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01.06.2011

16:29 Uhr

Fußballverband in der Krise

Politik zeigt Fifa-Chef Blatter die gelbe Karte

Exklusiv Aller Krisen zum Trotz wird Sepp Blatter wohl an der Fifa-Spitze bleiben. Doch der Reformdruck, der auf dem Fußballweltverband lastet, ist immens. Die Politik fordert Aufklärung über Korruptionsvorwürfe.

Heiße Debatten um Zukunft der Fifa

Video: Heiße Debatten um Zukunft der Fifa

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Düsseldorf/ZürichMit radikalen Reformen will Verbandschef Joseph Blatter seine taumelnde FIFA vor dem Untergang retten. So soll in Zukunft nicht mehr das skandalumtoste Exekutivkomitee über die WM-Vergaben abstimmen, sondern alle Mitgliedsverbände beim Kongress. Zudem dürfen bei Korruptions- und Bestechungsvorwürfen erstmals auch externe Experten dabei helfen, im Fußball-Weltverband aufzuräumen.

"Ich bin ein Kapitän in turbulenten Zeiten. Wir haben Schläge eingesteckt und ich persönlich einige Ohrfeigen", sagte Blatter am Mittwoch in seiner mit Spannung erwarteten Grundsatzrede auf dem Kongress des Fußball-Weltverbandes in Zürich. Der Antrag seiner englischen Kritiker, die Wahl des Präsidenten zu verschieben, war zuvor mit klarer Mehrheit abgeschmettert worden. Der erneuten Inthronisierung des angeschlagenen Königs stand nichts mehr im Weg.

Doch Blattes Ruf ist schwer angekratzt. Die Vorwürfe der Korruption gegen seine Person, gegen hochrangige Mitglieder des Exekutivkomitees, all die Gerüchte um Bestechung bei der Vergabe der WM 2022 an Katar lasten wie Bleigewichte auf den Schultern des kleinen Mannes. Kritik von Sponsoren, der Öffentlichkeit, einiger Regierungen und die Rufe nach einer kompletten personellen Erneuerung in der schlimmsten Krise der 107-jährigen FIFA-Geschichte haben Blatter geschwächt.

Und die Kritik an ihm und seinem Verband reißt nicht ab. Deutsche Politiker aus Koalition und Opposition äußerten jetzt deutliche Zweifel am WM-Vergabeverfahren der Fifa und Konsequenzen forderten Konsequenzen. "Die Vergabe der WM an Katar zu überprüfen ist im Angesicht der dazu erhobenen massiven Korruptionsvorwürfe der letzten Tage unverzichtbar", sagte die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Dagmar Freitag (SPD), Handelsblatt Online.

Chronologie Bestechungsaffäre Fifa Stand 30.5.2011

18. November 2010

Sechs Funktionäre werden von der FIFA mit Strafen belangt. Die Ethikkommission schließt Adamu für drei Jahre von allen Aktivitäten im Fußball aus, Temarii für ein Jahr. Beide dürfen bei den WM-Vergaben nicht abstimmen. Vier ebenfalls ins Visier geratene ehemalige Offizielle werden ebenfalls gesperrt. „Alle Zweifel sind ausgeräumt“, sagt FIFA-Chef Joseph Blatter.

20. Oktober 2010

Die Exekutivmitglieder Reynald Temarii (Tahiti) und Amos Adamu (Nigeria) werden von der FIFA wegen Korruptionsverdachts vorläufig suspendiert. Sie sollen bereit gewesen sein, ihre Stimmen bei der Vergabe der WM 2018 und 2022 zu verkaufen.

29. November 2010

Neue Bestechungsvorwürfe gegen drei weitere Exekutivmitglieder: Ricardo Texeira (Brasilien), Nicolás Leoz (Paraguay) und Issa Hayatou (Kamerun). Die Verfehlungen des Trios sollen schon einige Jahre zurückliegen. „Der Schaden für den Ruf der FIFA ist sehr groß“, sagte Claudio Sulser, Chef der Ethikkommission.

2. Dezember 2010

Die FIFA vergibt die nächsten Weltmeisterschaften nach Russland (2018) und Katar (2022). Beide Länder sind erstmals Veranstalter einer Endrunde.

6. Dezember 2010

Die Wahl Katars gerät immer mehr ins Zwielicht, wiederum tauchen Bestechungsvorwürfe auf. FIFA-Vizepräsident Julio Grondona soll laut einem Bericht als Chef des argentinischen Fußball-Verbandes AFA etwa 59 Millionen Euro aus Katar erhalten haben. Vizepräsidenten-Kollege Julio Grondona verweigert einen Kommentar dazu: „Ich sage nichts dazu. Ich bin fast 80 Jahre alt. Ich will mich deshalb nicht mehr mit so etwas befassen.“

8. Dezember 2010

Blatter meint: „Wir müssen unser Image verbessern.“

4. Februar 2011

Der Einspruch von Adamu und Temarii gegen die Sperren wird von der FIFA-Berufungskommission abgelehnt.

10. Mai 2011

Der frühere englische Verbandschef David Triesman beschuldigt das FIFA-Quartett Teixeira, Leoz, Vize Jack Warner (Trinidad und Tobago) und Worawi Mukudi (Thailand) unlautere Forderungen vor den WM-Vergaben gestellt zu haben. Der Weltverband will den Vorwürfen nachgehen.

25. Mai 2011

Nun muss sich auch Präsidentschaftskandidat Mohamed bin Hammam vor der einberufenen Ethikkommission verantworten. Es soll um Bestechungsvereinbarungen bei einem Treffen der Karibischen Fußball-Union vom 10. und 11. Mai gehen. Ins Visier gerät auch FIFA-Vizepräsident Jack Warner (Trinidad & Tobago). Belastungszeuge ist Exekutivkomitee-Mitglied Chuck Blazer (USA).

27. Mai 2011

Die Ethikkommission nimmt Ermittlungen gegen FIFA-Präsident Blatter auf. Bin Hammam wirft dem Schweizer Amtsinhaber vor, von angeblichen Zahlungen an FIFA-Mitglieder aus der Karibik gewusst, aber zunächst nichts dagegen unternommen zu haben.

28. Mai 2011

Bin Hammam zieht seine Kandidatur für das Präsidentenamt überraschend zurück.

29. Mai 2011

Bin Hammam und Warner werden wegen Korruptionsverdachts für zunächst 30 Tage suspendiert. Sie sollen beim Treffen der Karibischen Fußball-Union versucht haben, für die Wahl des Katarers bin Hammam Stimmen zu kaufen.

30. Mai 2011

Warner erhebt neue Anschuldigungen gegen Blatter. Der habe dem Kontinentalverband Nord- und Mittelamerika/Karibik (CONCACAF) ein „Geschenk“ von einer Million Dollar zukommen lassen, um das Geld „nach eigenem Ermessen“ zu verwenden.

Auch die Vize-Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Gisela Piltz, sieht den Weltverband in der Pflicht. "Die Fifa sollte ein ureigenes Interesse an einer lückenlosen Aufklärung der Ungereimtheiten rund um die Vergabe der WM in Katar haben", sagte Piltz Handelsblatt Online. Die Vergabe eines solchen Großereignisses müsse prinzipiell frei von jeglichem Verdacht der Einflussnahme sein. "Sollte sich die bislang noch lückenhafte Faktenlage als wahr herausstellen, muss ohne Frage der gesamte Vergabeprozess auf den Prüfstand", betonte die FDP-Politikerin.

Bei der Vergabe der WM 2022 an Katar sollen Schmiergelder in Millionenhöhe gezahlt worden sein.

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