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20.06.2012

02:22 Uhr

G20-Abschluss

Kein Bündnis gegen Merkel

Zum Abschluss des G20-Gipfels ging es um die Nahrungsversorgung armer Länder. Zudem setzte sich EU-Kommissionspräsident Barroso für eine globale Steuer auf Finanzgeschäfte ein. Von Seiten der USA kam Lob für Deutschland.

Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff (r.) und Angela Merkel beim G20-Gipfel. AFP

Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff (r.) und Angela Merkel beim G20-Gipfel.

Los CabosDeutschland spielt aus amerikanischer Sicht eine „sehr konstruktive Rolle“ bei der Bewältigung der Schuldenkrise in Europa. Am Rande des Gipfels der großen Industrie- und Schwellenländer (G20) im mexikanischen Los Cabos sagte ein hoher US-Regierungsbeamter am Dienstag vor Journalisten, Deutschland sei entscheidend für eine Lösung, doch gehe es nicht nur um Deutschland. Alle EU-Staaten müssten „schwierige Entscheidungen“ treffen.

US-Präsident Barack Obama habe versucht, die Europäer zu energischeren Schritten zu bewegen. Deutschland und die anderen EU-Mitglieder verstünden allerdings den Ernst der Lage. Die Gemeinschaft wisse, dass sie mehr tun müsse, um die Märkte zu beruhigen. Der Rahmen, an dem die Europäer arbeiteten, laufe auch „auf eine viel schlagkräftigere Antwort hinaus“ als bisher ins Auge gefasst, sagte der US-Beamte, der anonym bleiben wollte.

Der Beamte zog eine positive Bilanz des Gipfels, der aus seiner Sicht „ein bisschen besser als erwartet“ gelaufen sei. Er müsse aber daran gemessen werden, was danach folge.

Die anderen Staaten hätten sich bei dem Abendessen am Montag nicht gegen Kanzlerin Angela Merkel verbündet, widersprach der US-Beamte einer entsprechenden Frage eines Journalisten. Der Rest der Welt sei nur fokussiert auf Europa und wolle, dass die Europäer verstünden, dass die Krise starke Auswirkungen auf das Wachstum anderswo habe.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Nach Angaben von IWF-Chefin Christine Lagarde sind die G20 "alle beunruhigt" über die Situation in Europa, trauen den Europäern aber auch das Überwinden der Krise zu. Zum Abschluss des G-20-Gipfels im mexikanischen Los Cabos zeigte sich Lagarde am Dienstag (Ortszeit) optimistisch, dass der auf dem Treffen der Staats- und Regierungschefs "gelegte Samen" aufgehen werde. Die europäischen Gipfelteilnehmer hätten sich verpflichtet, "alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Integrität und Stabilität der Eurozone zu sichern".

G20 fordern Ende der Euro-Krise

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Unter anderem fassen die Europäer die Schaffung einer Bankenunion ins Auge. Dies geht aus der Abschlusserklärung des Gipfels hervor, die vom gastgebenden mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón in Los Cabos verlesen wurde. Darin wird das Ziel einer "integrierteren Finanzarchitektur" in der Euro-Zone genannt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte bei dem Gipfel unter anderem die Bedeutung einer europäischen Bankenaufsicht betont. Konkrete Schritte wollen die EU-Staaten bei ihrem Gipfel Ende kommender Woche vereinbaren.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat sich beim G20-Gipfel für eine globale Finanztransaktionsteuer stark gemacht. Für Barroso ist eine solche Steuer auf Finanzgeschäfte ein Gebot der Fairness gegenüber den Ärmsten der Welt, wie aus der Gipfelrunde im mexikanischen Badeort Los Cabos verlautete. Ginge es nach Barroso, gingen die Einnahmen aus der Steuer in die Entwicklungshilfe.

In der Europäischen Union wird eine solche Abgabe derzeit intensiv diskutiert. Allerdings stellt sich vor allem Großbritannien mit seinem starken Finanzsektor dagegen. Deutschland ist dafür und gegebenenfalls bereit, auch mit einer kleineren Gruppe EU-Staaten eine solche Steuer einzuführen.

G20 vs Eurozone: Wer hat den schwarzen Peter?

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Kommentare (8)

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Braunes-Gesindel-Mordhelfer

20.06.2012, 03:18 Uhr

+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++

pensionskonto.de

20.06.2012, 07:27 Uhr

Bankenaufsicht, Bankenunion - als ob es keine Bafin oder Bael III gäbe. Man will den ganzen Mist schon gar nicht mehr kommentieren, der offensichtlich nur 2 Dogmen kennt: Retten (ob Banken oder Länder völlig egal), noch mehr Einrichtungen mit noch mehr Geld (ungebremste Aufschuldung)Am Schluß ist Deutschland dran: siehe Bund Future Entwicklung der letzten Tage; nach dem 26. Juni wird es garantiert ganz rund gehen

Nastrowje

20.06.2012, 07:37 Uhr

Da gab es einmal den Werbespruch: "Wir wollen alle prima leben und sparen. Wir machen Plus bei Plus..."
Wer fällt auf solche Lügen noch rein?

Leider die Allermeisten....

Deswegen ändert sich so wenig.
Die meisten sind von Elternhaus, Institutionen, wie Schulen, Firmen, Universitäten, Religionen un den Massenmedien so gehirngewaschen, dass sie nicht eigenständig denken können.

Der Mensch muß sich immer wieder und zwar mehrmals am Tag fragen. Kann diese oder jenes so sein?
Erst wenn der gesunde Menschenverstand kommt wird es besser, aber nicht mehr in dieser Krise...
Plötzlich und unerwartet brauchen Spanien und Italien den Rettunggschirm.
Die Zahlen der Refinanzierung lagen doch schon Jhre im Voraus offen dar!!!!
In einer Nacht und Nebelaktion wird der Untergang Deutschlands beschlossen (ESM-Verträge, Fiskalpakt) 29.6.12. Alternativlos! Hirnlos! Hauptsache noch ein paar Jahre weiter Politiker spielen, die Blockparteien CDU_CSU_SPD_LINKE_GRÜNE_FDP_PIRATEN.

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