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15.11.2014

12:26 Uhr

G20-Gipfel in Australien

Der sorgenvolle Blick auf die Schattenbanken

Auf der Agenda des G20-Gipfels in Australien am Wochenende steht das Thema Schattenbanken weit oben. Diese Finanzinstitute sind bisher kaum beschränkt – die Regierungen wollen das ändern.

Dunkle Wolken über der Skyline von Frankfurt: Ins Reich der Schattenbanken soll mehr Licht gebracht werden. dpa

Dunkle Wolken über der Skyline von Frankfurt: Ins Reich der Schattenbanken soll mehr Licht gebracht werden.

BerlinWenn es um die großen Risiken für das globale Finanzsystem geht, richtet sich der sorgenvolle Blick vieler Experten immer stärker auf die Schattenbanken. Hedgefonds, Geldmarktfonds und andere vergleichsweise wenig regulierte Finanzhäuser gewinnen zunehmend an Bedeutung. Denn je mehr die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) versuchen, die Bankenbranche mit schärferen Auflagen krisenfest zu machen, desto mehr Geschäft wandert zu den Finanzinstituten ab, die bisher kaum beschränkt werden. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel räumte kürzlich ein, der Schattenbankensektor sei ein „Bereich, der regulatorisch ziemlich nackt dasteht“.

Die Regierungen wollen das ändern: Auf der Agenda des G20-Gipfels in Australien am Wochenende steht das Thema Schattenbanken weit oben – als letzter Nachklang der Finanzkrise 2008. Die Regierungen planen vor allem strengere Veröffentlichungs- und Registrierungspflichten sowie höhere Standards für die billionenschweren Geschäfte. Damit soll mehr Licht in das Reich der Schattenbanken gebracht werden. Auch direkte Eingriffe der Aufseher in Hedgefonds-Geschäfte sind im Gespräch.

Bei den meisten Vorschlägen mangelt es bislang vor allem an der Umsetzung. Vor einem Jahr beim G20-Gipfel in Sankt Petersburg haben die Regierungen einen ersten Zeitplan hierfür auf den Weg gebracht, dieser soll nun fortgeschrieben werden.

Schattenbanken

Ein großes Problem der Finanzkrise

Vor fünf Jahren hat die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die Welt in Schock versetzt. Viele Banken hatten Risiken ausgelagert - in sogenannte Schattenbanken („shadow banking“). Auch heute noch sind Geschäfte in diesem Graubereich sehr einträglich und wachsen rasant.

Was versteht man überhaupt unter Schattenbanken?

Darunter fallen Unternehmen, die ähnliche Funktionen wie Banken wahrnehmen - aber im Gegensatz zu Banken fast keiner Kontrolle unterliegen. Sie bewegen sich in einer Schattenwelt oder Grauzone, daher der Name. Dazu gehören Geldmarktfonds, börsengehandelte Indexfonds und spezielle Zweckgesellschaften. Bekanntere Beispiele sind Hedgefonds oder Private-Equity-Firmen (externe Kapitalgeber, die Unternehmen außerbörslich Eigenkapital zur Verfügung stellen).

Wie groß ist dieser Graubereich?

Gigantisch. Zwischen 2002 und 2010 haben die Schattenbanken ihren Umsatz weltweit auf 46 Billionen Euro verdoppelt - das entspricht mindestens einem Viertel des globalen Finanzmarktes. Diese Zahlen nennen die Finanzaufseher des Financial Stability Board. In den USA bewegen die „Nichtbanken“ ein größeres Kreditvolumen als herkömmliche Banken. Für Deutschland beziffert die EU-Kommission den Anteil auf fünf Prozent, in Großbritannien auf 13 Prozent.

Der Trend zeigt nach oben. Wie arbeiten diese Unternehmen?

Schattenbanken sammeln Kapital ein, sind als Kreditvermittler tätig oder sichern Kredite ab. Dabei arbeiten sie vor allem mit Fremdkapital und nutzen oft Hebelwirkungen, um eine Summe zu vervielfachen. Diese Strategie gilt als risikoreich.

Warum sind Schattenbanken so gefährlich?

Weil sie sich oft sehr kurzfristig finanzieren. Das kann zu einem Kollaps führen, wenn viele Kunden auf einmal ihr Geld abziehen wollen („Bank-Run“). Schattenbanken machen Geschäfte mit wenig Kapital, aber einem hohen Schuldenanteil, was bei einer Krise einen hohen Schaden anrichten kann. Diese Unternehmen unterliegen nicht der Einlagensicherung und haben keinen Zugriff auf Notenbankgeld. Ungeordnete Insolvenzen könnten verheerende Folgen haben, warnt die EU-Kommission: „Schattenbanken und ihre Tätigkeiten können eine Reihe von Risiken bergen.“

Und wieso wird der Graubereich größer?

Es ist eine praktische Sache: Viele Geldhäuser nutzen Schattenbanken als Handelspartner, um Risiken loszuwerden. Beispielsweise ist eine Bank verpflichtet, ihre Kreditrisiken immer mit Eigenkapital abzusichern. Lagert sie diese Risiken in eine Zweckgesellschaft aus, kann sie diese Regel umgehen - unbemerkt von den Aufsehern. In der Finanzkrise brachte diese Geschäftspolitik Banken wie die Hypo Real Estate oder die IKB ins Taumeln. Aber auch in jüngster Zeit nimmt diese Tendenz wieder zu: Je mehr die EU Banken kontrolliert, desto größer ist der Anreiz, auszuweichen. Damit wächst wiederum das Risiko einer Krise - ein Teufelskreis.

Doch selbst Aufseher sind skeptisch, dass man diese Finanzfirmen wirklich in den Griff bekommt. „Da wird man auf dem Gipfel sicher wieder etwas ankündigen. Aber passieren wird da wohl auch in Zukunft nichts“, sagt ein Bankenregulierer, der anonym bleiben will. „Da ist man seit sechs Jahren nicht über die Analyse hinausgekommen.“

Gefährlich für das Welt-Finanzsystem sind die Schattenbanken weniger wegen ihrer Größe, sondern eher wegen ihrer engen Vernetzung mit den Banken und Versicherungen. Die Institute verkaufen angesichts der schärferen Regulierung immer mehr riskante Geschäfte in das Reich der Schattenbanken, die sich hiervon wiederum hohe Renditen versprechen. „Die Risiken verlagern sich in das System der Schattenbanken“, warnt IWF-Kapitalmarktexperte Jose Vinals. Dadurch blieben sie aber im Gesamtsystem. Auch die EU-Kommission sieht die Gefahren: „Jede Insolvenz kann erhebliche Ansteckungseffekte nach sich ziehen.“

Unumstritten ist bei Politikern und Aufsehern somit, dass die Schattenbanken das Potenzial haben, das globale Finanzsystem aus den Angeln zu heben. Sie verleihen Milliarden oder legen diese an, ohne direkten Zugang zu Zentralbankgeld zu haben. Zudem sitzen sie oft in exotischen Finanzzentren oder Steuerparadiesen und sind damit der Aufsicht der G20-Staaten entzogen.

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