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15.11.2015

09:24 Uhr

G20-Gipfel in der Türkei

Kampf dem Terror in der Fünf-Sterne-Festung

VonOzan Demircan

Unter dem Eindruck der jüngsten Terroranschläge treffen sich heute die G20-Mitglieder im türkischen Luxusferienort Belek. Präsident Erdogan fordert eine Abschlusserklärung, „an die man sich noch in Jahren erinnern wird“.

Der G20-Gipfel findet in Belek noch bis Montag nahe Antalya in der Türkei statt. T raditionell geh es um die Weltwirtschaft und das Ankurbeln der Konjunktur. Doch diesmal dürfte all das in den Hintergrund treten. AFP

Türkische Sicherheitskräfte an Rande der "Summit Zone"

Der G20-Gipfel findet in Belek noch bis Montag nahe Antalya in der Türkei statt. Traditionell geh es um die Weltwirtschaft und das Ankurbeln der Konjunktur. Doch diesmal dürfte all das in den Hintergrund treten.

BelekWo man auch hinsieht: Zäune. Der beschauliche Ferienort Belek, etwa 30 Kilometer östlich der türkischen Touristenmetropole Antalya, wirkt wie eine Geisterstadt. Ein kilometerlanges Polizeigitter umspannt den Ort wie ein Belagerungsring. Die Häuser sind leer, ebenso die Geschäfte für Wassersportzubehör, Kleidung und Lebensmittel, die man durch die Polizeigitter erahnen kann.
Das Dorf ist komplett abgesperrt worden, weil es in der „Roten Zone“ liegt. So wird der Bereich um das Areal genannt, in dem sich ab Sonntagmittag zwei Dutzend Staats- und Regierungschefs treffen werden. In Luxushotels direkt am kilometerlangen Sandstrand, in denen sonst vor allem deutsche, russische und britische Touristen ihren Pauschalurlaub verbringen, werden neben Bundeskanzlerin Angela Merkel, Russlands Präsident Wladimir Putin, Großbritanniens Regierungschef David Cameron unter anderem der Gastgeber Recep Tayyip Erdogan und auch wahrscheinlich US-Präsident Barack Obama über die großen Themen der Welt sprechen.

Wohl kaum ein Gipfeltreffen der größten Staatslenker hat bereits im Vorfeld so viel Aufmerksamkeit erregt wie der diesjährige G20-Gipfel in der Türkei. Und selten waren die Anforderungen an die Teilnehmer so hoch wie dieses Mal. Die Gruppe der G20 wurde 1999 ins Leben gerufen, als mehrere asiatische Länder in eine tiefe Finanz- und Wirtschaftskrise stürzten. Die Gründer wollten erreichen, durch finanzielle Zusammenarbeit neuen Krisen vorzubeugen. Nahmen zunächst nur die Finanzminister an diesem Treffen teil, versammelten sich 2008 zum ersten Mal die Staatschefs – in dem Jahr begann die Finanz- und Staatsschuldenkrise in den USA, das damals auch Gastgeber war.

Wer spielt bei G20 die Hauptrolle?

Putin

„Mächtigster Mann der Welt“, wenn es nach der US-Zeitschrift „Forbes“ geht, und zwar das dritte Jahr in Folge. Bei G20 in Brisbane 2014 isoliert wegen Ukrainekonflikt, in Antalya wieder im Mittelpunkt wegen Syrien: Russland bombt und sucht zugleich Verbündete für eine politische Lösung. Hält die Hand über Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Mit dem wollen die anderen aber eigentlich nicht reden. Wirtschaftlich hat Wladimir Putin (63), Kreml-Chef mit Weltmacht-Ambitionen, wenig zu bieten: Der niedrige Ölpreis, Inflation und westliche Sanktionen plagen Russland.

merkel

Hat Draht zu Putin. In Brisbane Vermittlerin bei Ukraine. Gestählt auch durch Verhandlungen über Eurokrise und Griechenland. Für „Forbes“ ist Angela Merkel (61) seit zehn Jahren die „mächtigste Frau des Planeten“. Genauso lange ist sie jetzt Bundeskanzlerin. Syrische Flüchtlinge machten Selfies mit ihr, hielten sie für einen Friedensengel. Doch zum Gipfel fährt sie so geschwächt wie kaum zuvor. Ihr Land ächzt unter der Last der Flüchtlingskrise. Von meisten EU-Partnern im Stich gelassen. Widerstand in CDU/CSU wächst, Umfragewerte sinken. Muss auf Fortschritte in Syrien hoffen.

Obama

Noch immer im Zentrum des Geschehens, dort aber nicht mehr alleine. Der US-Präsident schätzt Großgipfel nur so mittel. Wird zur Lösung der Weltkrisen wenig im Gepäck für Antalya haben, aber sich vor Paris nochmal für den Klimaschutz stark machen. Nur noch ein Jahr im Amt, aber wegen jüngster Erfolge (zum Beispiel Handelsabkommen TPP mit Ländern wie Australien, Japan, Malaysia) noch keine „lame duck“ (lahme Ente). Beginnt in der Türkei Dreier-Gipfeltour (Asean, Apec) durch die Welt. Barack Obama (54) verreist mit eigenem Präsidenten-Kaffeebecher, irritiert damit gelegentlich Gipfelgastgeber.

Erdogan

Der berühmte türkische Schwarztee kommt aus seiner Heimat. Staatspräsident und Gastgeber Recep Tayyip Erdogan (61) war vor kurzem weitgehend isoliert. In der Flüchtlingskrise von EU hofiert. Syriens Nachbar hält Schlüssel in der Hand, den Strom nach Europa zu bremsen. Will aber Gegenleistung sehen. Schränkt zu Hause Medien und Justiz weiter ein. Trotzdem erfolgreich. Seit dem Wahlsieg seiner islamisch-konservativen AKP mächtiger denn je. Immer für Überraschung gut. Begrüßte Palästinenserpräsident Abbas in Prunkpalast vor einer Kulisse aus 16 Kriegern in historischen Gewändern.

Xi

Hat Vetorecht im Weltsicherheitsrat, gute Beziehungen zu Russland und in den Nahen Osten. Könnte auch bei Lösung der Syrienkrise sehr wichtig sein. Chinas Präsident Xi Jinping (62) will auf der Weltbühne eine größere Rolle spielen. Hat die Taschen voller Geld. Wird als Sprössling der „roten Aristokratie“ in China „Prinzling“ genannt. Hat mehr Macht an sich gerissen als seine Vorgänger. Schafft sich mit Anti-Korruptionskampagne innerparteiliche Gegner vom Hals. Sammelt damit beim Volk Punkte. Wird nach Antalya G20-Präsident und lädt 2016 in die ostchinesische Stadt Hangzhou.

In diesem Jahr dürfte sich kein Regierungsmitglied und die wenigsten der 2469 offiziell akkreditierten Journalisten für die Regulierung der Finanzmärkte, für Zinsen oder Kernkapitalquoten interessieren. „Es scheint, als würden die Standardthemen dieses Mal etwas unter den Teppich gekehrt“, sagte eine Delegierte dem Handelsblatt. Die Attentate in Beirut am Donnerstag und vor allem in Paris am Freitagabend fordern Merkel & Co nämlich über das herkömmliche Maß heraus. Der türkische Präsident Erdogan erklärte auf einer Pressekonferenz im Vorfeld des Gipfels: „Terrorismus hat keine Religion, keine Nation, keine Rasse, kein Vaterland. Die Logik ‚Mein Terrorist ist gut, deiner ist schlecht‘ darf nicht mehr gelten.“ Damit ist die Agenda gesetzt.

Mehr als zwei Dutzend Strandhotels sind für den Gipfel mehr oder weniger beschlagnahmt worden, sie beherbergen derzeit mehr als 10.000 Delegierte, Regierungsbeamte sowie einen Großteil der Journalisten. Weil das immer noch nicht reicht, kommen einige Teilnehmer in benachbarten Luxushotels unter, die alle der Reihe nach an einem 15 Kilometer langen Strand liegen. Um die teils großen Entfernungen zu überbrücken, gibt es mehrere Shuttle-Verbindungen. Alle 50 Meter stehen Polizeigruppen im Schatten der Pinienbäume, für die die Region so bekannt ist. Mehrmals werden die Busse angehalten und die darin sitzenden Personen nach ihren Akkreditierungsausweisen gefragt. An jedem Hoteleingang gibt es Sicherheitskontrollen wie am Flughafen. Die Absperrzäune ragen bis ins Meer hinein.

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