehren sich deshalb die Forderungen nach einer militärischen Intervention. Oppositionsführer Deniz Baykal sprach sich dafür aus, die Regierung zu einer Entsendung von Truppen zu ermächtigen. Nach Informationen aus Armeekreisen haben die Streitkräfte ihre Präsenz in der Grenzregion in den vergangenen Tagen weiter verstärkt. Ob das nur Drohgebärden oder Vorbereitungen einer Invasion sind, ist offen.

US-Vize-Außenminister Nicholas Burns, der heute in Ankara ist, dürfte versuchen, der türkischen Regierung die Militär-Option auszureden. Denn ein Einmarsch in Nordirak, fürchtet man in Washington, könnte auch diese, bisher noch relativ ruhige Region ins Bürgerkriegs-Chaos stürzen.

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