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03.11.2014

11:35 Uhr

G8 oder G9?

Der Kampf ums 13. Jahr

VonKaren Grass

Die rot-grüne Landesregierung lässt sich heute von einem Runden Tisch absegnen, was sie von Anfang an wollte: Keine Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren. Den bundesweit tobenden Streit ums Turbo-Abi wird das nicht beenden.

Turbo-Abo oder mehr Zeit für die Orientierung: Darüber tobt landauf landab Streit in Deutschland. dpa

Turbo-Abo oder mehr Zeit für die Orientierung: Darüber tobt landauf landab Streit in Deutschland.

Dorsten/DüsseldorfViele hundert Paar Füße trappeln über den Boden, Fünftklässler wuseln zwischen großen Zwölftklässlern in der Pausenhalle des Backsteinbaus herum. Die große Pause am Gymnasium Petrinum in Dorsten ist vorbei. Die meisten sind an diesem Vormittag ausgelassen, die älteren Schüler wirken aber schon deutlich gebremster als die jüngeren.

„Naja, machen wir uns nichts vor, Schule ist halt Schule, da sind die Kleinen nicht mehr und nicht weniger euphorisch als die Großen“, sagt Schulleiter Wolfgang Gorniak. Und doch unterscheidet die jüngsten seiner Schüler eines deutlich von den Älteren: Sie lernen bis zum Abitur wieder 13 Jahre anstelle von zwölf. Denn ihre Schule nimmt seit drei Jahren als eine von zwölf Schulen an einem Modellversuch „G9 neu“ in NRW teil.

Für viele Eltern – von NRW über Hamburg bis nach Bayern – ist dieses 13. Jahr ein riesiges Politikum. Seit ab 2002 bundesweit (außer in Rheinland-Pfalz) der verkürzte Bildungsgang G8 eingeführt wurde, tobt der Kampf um die Frage: Wie lange brauchen Jugendliche, um persönlich zu reifen und sich fachlich und professionell zu orientieren? Einig sind sich fast alle, dass G8 überstürzt eingeführt wurde, in den meisten Ländern ohne pädagogisches Konzept. Welche Schlüsse aber daraus nachträglich zu ziehen sind, darüber streiten Lehrer, Eltern, Schüler, Gewerkschafter, Wissenschaftler und natürlich Politiker.

Die hitzige Debatte um die Mängel von G8 brachte die rot-grüne Landesregierung in NRW unter Zugzwang. Schulministerin Sylvia Löhrmann holte Eltern, Lehrer, Rektoren, Gewerkschafter und Bürgerinitiativen einen Runden Tisch – eine bundesweit einmalige Aktion. Im Frühjahr tagte er zum ersten Mal. Alle Beteiligten erarbeiten in Gruppen konkrete Empfehlungen für die Politik aus. Heute wird abgestimmt, welche Ergebnisse an den Landtag weitergereicht werden. Das Ergebnis ist schon bekannt.

G8 bleibt, mit einigen Modifikationen. Damit hat die zweite Abstimmungsoption – ein Votum für komplett neue Strukturen wie eine längere Mittelstufe oder eine Wiedereinführung von G9 – faktisch keine Chance mehr. Damit dürfte der Streit längst nicht beigelegt sein: Denn es wünschen sich – je nach Umfrage – 63 bis 76 Prozent der Eltern in NRW G9 zurück.

Runder Tisch in NRW

Einführung

Nordrhein-Westfalen führte im Jahr 2005 den verkürzten Bildungsgang flächendeckend ein.

Diskussionen

Eltern, Lehrer, Schüler sind mit G8 unzufrieden, da der Start mit einem neuen, zunächst kaum ausdifferenzierten Lehrplan holprig verlief. Das Schulministerium entschloss sich im Frühjahr zu einem ungewöhnlichen Schritt.

Der runde Tisch

Die verschiedenen Interessengruppen sollten an einem Tisch zusammenkommen. Über den Sommer wurde in drei Arbeitsgruppen in insgesamt sechs Treffen über die Zukunft des Gymnasiums in NRW diskutiert.

AGs

In den Arbeitsgruppen ging es um folgende drei Themen: Balance zwischen Schulzeit und Freizeit, konkrete Entlastungsmöglichkeiten für die Schüler und wissenschaftliche Fakten zu G8 und G9.

Empfehlungen I

Konkret sehen die zehn Handlungsempfehlungen der Arbeitsgruppen an die Landespolitik etwa vor, dass nur noch an einem Nachmittag in der Woche Unterricht stattfinden soll – bislang müssen die Gymnasiasten zwei bis drei Mal pro Woche lange in der Schule bleiben.

Empfehlungen II

Insgesamt sollen die Schüler eine Wochenstunde weniger haben und Hausaufgaben sollen teilweise zu Schulaufgaben umgewandelt werden, die direkt vor Ort erledigt werden. Und auch Prüfungssituationen sollen entzerrt werden: Bis zur neunten Klasse soll es höchstens drei Klausuren pro Woche geben.

Finale

Am 3.November kommen alle Vertreter erneut zusammen und stimmen über ihre Beratungsergebnisse ab. Das Votum geht dann in den Landtag, wo sich die Politiker damit befassen werden. Schon vor der Abstimmung scheint jedoch klar, dass es bei G8 bleibt.

„Im Grunde hat die Ministerin durchgedrückt, was sie wollte – über G9 wurde nie ernsthaft gesprochen, auch wenn die Diskussion als ergebnisoffen dargestellt wurde“, sagt Gregor Kowalski. Der Mathematiklehrer und Lerntherapeut leitet seit einigen Jahren das Lerninstitut Strategien für Mathematik und Schule (SMS) in Bonn und hat als Vertreter der Bürgerinitiative „G9 jetzt NRW“ an den AGs teilgenommen.

Anwesende Beamte hätten die Diskussionen stark in eine Richtung gelenkt, so Kowalski. „Es ging immer nur um Ausbesserungen bei G8.“

Kommentare (2)

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Frau Margrit Steer

03.11.2014, 12:12 Uhr

In NRW regeirt ja nicht Frau Kraft, sondern die Grünen.
Frau Kraft nickt alles ab.
Und wo die Grünen hinlangen, da wächst danach kein Gras mehr.
Die Grünen sind mMn die schlimmste Partei, die es bei uns gibt

G. Nampf

03.11.2014, 12:21 Uhr

Kinder/Jugendliche/Ejunge erwachsene (->Studenten) brauchen Zeit, damit sie so etwas wie eine Persönlichkeit entwickeln können. Wenn man sie im Eiltempo durch die Schule/Universität schleust, ist das nicht möglich, denn dann bleibt keine Zeit für andere Interessen, wo sie diese Persönlichkeit entwickeln können.

Insbesondere sind junge Menschen keine Rohware für die Industrie. Demnach ist es egal, was "die Industrie" zu dem Thema meint.

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