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15.06.2016

20:26 Uhr

Fußball-EM in Frankreich

Antoine und Uwe gemeinsam gegen die Hooligans

VonThomas Hanke

Während der Fußball-Europameisterschaft unterstützen zwölf deutsche Polizeibeamte die französischen Kollegen bei der Identifizierung von bekannten Gewalttätern und Hooligans. Beide Seiten kennen sich ziemlich gut.

Deutsche Polizeibeamte helfen den französischen Kollegen im Kampf gegen Hooligans. Reuters

EM 2016

Deutsche Polizeibeamte helfen den französischen Kollegen im Kampf gegen Hooligans.

ParisEtwas unschlüssig stehen sie im Vorzimmer des französischen Innenministers, die fünf Polizeibeamten aus NRW, Baden-Württemberg, Hessen und Thüringen. Draußen bauen sich gerade im Hof die französischen Beamten für die Schweigeminute zu Ehren der zwei am Montagabend ermordeten Polizisten auf, und noch wissen die Deutschen nicht, ob sie sich dazugesellen sollen. Schließlich werden sie eingeladen, sich zu den Franzosen zu stellen.

Wir trauen unseren Augen nicht: Einer von ihnen trägt seine großkalibrige Dienstwaffe an der Hüfte. Kaum sind sie zur Tür raus, kommen Staatspräsident und Premier, grüßen die noch Anwesenden Politiker und Journalisten mit Handschlag und stellen sich dann im Hof in die erste Reihe. Deutsche Polizisten hinter der politischen Elite Frankreichs, das sieht man nicht alle Tage.

Jeweils sechs Kontaktbeamte aus allen 23 Teilnehmerländern haben die Franzosen eingeladen zur Fußball-Europameisterschaft. Sie sollen bekannte Gewalttäter aus ihren Ländern identifizieren. Die deutsche Delegation wurde auf zwölf aufgestockt. Alle dürfen Waffen tragen – ein erstaunlicher Vertrauensbeweis seitens der Franzosen.

Deutschland hatte zunächst elf Beamte zur Fußball-Europameisterschaft nach Frankreich geschickt, die Delegation wurde inzwischen aber auf zwölf aufgestockt. Reuters

Die deutschen Fanbegleiter

Deutschland hatte zunächst elf Beamte zur Fußball-Europameisterschaft nach Frankreich geschickt, die Delegation wurde inzwischen aber auf zwölf aufgestockt.

„Die dürfen wir aber nur gebrauchen, um uns selbst im Notfall zu verteidigen“, sagt Uwe Ganz, als die Schweigeminute vorbei und die Marseillaise gesungen ist. Der 52-jährige Polizeioberrat aus Duisburg leitet das deutsche Team, das kurz von den Innenministern Thomas de Maizère und Bernard Cazeneuve begrüßt wird. Heute sind sie in ihrer blauen Ausgehuniform unterwegs, normalerweise besteht der „Dienstanzug“ aus Jeans.

Am Mittwochabend beginnt schon der Einsatz für das Spiel Deutschland gegen Polen am Donnerstag. Worin besteht die Arbeit? „Wir gehen zu den bekannten Treffs der Szene, suchen das Gespräch mit den Fans, machen ihnen deutlich, dass sie nicht anonym hier sind.“

Beide Seiten kennen sich. Manchmal werde man angepflaumt, sagt Ganz: „Dann hören wir: ‚Na, auch wieder da, schön auf Staatskosten unterwegs, was?‘“ Normalerweise sei die Reaktion friedlich, aber manchmal komme Aggressivität auf, „dann muss man schon mal ein schärferes Wort sagen.“. Alle Fanbegleiter seien dem harten Kern der Ultras bekannt, „die bereiten sich auf ihre Weise vor“, erläutert Ganz.

Auch die fünf anwesenden französischen Polizisten kennen ihre deutschen Kollegen, von der letzten Fußball-WM und regelmäßigen Treffen bei wichtigen Auswärtsspielen. Gibt es Unterschiede darin, wie man mit den Hooligans umgeht? „Es gibt allein schon große rechtliche Unterschiede“, sagt Antoine Boutonnet, Polizeikommissar und oberster französischer Verantwortlicher für die Eindämmung der gewalttätigen Fans.

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„Unsere deutschen Kollegen können schon zugreifen, wenn noch nichts passiert ist, wir dürfen erst jemanden verhaften, wenn eine Ordnungswidrigkeit begangen wurde.“ Erstaunlich, denn dem Augenschein nach würde man sagen, dass die französische Polizei etwa bei Demonstrationen deutlich härter vorgeht als die deutsche. Aber rein rechtlich haben die Deutschen die größeren Möglichkeiten.

Seit der Schlacht von Marseille zwischen Russen und Engländern liegt die Frage in der Luft, ob die Franzosen die Lage im Griff haben. Polizeioberrat Ganz ist zu höflich, um sich dazu zu äußern, und Boutonnet versiert genug, um die offizielle Lesart zu vertreten, dass der Einsatz in Marseille eigentlich ein Erfolg war, weil die Polizei nach anderthalb Stunden die Ruhe wiederhergestellt habe. Das muss er schon aus Selbstschutz sagen.

Aber ist die Polizei nicht überfordert mit dem gleichzeitigen Kampf gegen den Terrorismus, gegen Hooligans und gegen Schläger am Rande von Demonstrationen? Am Dienstag haben bis zu 4000 von ihnen die Pariser Innenstadt in Scherben gelegt. Sogar ein Kinderkrankenhaus haben sie angegriffen, eine Glaswand zertrümmert, hinter der in einem OP gerade ein Eingriff vorbereitet wurde. „Nein, überfordert auf keinen Fall“, wehrt sich Boutonnet. Es gebe auch ein falsches Bild: Mittlerweile habe man 44 russische Fans dingfest gemacht, die jetzt ihrer Verurteilung harren. Bei jedem Spiel seien 700 bis 800 Beamte der kasernierten Polizei im Einsatz, plus lokale Kräfte.

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Wenn die ausländischen Spotter „eine Risiko-Personen feststellen, können wir sie in Gewahrsam nehmen“, interpretiert Boutonnet am Ende den Rechtsrahmen doch etwas weiter. Ganz und seine Kollegen dürfen nicht selber tätig werden: „Wir empfehlen, informieren, beraten die französischen Kollegen, die entscheiden dann, ob eine Rechtsgrundlage da ist, um tätig zu werden.“

Der Duisburger hält es für ganz wichtig, nicht erst vor Ort mit der Arbeit gegen die Störer anzufangen: „Wir unternehmen alles mit Grenzkontrollen, Meldeauflagen und Gefährderansprachen, damit die Hooligans erst gar nicht nach Frankreich kommen.“ Über 700 solcher Ansprachen habe es gegeben: „Wir schellen bei denen und sagen: Bleib besser zu Hause, wir kennen Dich, mach Dir selber keine Probleme.“ An der deutsch-französischen Grenze habe es bislang 18 Ausreiseuntersagen gegeben.  

Am Donnerstag werden Ganz und seine Kollegen zu acht am Stade de France unterwegs sein, der Rest in der Pariser Innenstadt. „Leider hat es in der Vergangenheit harte Auseinandersetzungen zwischen deutschen und polnischen Fans gegeben“, stellt der Duisburger fest, deshalb gilt die Begegnung als Risikospiel. Dennoch hofft er, dass es ruhig bleibt. Den Wunsch hat sein französischer Kollege Boutonnet erst recht: Bilder wie in Marseille soll es nicht noch mal geben.

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